„Wenn die Bomben fallen, nehme ich Tabletten und schlafe“: Berichte vom erneuten Kriegsbeginn
Nach neuen US-Angriffen auf auf Süden Irans berichten Bewohnerinnen und Bewohner aus Bandar Abbas, Bushehr, Mahshahr und Chabahar von Angst, Unsicherheit und einem Alltag im Schatten des Krieges.
Das US-Militär hat in der Nacht zum Mittwoch, dem 8. Juli, erneut mehrere militärische Anlagen der Revolutionsgarde und der Armee der Islamischen Republik Iran im Süden des Landes bombardiert. Berichten zufolge sollen unter anderem Radaranlagen, Anlegestellen und Boote der Revolutionsgarde, ein Drohnenstützpunkt sowie Munitionslager in Bandar Abbas, Sirik, Qeshm, auf der Insel Hengam und in Bandar Jask im Süden Irans getroffen worden sein.
Die USA erklärten, die Angriffe seien eine Reaktion auf Irans Attacken auf Schiffe in der Straße von Hormus. Die Islamische Republik wiederum teilte mit, sie habe als Antwort auf die US-Angriffe Ziele in Kuwait und Bahrain angegriffen.
Für die Menschen in den südlichen Provinzen Irans bedeuten die Angriffe vor allem Angst, Unsicherheit und die Rückkehr eines Krieges, der für viele nie wirklich aufgehört hat. Bewohner*innen von Bandar Abbas, Buschehr, Mahshahr und Chabahar schilderten der Nachrichtenplattform IranWire gegenüber die Stimmung in den Tagen des 8. und 9. Juli.
„Die nächste Bombe könnte auf mein Haus fallen“
Ein Bewohner der Stadt Bandar Abbas berichtete demnach, dass die Ziele der Angriffe zwar militärische Anlagen gewesen, die Folgen aber auch zivile Bereiche beträfen. Besonders die Fischeranlegestelle Panj Pelleh hinter dem Fischmarkt sei betroffen gewesen. „Mehrere Boote, kleinere Schiffe und Lastkähne von Privatleuten sind gesunken“, sagte der Mann laut IranWire. „Ich habe selbst gesehen, wie Bootsbesitzer, völlig durchnässt und verängstigt, ihre Boote auf Anhänger luden und vom Ort wegschafften – zumindest diejenigen, die nicht in Brand geraten und noch intakt waren.“
Für die Bewohner*innen von Bandar Abbas seien das Meer und die kleinen Fischerhäfen weit mehr als eine Kulisse der Stadt. „Das Meer ist ihre Hoffnung und ihr Besitz. Es ist ihre Erwerbsquelle. Jedes dieser Boote kostet mindestens 400 Millionen Toman. Mehrere private Lastkähne sind untergegangen, deren Wert bei mehr als 20 Milliarden Toman liegt.“
Die Stimmung in der Stadt sei seit den Januar-Protesten ohnehin stark von Sicherheitskräften geprägt gewesen, berichtet der Bürger. Seit den neuen Angriffen sei daraus eine militärische Atmosphäre geworden. Viele Hafenbereiche seien für die Bevölkerung nicht mehr zugänglich; unabhängige Fotografen dürften die bombardierten Orte nicht dokumentieren.
„Es ist, als hätte man Todesstaub über die Stadt gestreut“, sagt er. „Die Menschen wissen nicht einmal genau, welche Orte getroffen wurden. Sie schließen es nur aus der Richtung des Feuers, des Rauchs und der Geräusche.“
Auch zu Hause sei die Angst allgegenwärtig. „Unser Notfallrucksack steht noch bereit. Die Klebestreifen an den Fenstern haben wir auch drangelassen. Wenn die Geräusche lauter werden, nehme ich Tabletten und schlafe. Der Gedanke, dass die nächste Bombe vielleicht auf mein Haus fallen könnte, ist zermürbend.“

Bushehr: „Meine Tochter war wirklich in Panik“
Shirin ist alleinerziehende Mutter und lebt mit ihrer neunjährigen Tochter in Bushehr Sie berichtete IranWire von mehreren Explosionen am Mittwochabend gegen 22.30 Uhr. Die ersten beiden seien besonders laut gewesen und aus Richtung des Seehafens und des Luftwaffenstützpunkts der Armee gekommen.
