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Im Jammertal der Verlierer: Khameneis verlorenes Atomspiel

Irans Revolutionsführer beklagt, Iran habe einen hohen Preis für die Aufhebung der internationalen Sanktionen bezahlt. Tatsächlich hat das Land bei dem Atompoker mehr als 500 Milliarden US-Dollar verloren und musste für die Einigung mit dem Westen enorme Zugeständnisse machen. Doch eine Selbstschuld erkennt Khamenei nicht. Eine Bestandaufnahme von Mehran Barati. mehr »

Am 16. Januar 2016 bestätigte die Internationale Atomenergiebehörde, der Iran habe alle im Rahmen des Wiener Atomabkommens vom Juli 2015 übernommenen Verpflichtungen erfüllt – es sei nun sichergestellt, dass das iranische Atomprogramm der friedlichen Nutzung diene. Damit seien die Bedingungen für die Aufhebung der internationalen Sanktionen gegen das Land erfüllt.

Am Tag darauf meldete sich Barack Obama per Videobotschaft aus dem Weißen Haus. Der US-Präsident stellte fest, dass der Iran mehr als ein Jahrzehnt an einem Atomprogramm gearbeitet und vor dem Atomdeal fast 20.000 Zentrifugen zur Urananreicherung für den Bau von Atombomben installiert habe. Die angesammelte Uranmenge hätte für den Bau von zehn Atombomben gereicht. Dank der US-Diplomatie seien zwei Drittel dieser Maschinen entfernt und 98 Prozent der Uranbestände in ein Drittland ausgeliefert worden. Vor der Einigung sei der Iran kurz vor der Fertigstellung eines neuen Schwerwasserreaktors zur Herstellung von kernwaffenfähigem Plutonium gewesen. Heute sei der Kern des Reaktors herausgezogen und mit Beton gefüllt und könne so nicht wieder verwendet werden. Vor dem Deal habe die Welt wenig Einblick in das iranische Atomprogramm gehabt, so der Präsident weiter. Heute seien internationale Inspektoren auf iranischem Boden, die die iranischen Atomanlagen Rund um die Uhr überwachten. Der Iran habe vor dem Abkommen nur zwei bis drei Monate gebraucht, um Material zum Bau einer Bombe zu sammeln. Heute betrage der so genannte „Breakout-Punkt“ ein Jahr, führte Obama wieter aus. Mit der beispiellosen Kontrolle über Irans Atom-Programm sei die Welt auch in den kommenden zehn Jahren in der Lage, sofort zu erkennen, ob der Iran sich der Kontrolle entziehen wolle.

Mit dem Ende der IAEA-Überprüfungen und der Bestätigung der Unbedenklichkeit der iranischen Nuklearaktivitäten könne mit der Aufhebung der Embargos durch die USA und die internationale Gemeinschaft begonnen werden, so Obama. Der Iran habe nun Zugriff auf sein vom Westen eingefrorenes Geld. Der Präsident betonte, am allerwichtigsten sei für die USA die Tatsache, dass sie diesen historische Fortschritt allein durch Diplomatie, also ohne einen weiteren Krieg im Nahen Osten erreicht hätte. Allerdings werde eine Reihe von US-Sanktionen weiterhin in Kraft bleiben: etwa die Sanktionen im Bereich Raketentechnologie und konventioneller Waffen. Zudem solche, die dem Iran als Unterstützer von Terrorismus auferlegt wurden. Diese Sanktionen betreffen Personen, die in Kooperation mit dem Iran Terror unterstützen, Autoritäten und Institutionen, die die Entwicklung ballistischer Raketen fördern, Behörden und Personen, die verantwortlich für Menschenrechtsverletzungen und Zensur sind und Verantwortliche für regionale Destabilisierung etwa in Syrien und dem Jemen.

