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Web-Community feiert Ende des Atomstreits

Ein Land im Jubeltaumel: Nicht nur auf den Straßen, auch im Internet feiern IranerInnen den Atomdeal zwischen dem Iran und dem Westen. Doch es gibt auch mahnende Stimmen, die vor zu viel Euphorie warnen.  mehr »

Der 13 Jahre andauernde Atomkonflikt zwischen dem Iran und dem Westen ist beigelegt. Tausende von IranerInnen feierten landesweit auf den Straßen des Iran die Übereinkunft zwischen den Konfliktparteien. Ihre Hoffnung: die baldige Aufhebung der Sanktionen gegen ihr Land und damit eine wirtschaftliche und soziale Erholung. Auch in sozialen Netzwerken und auf Online-Diskussionsforen wird diese Hoffnung deutlich: „Ich kann das gar nicht glauben. Kann es tatsächlich sein, dass unser Elend nach all den Jahren ein Ende hat?“, schreibt ein User mit dem Pseudonym Iran unter einem Nachrichtenbeitrag der Webseite Fararu. Niloofar wiederum schreibt: „Jahrelang haben wir IranerInnen uns gegenseitig Mut gemacht und gesagt, dass bessere Zeiten kommen werden. Jetzt endlich scheint diese Zeit greifbar nah zu sein. Ich kann mein Glück gar nicht in Worte fassen.“ Das iranische Volk habe viel zu lange unter der Kompromissunfähigkeit der Verhandlungsparteien gelitten. Der jetzt ausgehandelte Deal schaffe die Grundlage, um Armut und Verelendung zu reduzieren, so Hassan auf der Facebook-Präsenz von BBC Farsi. „Ich hoffe sehr, dass der Braindrain durch den Deal gestoppt wird. Wenn junge hochqualifizierte Menschen im Iran eine Perspektive bekommen, dann wandern sie nicht mehr aus. Wir brauchen sie hier bei uns und nicht woanders“, so ein anderer Web-User auf der Facebook-Seite von DW Farsi. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für die iranische Jugend hat auch Iranie Omidvar: „Mein Wunsch ist es, dass das Ausland endlich wieder in den Iran investiert.“ Die jungen IranerInnen bräuchten dringend Jobs, kommentiert er einen Artikel auf dem Nachrichtenportal Asre Iran.

Lob für Verhandlungspartner

Dass „eine bessere Zukunft“ nun überhaupt möglich erscheint, sehen viele IranerInnen als den Verdienst der iranischen und amerikanischen Verhandlungsteams. „Glückwunsch an alle Beteiligten im Iran und in den USA. Dieser Deal markiert den Beginn eines neuen Frühlings zwischen unseren beiden Nationen“, so ein anonymer User auf Voice of America Farsi. Ähnlich äußert sich Majid auf Fararu: Die Zeit von Parolen wie „Tod den USA“ sei endgültig vorbei. In der heutigen Welt zähle nur Dialog, nicht Feindschaft und Provokation, so der Internet-User.

Nach der Einigung feiern die Menschen in Teheran und anderen Großstädten bis spät in die Nacht!

Nach der Einigung feiern die Menschen in Teheran und anderen Großstädten bis spät in die Nacht!

Viel Lob gibt es jedoch vor allem für das iranische Verhandlungsteam, allen voran für Außenminister Javad Zarif: „Nach Jahren hat es ein iranischer Staatsmann geschafft, auf der Weltbühne für positive Schlagzeilen zu Sorgen. Wir werden dir das nie vergessen, Dr. Zarif“, schreibt die Fararu-Besucherin Shamsi. Zarif sei durch den Deal über Nacht zum „Retter der Nation“ geworden, glaubt Elnaz. „Er wird über Jahre der populärste Politiker des Iran sein“, schreibt sie auf der Facebook-Seite von BBC Farsi.
Auch auf Twitter ist die Euphorie um den Minister unverkennbar. Zahlreiche User posten Fotos und Graphiken, auf denen Zarif gedankt wird.
Warme Worte gibt es aber auch für Barack Obama: Dieser sei einer der wenigen US-Präsidenten, die mehr auf Verhandlungen als auf Drohungen gesetzt hätten. „Obama vertraut mehr auf Tinte und Papier als auf Raketen“, schreibt Hamed auf Voice of America Farsi.

Häme für Netanjahu

Schadenfreude herrscht derzeit dagegen bei vielen Web-Usern gegenüber Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, der den Deal zwischen dem Iran und der Gruppe 5+1 einen „historischen Fehler“ nennt. „Bye, bye Netanjahu. Such dir einen neuen Feind“, schreibt Siamak auf der Facebook-Präsenz von Voice of America Farsi. Ein anderer User schreibt: „Netanjahu ist ein rückwärtsgewandter Politiker, das israelische Äquivalent zu Ayatollah Khamenei. Auch seine Zeit ist vorbei.“ Zahlreiche Twitter-User teilen einen Kommentar der Israelischen Tageszeitung Haaretz. In dem heißt es: „Armer Netanjahu, die Welt hat ihm sein Lieblingsspielzeug weggenommen – die iranische Bombe.“

Skepsis und Kritik

Mohammad Javad Zarif

Irans Außenminister, Javad Zarif, wird von manchen Internetusern als „ein Held“ gefeiert

Doch nicht nur Netanjahu, auch manch Iraner ist unglücklich über den Deal. „Das Abkommen ist nicht das Papier wert, auf dem es unterschrieben wurde“, ätzt der User Sarbaaze Emam auf Radio Farda. Ein anonymer Besucher der konservativen Nachrichtenplattform Fars News zeigt sich über den allgemeinen Jubel der IranerInnen überrascht: „Was ist denn so toll an einem Deal, der uns vom Westen aufgezwungen wurde?“, fragt er. Mohammad wiederum schreibt: „Ihr hofft, dass der Westen zum wirtschaftlichen Aufschwung des Iran beiträgt? Wenn der Westen wüsste, wie man eine Wirtschaft ankurbelt, würde Griechenland nicht so dahin siechen.“

Einige Web-User warnen vor zu viel Euphorie. So auch Younes auf dem Webportal Zoomit: Man solle bei aller Freude niemals vergessen, dass der „US-Imperialismus nur seine eigenen Interessen“ verfolge. „Ich hoffe wirklich, dass Zarif den Deal mit Bedacht unterzeichnet hat“, schreibt er weiter. Zu Zurückhaltung mahnt auch Ezhaq auf Asre Iran: „Wir sollten erst abwarten und genau analysieren, was wir als Nation aufgeben mussten, damit ein solcher Deal zustande kommen konnte.“
Für die meisten IranerInnen überwiegt jedoch die Hoffnung auf einen anderen Iran. Die Fotomontage einer Autobahn-Werbetafel, auf der nach dem Atomdeal in persischen Buchstaben für Hennesy Cognac geworben wird, ist zwar scherzhaft gemeint. Sie zeigt aber auch, wie sehr sich die Bevölkerung neben einem wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung auch die Freiheiten wünscht, die ihr seit 1979 versagt geblieben sind.

  JASHAR ERFANIAN