Sie selbst habe die Explosionen als weniger heftig empfunden als das, was sie während des 40-tägigen Krieges erlebt habe. Ihre Tochter aber sei stark verängstigt gewesen. „Sie war wirklich in Panik. Ich musste meinen Bruder anrufen und ihn bitten, zu uns zu kommen.“
Nach Angaben Shirins wurde auch Choghadak in der Provinz Bushehr angegriffen, eine Stadt auf der Strecke zwischen Bushehr und Borazjan, in der sich militärische Anlagen befinden sollen. Freunde hätten von mehr als 15 Explosionen berichtet.
Für Shirin ist die Lage eine Folge der Politik der Islamischen Republik. Aus dem immer wiederkehrenden Schatten eines Krieges über dem Land sei nun ein immer wiederkehrender tatsächlicher Krieg im Süden geworden.
„Sie provozieren ständig“, sagt sie. „Sie sagen, es gebe einen Waffenstillstand, und dann kommt jede Nacht die Nachricht, dass Iran ein Schiff in der Meerenge oder ein Land in der Region angegriffen hat. Wer austeilt, darf sich nicht beklagen. Das Elend betrifft aber uns Menschen, die weder für diese Seite noch für die andere irgendeinen Wert haben.“
Mahshahr: „Wir wissen überhaupt nicht, was getroffen wurde“
Ein Bürger aus Mahshahr schrieb IranWire, in der Nacht vom 7. auf den 8. Juli seien Explosionsgeräusche zu hören gewesen. Manche hätten gesagt, die Anlegestellen der Revolutionsgarde in Bandar Imam seien getroffen worden, andere sprachen von den Munitionslagern zwischen Mahshahr und Hamidiyeh. Bestätigte Informationen oder Bilder habe es jedoch nicht gegeben.
Als die Explosionen zu hören waren, seien viele Nachbarn nach draußen gegangen. „Alle suchten nach Spuren von Schwefelgeruch in der Luft, weil man es damals, als die Petrochemieanlagen getroffen wurde, an der Luft erkennen konnte“, schrieb er.
Die Nachrichtenagentur Tasnim, die der Revolutionsgarde nahesteht, veröffentlichte am 9. Juli Bilder von Angriffen auf die See- und Luftstreitkräfte der Revolutionsgarde. Nach Angaben der Agentur wurden als Reaktion auf diese Angriffe US-Stellungen in Kuwait und Bahrain angegriffen.
Der staatliche Rundfunk der Islamischen Republik berichtete zudem, bei US-Angriffen auf Bandar Hamidiyeh und Mahshahr in der Provinz Khuzestan seien ein Mitglied der Revolutionsgarden getötet und zwei weitere Menschen verletzt worden. Die Armee teilte mit, im Süden des Landes seien acht Angehörige ihrer Luft- und Seestreitkräfte in Bandar Abbas und Bushehr getötet worden.
Stromausfall in Chabahar
Auch aus Belutschistan wurden Angriffe gemeldet. Nachrichtenquellen aus der Region berichteten von Bombardierungen in Iranshahr und Chabahar. Bewohner*innen zufolge waren am Abend des 9. Juli in Chabahar mehrere schwere Explosionen zu hören. In Chabahar sollen anderen Berichten zufolge unter anderem der Bereich der Shahid-Kalantari-Anlegestelle, der dortige maritime Kontrollturm, das Gebiet um den Zollhafen, mehrere Einrichtungen der Revolutionsgarden sowie militärische Anlagen getroffen worden sein.
Aus Iranshahr hieß es, der Flughafen der Stadt sei bombardiert worden. Die Explosionen waren demnach in verschiedenen Teilen der Stadt zu hören. Veröffentlichte Bilder zeigten Flammen und dichten Rauch im Bereich des Flughafens.
Quelle: Iranwire.com