Die US-Innenpolitik und das Schicksal des Wiener Abkommens

Die Ausführungen des US-Präsidenten zeigen, dass die gegen die Islamische Republik Iran verhängten Embargos nur ausgesetzt und nicht aufgehoben werden. Die Grenze zwischen erlaubtem und verbotenem Warenhandel mit dem Iran bleibt verschwommen. Die gesamte Einigung ist von Veränderungen der innenpolitischen Machtverhältnisse in den USA abhängig. Die Wiener Übereinkunft hat einige wesentliche Fragen offen gelassen, die Interpretationen in jede Richtung erlauben. So ist etwa über die Frage der iranischen Luft-, Wasser- und Bodenverteidigung und die dazu notwendigen Waffengattungen nicht gesprochen worden. Das umfassende Wiener Nuklearabkommen enthält keinen Hinweis auf das iranische Raketenprogramm. Nur die Resolution 1929 des UN-Sicherheitsrats vom 9. Juni 2010 hat den Iran aufgefordert, die Erprobung neuer ballistischen Raketen zu unterlassen. Die Iraner haben jedoch stets eine Begrenzung ihres Raketenplans abgelehnt, weil dieser ausschließlich der Landesverteidigung diene.

Schon am 17. Oktober 2015 hatte sich die Botschafterin der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen, Samanta Power, besorgt darüber geäußert, dass das Teheraner Regime am 10. Oktober 2015 “eine Mittelstreckenrakete getestet hat, die eine Atombombe tragen könnte“. Das sei ein deutlicher Verstoß gegen die Resolution 1929. Am 11. Oktober 2015 wurde nach Angaben des iranischen Verteidigungsministeriums eine Langstreckenrakete namens Emad mit einer Reichweite von 1.700 Kilometern und einem mit 750 Kilogramm Gewicht beladbaren Sprengkopf erfolgreich getestet. Die USA registrierten zudem am 21. November 2015 einen Raketentest nahe der Hafenstadt Tschabahar an der pakistanischen Grenze und forderten am 8. Dezember mit Großbritannien, Frankreich und Deutschland den Sanktionsausschuss des UN-Sicherheitsrates deshalb zum Handeln auf. Passiert ist nichts, da Russen und Chinesen der Ansicht waren, dass mit dem Inkrafttreten der Wiener Übereinkunft die UN-Resolutionen ohnehin hinfällig würden. Die USA halten jedoch weiterhin an ihren entsprechenden Sanktionen fest.

Nach der Einigung feiern die Menschen in Teheran und anderen Großstädten bis spät in die Nacht!

Nach der Einigung feiern die Menschen in Teheran und anderen Großstädten bis spät in die Nacht!

Laut Einschätzung des amerikanischen Verteidigungsministeriums würden ballistische Raketen des Iran das militärische Gleichgewicht am Persischen Golf völlig verändern. Hierbei geht es vor allem um die elektronisch leitbare Fateh-110-Rakete mit einer Reichweite von 300 Kilometern, die 650 Kilogramm Sprengmaterial tragen könnte. Nach Ansicht amerikanischer Marineexperten würden solche Raketen in iranischer Hand eine Bedrohung maritimer Tätigkeiten im Persischen Golf und in der Straße von Hormuz bedeuten. Andere Experten sind hingegen der Meinung, der Iran verfüge nur über begrenzte Fähigkeiten, gegen Kriegsschiffe gerichtete Raketen oder auch Langstreckenraketen zu mobilisieren. Das Gleichgewicht der Marinestreitkräfte in der Region würde sich nur dann ändern, wenn der Iran das nötige hohe Niveau an Komplexität und Präzision in der Raketenentwicklung erreichen würde. Damit sei aber für die nächste Zeit nicht zu rechnen.

Trotz dieser Einschätzung hat das amerikanische Schatzamt am 17. Januar 2016, also nur einen Tag nach dem Inkrafttreten des Wiener Abkommens, in Reaktion auf die iranischen Raketentests vom Oktober und November 2015 neue Embargos gegen drei Gesellschaften und sieben Personen angekündigt, die in Zusammenhang mit dem iranischen Raketenprogramm stehen. Ihre Verbindungen zum amerikanischen Bankensystem wurden gekappt. Am Tag darauf kündigte das Weiße Haus jedoch an, die Umsetzung der beschlossenen Maßnahmen werde zunächst ausgesetzt.

Alle diese Ereignisse und Reaktionen deuten aber auf die Umkehrbarkeit der amerikanischen Einigung mit der Islamischen Republik Iran hin. Sollten die Republikaner die Präsidentschaftswahlen gewinnen oder Obama sich aus innen- oder außenpolitischen Gründen dazu gezwungen sehen, könnten die einseitigen amerikanischen Embargos gegen den Iran wieder aktiviert werden.

