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Industrie als Sorgenkind der iranischen Wirtschaft

Die wirtschaftliche Entwicklung des Iran stand für Präsident Rouhani ganz oben auf der Prioritätenliste. Der Atomdeal mit dem Westen sollte dafür den Weg ebnen. Schnell jedoch wich der Optimismus dem Frust. Die iranische Industrie leidet unter dem Widerstand der Hardliner gegen die Öffnung des Landes und der schleppenden Aufhebung der internationalen Sanktionen. mehr »

Seit Ende der Achtziger Jahre schnüren iranische Regierungen so genannte Entwicklungsprogramme, die jeweils vier Jahre lang den Weg zur wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung des Landes vorgeben sollen. Das jüngste dieser Pakete skizziert die Pläne bis 2021 und sieht jährlich ein achtprozentiges Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) vor. Um so ein starkes Wachstum zu erreichen, bräuchte die iranische Wirtschaft Investitionen in Höhe von 1.000 Milliarden Dollar, schrieb neulich das Nachirchtenportal  Khabaronline.

Das höchste BIP-Wachstum in der Geschichte der Islamischen Republik erreichte die reformorientierte Regierung von Mohammad Khatami: ganze sechs Prozent. Der heutige Präsident Hassan Rouhani behauptet, seine Regierung habe den Rückgang des BIP um 8,6 Prozent während der Ahmadinedschad-Ära in ein Wachstum von 4,4 Prozent verwandelt. Rouhanis politische Rivalen bestreiten das allerdings.

Probleme trotz Wachstum

Tatsächlich ist die iranische Wirtschaft 2016 dank der Aufhebung der internationalen Sanktionen und des Anstiegs der Ölexporte stark gewachsen: laut dem internationalen Währungsfond (IWF) um 6,6 Prozent. Rechne man die Petrodollars nicht mit, wuchs das BIP um 0,8 Prozent, so die IWF-Experten.

Doch aus Zahlen des iranischen Industrieministeriums geht hervor, dass 18 Prozent der mittelgroßen Hersteller und 19 Prozent der in Industriegebieten angesiedelten Unternehmen ihre Produktion eingestellt haben. Und laut einem im Herbst 2016 veröffentlichten Bericht des parlamentarischen Forschungszentrums arbeiten 40 Prozent der iranischen Hersteller mit weniger als 60 Prozent ihrer Kapazitäten.

Zwar hatte Rouhani 7.500 vor dem Aus stehenden Unternehmen vier Milliarden Euro Hilfe versprochen – das Versprechen wurde wegen mangelnder Ressourcen jedoch nicht eingehalten. Gleichzeitig sollten Marktstimulierungsstrategien kleinen und mittelgroßen Unternehmen unter die Arme greifen. Sie blieben aber aufgrund der unklaren wirtschaftlichen Aussichten aus. Infolgedessen musste das Industrieministerium im vergangenen Herbst die Lizenzen von 3.300 Unternehmen einziehen.

Die großen Sorgenkinder

Auto-, Zement-, Textil- und Haushaltsindustrie sind die vier Sorgenkinder der iranischen Großindustrie. Die Textilindustrie steht kurz vor dem Ruin. Die beiden großen Fahrzeughersteller SAIPA und Iran Khodro meldeten auch unter Rouhani große Verluste. Begrenzte Liquidität, massive Schulden und eine schwache Landeswährung, die den Import nötiger Materialien und Teile verteuert, belasten die Autoindustrie des Iran. Die Gewinne von Iran Khodro sind in den ersten drei Jahren der Regierung Rouhani um 700 Prozent zurückgegangen.

„Die Autoindustrie weist einen Schuldenberg von 4,2 Milliarden Toman (über eine Million Euro) auf. Die gesamte Produktion der Autobauer ist von der Einstellung bedroht. Zeitgleich finden mehr als 100.000 Autos in den Lagern keine Käufer“, hielten vier Minister in einem offenen Brief an Rouhani im Oktober 2015 fest.

Laut dem Teheraner Aktienmarkt hat allein SAIPA bis 2015 knapp 750 Millionen Euro Schulden angesammelt.

Eine Zementfabrik mitten im Nationalpark Golestan, im Nordosten des Iran

Eine Zementfabrik mitten im Nationalpark Golestan, im Nordosten des Iran

Der iranische Industrieminister gab im Herbst 2013, zwei Monate nach Rouhanis Amtsübernahme, bekannt, dass die Autobauer durch die internationalen Sanktionen 44 Prozent weniger Autos absetzten. Der Produktionsrückgang ging weiter. Im Januar 2016 wurden im Iran insgesamt knapp 79.000 Autos hergestellt, sechs Prozent weniger als im Januar 2015, so der iranische Verband der Autohersteller.

Die wirtschaftliche Krise machte sich auch beim Autokauf bemerkbar. Günstige Autokredite sollten dem Markt den nötigen Schwung bringen. Doch sie konnten die Marktflaute nicht nachhaltig beseitigen. Dabei nahm unter Rouhani der Import von Luxusautos zu. In seinem ersten Amtsjahr 2013 wurden laut dem iranischen Zollamt 100 deutsche Autos der Marke Porsche eingeführt. 2014 waren es 261 mehr.

Die Regierung macht die wirtschaftliche Rezession und die Folgen der Sanktionen für die Krise der Autoindustrie verantwortlich. Als französische Autobauer 2012 aufgrund der Verschärfung der Sanktionen ihre Kooperationen im Iran aufgeben mussten, traf das besonders Iran Khodro hart. Nach dem Wiener Atomabkommen kehrten die Franzosen zurück und unterschrieben neue Verträge mit beiden iranischen Autobauern.

Stahl-, Kupfer-, Zement-, Fliesen-, Bau- und Erzindustrie sind ebenfalls betroffen. Laut dem Vizepräsidenten des Arbeitgeberverbands der Zementindustrie, Morteza Lotfi, produzieren die Zementwerke aufgrund geringer Nachfrage mit 50 Prozent ihrer Kapazität. Das Land könne jährlich 80 Millionen Tonnen Zement produzieren, sagte Lotfi vergangenen Winter. Nach offiziellen Angaben verkauft die Zementindustrie 80 Prozent ihrer Gesamtproduktion in die Nachbarländer Irak und Afghanistan. Die politisch instabile Lage im Irak hat die Nachfrage dort jedoch drastisch gedämpft.

Problem Schmuggel

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