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Die verschwundene Bohrinsel

Der Iran musste sich in den vergangenen Jahren einiges einfallen lassen, um die internationalen Sanktionen zu umgehen. Ein Umweg war die Warenbestellung über Scheinfirmen; eine durchaus riskante Lösung, wie ein Fallbeispiel zeigt. mehr »

Resolution Nummer 2231 des UN-Sicherheitsrats vom 20. Juli 2015 ebnet den Weg zur Aufhebung der internationalen Sanktionen, die in den vergangenen Jahrzehnten die iranische Wirtschaft stark belastet haben. Während ein Teil der Konservativen im Iran nach wie vor behauptet, die Sanktionen hätten kaum Einfluss auf die iranische Wirtschaft gehabt, belegen manche Ereignisse andere Realitäten.

Bei einem dieser Ereignisse, das in den vergangenen Wochen für großes Aufsehen in den Medien der Islamischen Republik gesorgt hat, handelt es sich um den Ankauf einer Offshore-Bohranlage für die Ölförderung, die trotz vollständiger Bezahlung im Iran nie aufgetaucht ist.

Die riesige Bohrinsel Fortuna wurde angeblich 2011 für den Aufbau auf dem Gasfeld „Pars Jonubi“ im Persischen Golf bestellt. Hossein Dehdashti, Parlamentsabgeordneter und Mitglied der Energie-Kommission des Parlaments, schildert in einem Interview mit der Webseite Asre Iran die Sachlage: Da das Wirtschaftsembargo eine direkte Bestellung bei dem rumänischen Hersteller GSP unmöglich gemacht habe, sei die Anlage über eine Scheinfirma in der Türkei bestellt worden. Doch obwohl der gesamte Kaufpreis überwiesen wurde, sei die Anlage bisher nicht im Iran angekommen.

Auftraggeber für den Kauf der Anlage ist einer der nationalen Branchenführer der iranischen Ölindustrie, die Iranian Offshore Engineering and Construction Company.  Zwei Vermittler sollen die Firma vom Geschäft überzeugt und das Geschäft ins Rollen gebracht haben. Ein Vermittler sei „der Sohn eines Ex-Ministers“, berichten Medien.

Bestellt im Iran, betrieben in Mexiko

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Die rumänische Firma, die die Anlage bereits nach der ersten Zahlung liefern sollte, behaupte, das Geld nie erhalten zu haben, so Parlamentarier Dehdashti. Iranische Medien zitieren unbekannte Quellen, wonach die rumänische Firma deswegen sogar vor Gericht gezogen sein soll. Die Scheinfirma DEAN, die insgesamt 87 Millionen US-Dollar von der iranischen Offshore Company bekommen haben soll, um das Geld an die rumänische Firma weiterzuleiten, sei mittlerweile verschwunden, so Dehdashti. Noch interessanter wurde die Affäre, als eine Meldung der rumänischen Firma „GSP“ die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zog: Demnach wurde die besagte Bohranlage im Golf von Mexiko erfolgreich in Betrieb genommen.

Zusammengefasst: Eine Scheinfirma bekommt von einer iranischen Company 87 Millionen US-Dollar, um eine Bohranlage zu kaufen. Der Verkäufer behauptet, den Kaufpreis nicht erhalten zu haben, und meldet dann die Inbetriebnahme der Anlage am anderen Ende der Welt. Die Vermittler können nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Juristisch könne man kaum tätig werden, da das Geld an eine Scheinfirma überwiesen wurde, die nicht mehr existiert, stellt der Parlamentarier Dehdashti fest.

Nachdem persischsprachige Medien im In- und Ausland massiv über die verschwundene Bohrinsel und die Rolle von Reza Mostafawi Tabatabaie, einem der beiden Vermittler, berichtet hatten, meldete der sich schriftlich bei der Nachrichtenseite Tabnak und wies den Vorwurf der Unterschlagung der Kaufsumme zurück.

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Laut Hossein Dehdashti ist die Fortuna nicht die einzige Bohranlage, die bestellt und bezahlt, aber nicht geliefert wurde. Angeblich kaufte die Firma für Offshore-Technik 2007 oder 2008 eine weitere Bohranlage im Wert von 40 bis 45 Millionen US-Dollar. „Ich kann im Moment keine genauen Angaben machen, aber auch bei dem Geschäft haben die Vermittler eine wichtige Rolle übernommen. Die Anlage wurde auch nicht geliefert und befindet sich angeblich im Hafen von Schardscha (eines der Vereinigten Arabischen Emirate)“, sagte der Parlamentarier der Internetseite Asre Iran.

Beide Affären ereigneten sich in der Amtszeit von Rouhanis Vorgänger Mahmoud Ahmadinedschad, dessen Regierung sich als die gewissenhafteste in der Geschichte der Islamischen Republik versteht. Der damalige Ölminister Rostam Ghasemi weist die Vorwürfe bezüglich der Anlage Fortuna zurück. Er argumentierte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Fars, dass das Beschaffen einer Bohrinsel Sache der Offshore Company gewesen sei, nicht Angelegenheit des Ministeriums. Sein Nachfolger unter der amtierenden Regierung von Hassan Rouhani, Bijan Namdar Zanganeh, bestätigte am 23. Juni, dass eine Bohranlage unter der Regierung Ahmadinedschads verschwunden sei und das Ölministerium deshalb Anzeige erstattet habe. Ali Marwi, Chef der parlamentarischen Energie-Kommission, hat ebenfalls mitgeteilt, dass die Justiz in die Affäre einbezogen wurde.

Die iranische Netz-Community reagiert spöttisch und wenig optimistisch auf die Affäre. Solche großen Geschäfte könnten nicht ohne hochrangige Komplizen durchgeführt werden, und die wahren Drahtzieher zögen sich sowieso rechtzeitig aus der Affäre, glauben die meisten InternetnutzerInnen.

  IMAN ASLANI