Revolutionsgarden machen Politik

Die Aussetzung der am 17. Januar beschlossenen neuen Embargos stand zweifellos im Zusammenhang mit der Verhaftung von zehn amerikanischen Marinesoldaten in iranischen Gewässern. Die Marinestreitkräfte der Revolutionsgarde hatten am 12. Januar zwei Marineboote der USA und deren Besatzung festgesetzt, weil sie bis zu zwei Kilometer weit unbefugt in die Hoheitsgewässer des Iran eingedrungen waren. Schon am 13. Januar hat jedoch die Führung der Revolutionsgarde großmütig erklärt, sie werte den Vorfall nicht als Spionage, sondern ginge von einem technischen Defekt des Navigationssystems aus. Soldaten und Boote wurden freigegeben, konnten das Land aber erst am 17.Januar verlassen. Nur einige Stunden später gab das US-Schatzamt die besagten neuen Embargos bekannt.

Inzwischen war bekannt geworden, dass die gefangenen US-Soldaten gegen in den USA inhaftierte Iraner ausgetauscht werden sollen. Interessanterweise sind die amerikanischen Soldaten inzwischen zuhause angekommen, während die iranischen Gefangenen die Rückreise in die Heimat verweigerten.

Ayatollah Khamenei macht sich Sorgen

Am ersten Handelstag der Londoner Ölbörse nach Inkrafttreten der Atomübereinkunft und dem Ende der Nuklearembargos gegen den Iran erreichte der Ölpreis am 18. Januar 2016 den tiefsten Punkt seit 2003. Die Steigerung der iranischen Ölexporte um 500.000 Fässer führte die Preise am ohnehin mit einem Überangebot gespeisten Ölmarkt weiter nach unten. Das iranische Öl war pro Fass nur für 27 Dollar und 67 Cent verkaufbar – der beste Ölpreis zur Zeit der Präsidentschaft Mahmud Ahmadinedschads hatte bei 110 US-Dollar gelegen. Dabei unterlagen die iranischen Öl- und Raffinerieprodukte zu der Zeit den europäisch-amerikanischen Embargos. Saudi-Arabien und die Arabischen Emirate profitierten nicht nur in den vergangenen fünf Jahren vom Marktausschluss des Iran. Um den Iran politisch in die Knie zu zwingen und aus Syrien und Jemen zu vertreiben, hatten die Saudis den Ölmarkt überschwemmt, um die iranischen Marktanteile zu Dumpingpreisen zu übernehmen.

Saudi-Arabien und die Emirate haben ihre Absicht offen bekundet, auch nach dem erneuten Markteintritt Irans ihre Ölproduktions- und Exportpolitik nicht zu ändern. Der Ölminister von Oman, Mohammed Bin Hamed Al Rumhy, erklärte zwei Tage nach Aufhebung der Embargos – die Marktsituation richtig einschätzend – : „Wir sind bereits Gefangene des Ölpreis-Tsunamis – und manche machen sich Sorgen über den Markteintritt Irans? Ich tue es nicht!“ Er vergaß allerdings zu erwähnen, dass die iranische Wirtschaft schon seit Jahren mit einem schweren Tsunami zu kämpfen hat.

Die verheerenden Folgen ihres selbst verschuldeten Niedergangs sind mittlerweile so offensichtlich, dass selbst der iranische „Revolutionsführer“ Ayatollah Ali Khamenei sie nicht mehr ignorieren kann. Eine Selbstschuld sieht er jedoch nicht. Was das iranische Volk zu erleiden habe, sei die Folge der “grausamen Sanktionen” des Westen, so Khameneis Ansicht. Bei seiner ersten Äußerung nach dem Inkrafttreten des Wiener Abkommens sagte der Ayatollah am 19. Januar: „Ich bringe meine Genugtuung zum Ausdruck über den Widerstand des großen iranischen Volkes gegen die ungerechten Sanktionen und über die unermüdlichen Anstrengungen der Verhandlungsführer, die schließlich die Kontrahenten, von denen einige in der Feindschaft gegen das iranische Volk einen zweifelhaften Ruf genießen, zum Rückzug und zur Aufhebung eines Teils der Sanktionen gezwungen haben.“ Alle Schriften und Aussagen, die diese Tatsache ignorierten und sich der westlichen Seite gegenüber dankbar zeigten, gingen mit der öffentlichen Meinung des Volkes unehrlich um: „Ich empfehle, in der Agitation darauf zu achten, dass wir für das Erreichte in diesem Handel einen hohen Preis bezahlt haben“, so Khamenei weiter. „Das gegen die Front der Arroganz und Drangsalierer Erreichte ist dem Widerstand und der Beständigkeit des Volkes zu verdanken.“ Dies sei „eine große Lehre“.

