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Mangelnde Hingabe = Ende der Freundschaft? Das Tandem Khamenei/Rouhani

Es gab Zeiten, da pries der iranische Präsident seine enge Beziehung zum Revolutionsführer des Iran als „das wertvollste Kapital seines Lebens“, mit dem sich wichtige Probleme des Landes lösen ließen, allen voran der Atomkonflikt. Tatsächlich hatte Rouhani nach seiner Wahl Khameneis Unterstützung beim Atomdeal. Für viel mehr reichte das „Kapital“ aber nicht. Bis vor wenigen Wochen schien Rouhani noch aussichtsreichster Kandidat bei der kommenden Präsidentenwahl im Iran zu sein. Doch inzwischen hat sich der Wind gedreht. Khameneis Anhänger haben sich auf einen Gegenkandidaten geeinigt, der Rouhani gefährlich werden könnte. Damit steht dem Iran eine Wahl voller Überraschungen und Ungewissheiten bevor. mehr »

Es war Hashemi Rafsandschani, einer der Architekten der Islamischen Republik, der alle und alles überschattete, Revolutionsführer Khamenei inklusive. Denn es war Rafsandschani, der diesen neuen Revolutionsführer praktisch aus dem Ärmel geschüttelt hatte.

Unvergesslich und unauslöschlich sind Bilder jener Szene, in der er dieses Kunststück vollbrachte. TV-Kameras hielten die turbulente Runde von damals fest, als einen Tag nach Khomeinis Tod Khamenei zum zweiten Revolutionsführer ernannt wurde. Man sieht in den Aufzeichnungen, wie greise Geistliche sich heftig über den Nachfolger des gerade verstorbenen Revolutionsführer streiten: keine Einigung in Sicht, es folgen mehrere Unterbrechungen, die Sitzung zieht sich in die Länge. Es droht ein ergebnisloser Tag zu werden. Doch plötzlich betritt Rafsandschani die Bühne und tischt als mächtigster Mann der Versammlung eine seiner Erinnerungen auf: Er, Rafsandschani, habe persönlich von dem Verstorbenen gehört, Khamenei sei geeignet, Revolutionsführer zu werden. Daraufhin tritt Ruhe ein: Unter den Versammelten herrscht überraschtes Schweigen. Dann sieht man, wie die Streitenden auseinandergehen – und Khamenei, der Geistliche aus zweiter Reihe, mit dem niemand gerechnet hatte, ist der neue Revolutionsführer.

Diese unerwartete Ernennung war weder für die hohe Geistlichkeit verständlich noch für die normalen Gläubigen glaubwürdig. Sie war zudem verfassungswidrig. Denn Khamenei war kein Ayatollah und besaß damit gar nicht die religiöse Eignung, oberster Rechtsgelehrter zu sein. Seine Ernennung bewies jedoch Rafsandschanis Einfluss und Geschick – und war auch ein politischer Schachzug: Ein so durchgepeitschter Revolutionsführer, zumal ein Ungeeigneter, musste für immer im Schatten des mächtigen Königsmachers bleiben.

 Makel der Zweitrangigkeit

Und es war in den ersten acht Jahren von Khameneis Führerschaft tatsächlich genau so, wie Rafsandschani es sich gedacht hatte. Khamenei hatte die formale, Präsident Rafsandschani die reale Macht.

Der Makel, wie er ins Amt gehievt wurde, sollte Khamenei nie verlassen. Und bei allem, was er danach tat, ging es darum, den Geruch der Zweitrangigkeit los zu werden. In den Jahren, in denen sein Mentor Rafsandschani wie ein großer Regisseur das Land lenkte, musste sich Khamenei zurückhalten. Doch in der nächsten Periode holte er dann fast alles nach. Es war die Ära des Reformpräsidenten Chatami, als Khamenei beinahe täglich vorführte, wer die Nummer Eins im Staat ist. Er trieb es so weit, dass Chatami am Ende seiner Präsidentschaft bilanzierte: „Alle neun Tage servierte man mir eine Staatskrise. Präsidenten sind im Iran nicht mehr als Teeservierer.“

Einst "wie Brüder", später Kontrahenten: Ali Khamenei (li) und Ali Akbar Hashemi Rafsandjani

Einst „wie Brüder“, später Kontrahenten: Ali Khamenei (re.) und Ali Akbar Hashemi Rafsandjani

 

Demütigung des Mentors

In diesen Jahren stattete sich Khamenei mit so viel legaler und illegaler Macht aus, dass er in der Lage war, sogar seinen einstigen Mentor Rafsandschani öffentlich zu demütigen und zu isolieren. Es betrat dann plötzlich ein relativ unbekannter Mann die Szene: Mahmud Ahmadinedschad. Er hatte weder die Manieren eines gelehrten Geistlichen noch die übliche Sprache eines Politikers. Er gab sich volksnah, benahm sich wie ein Gossenjunge und erklärte Rafsandschani zu seinem Hauptfeind. Trotzdem oder gerade deshalb galt er als Khameneis Junge: „Ahmadinedschads Ansichten sind meinen am nächsten“, erklärte Khamenei in seiner berühmten Predigt auf dem Höhepunkt der grünen Protestbewegung im Sommer 2009.

Des Lieblings Hinterlassenschaften

Ahmadinedschads brachialer Bruch mit Gepflogenheiten der iranischen Innen- und Außenpolitik stürzte das Land dann in eine beispiellose Krise. Der Abgrund war so nah, die internationale Isolation so hermetisch, dass der Iran sich nur noch über den Schwarzmarkt und mithilfe von Koffern voller Banknoten auf dem internationalen Markt bewegen konnte. Das Atomprogramm manövrierte das Land an den Rand eines großen Krieges. Khameneis Liebling hinterließ einen Berg von Problemen, dessen Gipfel das umstrittene Atomprogramm war.

 Abschied vom Atomprogramm
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