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Geschichtsschreibung mit dem Stift der Macht

Die Machthaber im Iran haben seit Jahrzehnten die Geschichte und Geschichtsschreibung manipuliert und zu politischen Zwecken missbraucht. Allerdings schenken die neuen Generationen der offiziellen Darstellung weniger Glauben. Wachsende Zustimmung finden dagegen die Werke im Westen tätiger iranischer Historiker. mehr »

Kurz nach dem Sieg der Revolution 1979 im Iran ordnete der Revolutionsführer Ayatollah Ruhollah Khomeini an, das gesamte Bildungssystem zu “islamisieren”. Diese Maßnahme führte nicht nur zur Entlassung Tausender Universitätsprofessoren und Lehrer, sondern auch zur Überarbeitung des Lehrstoffes. „Koloniale” und “tyrannische” Themen sollten durch “islamische” und “revolutionäre” ersetzt werden, so Khomeinis Wunsch.

Zu den Hauptopfern dieser Islamisierung gehörten vor allem die Geschichtsbücher, mit denen an Schulen und Universitäten unterrichtet wurde. Unter der Dynastie der Pahlavis (1925 – 1979) wurden sie als Propagandamittel zur Legitimierung der Macht der Schah-Familie und zur Säkularisierung des Volkes eingesetzt. Die Pahlavis wurden als Nachfolger der Könige der antiken Dynastie der Achämeniden und als Retter der iranischen Nation dargestellt, die das Land vor dem Untergang bewahrt hätten.

So hieß es etwa zur Machtübernahme des Gründers der Pahlavi-Dynastie, Reza Schah, in damaligen Schulbüchern, dass sich der Iran unter den Qajaren (1779 – 1925) politisch und wirtschaftlich in einem katastrophalen Zustand befunden und die Bevölkerung nach einem “Retter, einem mutigen und furchtlosen Führer” gesucht habe. Schließlich sei “ein tapferer Feldherr mit geistreichem Kopf und einem von Heimatliebe erfüllten Herzen dem Ruf seines Gewissens gefolgt, um den Missständen ein Ende zu setzen und auf den Ruinen des Landes einen neuen und blühenden Iran zu errichten.”

„Korrupt und vom Westen abhängig“

Nun unter den Ayatollahs sollten die Bücher die Könige der Antike und der Gegenwart dagegen verdammen, das Ancien Regime als korrupt und vom Westen abhängig präsentieren und statt dessen islamische Werte vermitteln, um die neuen Machthaber in ein positives Licht zu stellen. Zu diesem Zweck wurde die gesamte Geschichte, von der Antike bis zur Gegenwart, umgeschrieben. Historische Fakten wurden zensiert, manipuliert oder uminterpretiert. In einem Geschichtslehrbuch aus dem Jahr 1980 heißt es etwa: “Eine ganze Reihe von Kriegen, Zerstörungen, Konflikten und Diskriminierungen bilden die gesamte vorislamische Geschichte des Iran. Daran sind allein die Könige schuld und niemand anders, denn solche Zustände und Charakteristika sind Folge totalitärer und autoritärer Regimes.”

Gründer der Pahlavi-Dynastie Reza Schah bei der Krönungszeremonie

Gründer der Pahlavi-Dynastie Reza Schah bei der Krönungszeremonie (April 1926)

Die Ära der Pahlavis wird in den nachrevolutionären Geschichtsbüchern als Zeit der „Plünderung nationaler Ressourcen“ und „Eliminierung unschuldiger Menschen”, Mohammad Reza Schah mit Attributen wie „grausam“, als Vertreter der „Kolonialisten und Zionisten”‚ „Dämon der Zeit”, „Hund an der Leine der USA” oder „Schandfleck der iranischen Zeitgeschichte” beschrieben.

Khomeini dagegen wird als “tugendhafter” Gelehrter und “umsichtiger” Politiker, sogar als “Geist Gottes” bezeichnet, der “nach dem Wunsch der Bevölkerung” die islamische Revolution gegen das “mörderische” Regime des Schahs geführt habe. “Unabhängigkeit von ausländischen Mächten” und Prosperität gehörten zu den Haupterrungenschaften der von ihm gegründeten Regierung. „Viele arme Menschen in den Städten und Dörfern sind in den Besitz von Grundstück und Haus gelangt. Viele Dörfler sind in den Genuss von Straßen, Strom und Trinkwasser gekommen. In vielen Städten und Dörfern wurden neue Schulen gebaut”‚ heißt es in einem Geschichtslehrbuch aus dem Jahr 2003.

Zeitgeistwandel

Vier Jahrzehnte lang versuchten die Mullahs den iranischen BürgerInnen so ihre eigene Version der Geschichte zu suggerieren – doch vergebens, wie die Ereignisse des 28. Oktobers dieses Jahres bezeugen. Da versammelten sich Tausende Iraner am Grab des achämenidischen Königs Kyros des Großen im Süden des Iran und riefen: “Kyros ist unser Vater, Iran ist unsere Heimat.”

Beginn einer neuen Epoche im Iran: Rückkehr von Ayatollah Khomeini (Februar 1979)

Beginn einer neuen Epoche in der iranischen Geschichte: Rückkehr von Ayatollah Khomeini (Februar 1979)

“Der Zeitgeist hat sich geändert”, sagt Abbas Milani, iranischer Historiker an der Stanford-Universität in den USA. “Die Menschen sind historisch neugieriger geworden und akzeptieren keine rhetorischen Werke mehr. Daher sind die Bücher, die heutzutage im Iran geschrieben werden, weniger ideologisch gefärbt und folgen stärker akademischen Normen”, so Professor Milani. Sein Buch über Amir Abbas Hoveyda, den letzten Ministerpräsidenten von Mohammad Reza Pahlavi, dem letzten Schah des Iran, das vor 15 Jahren unter dem reformorientierten Präsidenten Mohammad Chatami im Iran veröffentlicht wurde, ist ein Bestseller und hat inzwischen die dreißigste Auflage erreicht.

Hoveyda, der kurz nach dem Sturz des Pahlavi-Regimes in einem Eilprozess verurteilt und dann hingerichtet wurde, wurde von den Mullahs zum Sinnbild der Korruption und Dekadenz des vergangenen Regimes gemacht. Milanis Buch, im Iran nur milde zensiert, änderte dieses Klischee und ersetzte es durch das Bild eines gebildeten, bescheidenen, weichherzigen und um das Wohl der Bevölkerung besorgten Politikers.

“Milanis Bücher haben weit verbreitete Auffassungen über die Pahlavis auf den Kopf gestellt”, sagt Morad Vaisi, Journalist und Politologe. Dazu gehörten vor allem der Vorwurf der Korruption gegen den Schah und seine Anhänger und die Behauptung, dass sie Marionetten des Westens und vor allem der USA gewesen seien, so Vaisi. Nach der Revolution wurde Mohammad Reza Schah außerdem dafür kritisiert, dass er Waffen von den USA gekauft hatte und angeblich im Auftrag Washingtons den Gendarmen der Region spielte. “Wenn man das Buch von Milani liest, kommt man zu dem Schluss, dass dies nichts Schlimmes gewesen sei”, sagt der iranische Politologe Vaisi.

Wassermangel und Despotismus

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