500 Milliarden US-Dollar Schaden

Das Finanzministerium der USA schätzt die Gesamtkosten der internationalen Sanktionen für die iranische Wirtschaft auf mehr als 500 Milliarden US-Dollar. Die Weltbank berichtete zum Zeitpunkt der Wiener Einigung vom 107 Milliarden Dollar „eingefrorenen” iranischen Vermögen im Ausland, wovon als Bargeld nur 29 Milliarden ins Land zurückfließen könnten.

Schwerwasserreaktor in Arak - Jahre lang ein Streitpunkt zwischen dem Iran und dem Westen - soll durch einen Leichtwasserreaktor ersetzt werden

Schwerwasserreaktor in Arak – Jahre lang ein Streitpunkt zwischen dem Iran und dem Westen

Zu den volkswirtschaftlichen Verlusten muss man den auch politisch bedingten Rückgang des iranischen Erdöl- und Erdgaseinkommen rechnen. Das Erdöleinkommen ging von 120 Milliarden Dollar im Jahr 2011 auf etwa 23 Milliarden im laufenden Jahr zurück. Dieser hohe Preis wurde der iranischen Wirtschaft und Bevölkerung auferlegt, weil die politischen Entscheidungsträger des Landes die weltweiten Folgen ihrer nuklearen Fehlentscheidung unterschätzen. Denn niemand in der Welt konnte und wollte glauben, dass ein Land mit großen Energiereserven 500 Milliarden Dollar Schaden in Kauf nimmt, um ein Siebenhundertstel seines jährlichen Bedarfs an Elektrizität mit dem noch nicht ganz betriebsfähigen Atomkraftwerk in Bushehr zu decken. Nicht grundlos gingen viele Politiker und Analysten eher von der Absicht der Teheraner Machthaber aus, unter dem Deckmantel der Energiegewinnung zu einer Atommacht aufsteigen zu wollen.

Zur Zeit Ahmadinedschads hatte der Iran mit 19.000 Zentrifugen der ersten Generation nur ein Zehntel des Uraniumbedarfs der Bushehrer Atomanlage decken können, die selbst bei voller Kapazität höchstens ein Dreiundsiebzigstel des Strombedarfs des Landes produziert hätte. Ahmadinedschad und seine Unterstützer hätten 500 Milliarden Dollar Kosten durch die Embargos in Kauf genommen, um so einen geringen Teil des Energiebedarfs produzieren zu können?

Das alles ließe sich dennoch für einen Teil der Bevölkerung und des Herrschaftsapparats legitimieren, wenn das Regime tatsächlich den Besitz einer Atombombe als nationale Verteidigungswaffe zum Ziel erklärt hätte. Die Teheraner Machthaber beteuerten aber stets, dass sie keine Nuklearwaffe produzieren wollten. Wäre dem so, bliebe immer noch die Frage, weshalb sie zwölf Jahre lang keinen Ausweg aus der Sackgasse gefunden haben, sich dem Westen gegenüber als ideologisch-politisch-militärische Gegenmacht zu präsentieren. Unter diesem Aspekt spricht alles dafür, dass die iranische Führung zur Zeit Ahmadinedschads die Gefahr eines umfassenden Embargos für nicht real genug hielt, um sich auf die Lösungsangebote des Westens einzulassen.

Das Angebot Georg Bushs

Aus demselben Grund beantworteten sie sogar das sehr ernsthafte Paketangebot des Westens aus dem Jahr 2008 mit ausweichenden und sachfremden Gegenpaketen: Zunächst sollte die Struktur der Vereinten Nationen und des Weltsicherheitsrates reformiert oder die Struktur der Internationalen Atomenergiebehörde verändert werden. Außerdem sollte das Recht auf die Nutzung des Weltraums generalisiert werden. Das alles deutete darauf hin, dass Khamenei und Ahmadinedschad kein Interesse an einer für den Westen annehmbaren Lösung hatten. Obgleich Georg Bush den Iran auf die „Achse des Bösen“ gesetzt hatte, suchte er im Hintergrund zur Lösung seines Irakproblems nach einer wirksamen Zusammenarbeit mit dem Iran.

Drei Jahre nach der militärischen Besetzung des Iraks im April 2003 durch amerikanische Truppen befand sich die US-Politik in einer Sackgasse. Die Anzahl der gefallenen amerikanischen Soldaten erreichte dramatische Dimensionen. Für den wesentlichen Teil ihrer militärischen und sicherheitspolitischen Rückschläge im Irak machte die Bush-Regierung die Führung in Teheran verantwortlich. Dabei wurde sogar ein Plan für eine militärische Intervention in den Iran ausgearbeitet und dessen Umsetzung in Erwägung gezogen. Die damalige US-Außenministerin Condoleeza Rice legte jedoch dem Präsidenten nahe, die Kooperation der Iraner mit einer Reihe von Konzessionen zu erkaufen. Bush akzeptierte diesen Plan. Unmittelbar danach legte Javier Solana, der damalige Hohe Vertreter der EU für die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, das Angebotspaket der Amerikaner dem damaligen Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrats des Iran, Ali Larijani, der die Atomverhandlungen für den Iran führte, vor.

Nach diesem Plan hätte der Iran zunächst nur für die Zeit der Verhandlungen über sein Atomprogramm die Urananreicherung aussetzen und die Kontrollen der Internationalen Atomagentur durch das Umsetzen des Zusatzprotokolls zum Atomsperrvertrag akzeptieren müssen. Als Gegenleistung hätte das Land die Anerkennung des Rechts auf friedliche Nutzung der Atomenergie nach Paragraph 4 des NPT-Vertrages einschließlich technisch fortgeschrittener Leichtwasserreaktoren, der Erlaubnis zum weiteren Betrieb der iranischen Forschungszentrifugen, der sukzessiven Aufhebung der US-Embargos, dem Verzicht auf einen „Regime Change“ im Iran, der Unterstützung der Aufnahme Irans in die Weltgemeinschaft sowie der Mitgliedschaft Irans in die WHO bekommen. Zu dem Angebot gehörte außerdem die Vereinbarung eines Rahmenabkommens mit der EU für Direktinvestitionen, die Intensivierung der Handels- und Wirtschaftsbeziehungen mit der EU, eine strategische Partnerschaft und technisch-wissenschaftliche Kooperation auf dem Gebiet der Erdöl- und Erdgasindustrien, der langfristige Aufbau der notwendigen Infrastruktur für Energieeffizienz und erneuerbare Energien sowie die Mehrfachsicherung für das Angebot von Brennstäben für den Bedarf iranischer Kernkraftwerke, die Beteiligung Irans an einer internationalen Einrichtung für Urananreicherung in Russland, die Unterstützung regionaler Gemeinschaften von Staaten der Region und anderen Interessengruppen zur Förderung der Zusammenarbeit und des Dialogs über wichtige Fragen der regionalen Sicherheit am Persischen Golf, die Gewährleistung der territorialen Integrität und politischen Souveränität der beteiligten Staaten sowie die Unterstützung des Ziels eines massenvernichtungswaffenfreien Nahen Ostens.

Nach den hinter dem Vorhang geführten Gesprächen zwischen Larijani und Javier Solana erklärte der damalige amerikanische Präsident Georg Bush bei seiner Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen am 19. September 2006, die USA hätten keine Bedenken gegen ein tatsächlich friedliches Atomprogramm der Iraner. Er wünsche sich den Tag, an dem beide Länder gute Freunde und enge Partner sein würden. Nur einen Tag später sprach Präsident Ahmadinedschad vor demselben Gremium und ignorierte alle Verabredungen, die Larijani mit Solana getroffen hatte.

Die Antwort der iranischen Regierung

Ahmadinedschad sagte, seiner Ansicht nach sei Irans Nuklearfrage geklärt, die Akte seines Landes werde vom UN-Sicherheitsrat an die Internationale Atomagentur in Wien zurückverwiesen. Das iranische Nuklearproblem sei als beendet anzusehen. Das alles sagte er wohl wissend, dass zwei Monate zuvor der UN-Sicherheitsrat seine erste Resolution gegen das iranische Atomprogramm verabschiedet hatte, der drei Monate später eine weitere Resolution folgte, die die erste Serie von Sanktionen gegen den Iran beinhaltete.

Die Iraner wollen aber ihre militärische Verteidigungspolitik nicht als Verhandlungsgegenstand der Atomgespräche sehen

Die Sanktionen gegen das Raketenprogramm des Iran sind immer noch in Kraft und verh

Mit dieser Rede vor der Vollversammlung der UN hatte Ahmadinedschad den eigentlichen Verhandlungsführer in Atomsachen, Ali Larijani, einfach ausgetrickst. Es war nach vielen Gesprächen über das Paketangebot der USA und EU vorgesehen, dass Larijani in New York eine endgültige Einigung mit den Außenministern der Gruppe 5+1 (bestehend aus den fünf ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats und Deutschland) vereinbart und diese vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen verkündet.

Dass die Reise Larijanis nach New York ausgesetzt und an seiner Stelle Ahmadinedschad die iranische Position vor den Vereinten Nationen zur Sprache brachte, kann nur mit Zustimmung Khameneis stattgefunden haben. Der „Revolutionsführer“ hielt schon immer alle Angebote des Westen für einen Trick, um die Entwicklung einer eigenen unabhängigen iranischen Atomindustrie mit allen Folgeindustrien zu verhindern. Der klügere konservative Larijani wurde anschließend aus dem Amt vertrieben, um den willigen Said Jalili an seine Stelle zu setzen. Dieser folgte widerspruchslos Khamenei und Ahmadinedschad.

Die Wirtschaft ruiniert

Nun kann Khamenei noch tausend Mal über die aufgebürdeten hohen Kosten der jetzigen Einigung jammern und sein Volk um Geduld bitten: In Wien hat er alles geben müssen, um fast nichts zu bekommen. Hätte er wenige Jahre zuvor die prekäre Lage Georg Bushs richtig eingeschätzt und sein großzügiges Angebot angenommen, wären dem Land und seiner Wirtschaft nicht nur die bis heute über 700 Milliarden Dollar Verluste erspart geblieben.

Die iranische Wirtschaft liegt zehn Jahre nach Khameneis Einigungsverweigerung am Boden. Der Wert der iranischen Währung sinkt, die Häfen sind veraltet und können die Kapazität der Aus- und Einfuhren nicht bewältigen. Über 120.000 Produkte sind nicht standardisiert, die entsprechenden Industrien können nicht miteinander kommunizieren, der Staat kann sein Budget nicht aus dem selbst Erwirtschafteten decken, sondern leiht sich ständig Geld bei der Zentralbank und Privatbanken, um Gehälter, Subventionen und die dringendsten Ausgaben zu finanzieren. Die meisten Industriebereiche liegen wegen des embargobedingten Mangels an Produktionsbestandteilen immer noch lahm. Das inländische Kapital wandert in den spekulativen Boden- und Baubereich. Die industriellen Investitionen gehen dagegen ständig zurück. 19 Prozent aller Fabriken haben ihren Betrieb komplett eingestellt, der Rest arbeitet mit einer Kapazität von 30 bis 45 Prozent. Ihnen fehlt es an Bargeld. Die Bankzinsen sind so hoch, dass die Produzenten sie auf dem Markt nicht durch Preise abfangen können. Die in iranischen Häfen gelöschten Waren, immerhin für ein Volk von 80 Millionen, betragen weniger als ein Viertel dessen, was in kleinen arabischen Emiraten mit nicht einmal zwei Millionen Bevölkerung ins Land geht. In dieser Lage ging das iranische Erdöleinkommen um 60 Prozent zurück.

Hätte Khamenei sich mit Präsident Bush in seiner irakischen Notlage geeinigt, ginge es den IranerInnen heute besser denn je. Doch Khamenei konnte es nicht lassen. Er muss seine politischen und militärischen Ambitionen in Syrien, Jemen, Irak und so fort befriedigen. Nun fehlt ihm dafür jedoch das Geld. Hoffen wir auf seine Einsicht im Jammertal der Tränen.

  MEHRAN BARATI*

Dr. Mehran Barati ist einer der exponierten Oppositionellen aus dem Iran. Er ist regelmäßiger unabhängiger Analyst auf BBC Persian und VOA (Voice of America) Persian und gilt als Experte für internationale Beziehungen.
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