BBC untersucht US-Luftschlag: Raketen schlugen bei Hochzeitsfeier ein

Vier Tote, 65 Verletzte und ein Wohnhaus, das offenbar gleich mehrfach von Raketen getroffen wurde: Eine Recherche von BBC Persian zum US-Angriff auf den südiranischen Küstenort Kuhestak wirft neue Fragen zur Zielauswahl und Durchführung der amerikanischen Luftschläge gegen Iran auf.

Die Faktenchecker der BBC haben Videos, Aufnahmen von Überwachungskameras und Geodaten ausgewertet. Ihr Ergebnis: Mindestens vier Raketen schlugen offenbar in ein Wohnhaus ein, in dem zu diesem Zeitpunkt eine Hochzeitsfeier stattfand. Das Gebäude lag rund 112 Meter von einem Mobilfunkmast entfernt. Hinweise auf militärische Einrichtungen in der unmittelbaren Umgebung fanden die Rechercheure nicht. Ali Mallahi, der Eigentümer des betroffenen Gebäudes, sagte in einem nach dem Angriff veröffentlichten Video, in seinem Haus habe eine Hochzeit von Verwandten stattgefunden. Es habe sich um ein »vollständig ziviles Wohnhaus« gehandelt.

Iranische Behörden erklärten nach dem Angriff, vier Menschen seien getötet worden, darunter eine Frau und ein Kind, 65 weitere Personen seien verletzt worden. Iranischen Medien zufolge waren unter den Verletzten zahlreiche Frauen und Kinder.

Die Rekonstruktion des Angriffs stützt sich unter anderem auf Bilder einer Überwachungskamera. Sie zeigen demnach fünf Einschläge. Nach der Analyse der BBC trafen die ersten drei Raketen das Haus, in dem die Fei­­­er stattfand; ein vierter Einschlag könnte dem nahe gelegenen Mobilfunkmast des iranischen Anbieters Hamrah-e Aval gegolten haben. Die fünfte Rakete traf demnach erneut das Wohnhaus; auch mehrere benachbarte Häuser wurden beschädigt.

Was war das eigentliche Ziel?

Damit rückt eine Frage in den Mittelpunkt, die bislang unbeantwortet ist: Was wollten die US-Streitkräfte in Kuhestak tatsächlich treffen? Kurz nach dem Angriff hatte ein lokaler Informant BBC Persian gesagt, möglicherweise sei der Mobilfunkmast das Ziel gewesen. Er liege auf der anderen Straßenseite in unmittelbarer Nähe des Hauses. Die spätere Geolokalisierung durch die BBC ergab eine Entfernung von rund 112 Metern zwischen Mast und Wohnhaus. Sollte der Mast tatsächlich das Ziel gewesen sein, bleibt unklar, weshalb offenbar mehrere Raketen das Wohngebäude trafen.

Das US-Zentralkommando Centcom erklärte, die amerikanischen Angriffe im Süden Irans richteten sich gegen Einrichtungen und Waffensysteme der Revolutionsgarden. Eine Verantwortung für den konkreten Angriff auf die Hochzeitsfeier bestätigte das US-Militär allerdings nicht ausdrücklich. Auf Anfrage von BBC Persian erklärte Centcom-Sprecher Tim Hawkins, man kenne die Berichte über den Vorfall. Er betonte zugleich, US-amerikanische Streitkräfte würden im Gegensatz zu den iranischen Revolutionsgarden »niemals Zivilisten zum Ziel machen«.

Eine ausdrückliche Zurückweisung, wonach US-Streitkräfte nicht für den Angriff verantwortlich seien, enthielt die Stellungnahme jedoch nicht.

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US-Raketen hatten zu Beginn des Krieges in eine Schule in Minab eingeschlagen – Foto: khabaronline.ir

Sechs Verletzte auf der Intensivstation

Nach Angaben des Leiters der Medizinischen Universität von Hormusgan, Pejman Shahrokhi, starben zwei Menschen noch am Ort des Angriffs. Zwei weitere erlagen später im Krankenhaus ihren Verletzungen. Sechs Verletzte mussten demnach auf der Intensivstation behandelt werden, 26 weitere auf chirurgischen Stationen. Das Hazrat-Abolfazl-Krankenhaus in Minab wurde zum zentralen Behandlungsort für die Opfer bestimmt.

Die iranische Regierung bezeichnete den Angriff als Kriegsverbrechen. Außenamtssprecher Esmail Baghaei erklärte, die Liste amerikanischer Verbrechen gegen die iranische Bevölkerung sei nun »vollständiger denn je«. Iranische Stellen gaben zudem an, bei dem Angriff seien Marschflugkörper eingesetzt worden.

Auch die BBC-Recherche liefert Hinweise auf den verwendeten Waffentyp. Bilder von Trümmerteilen weisen demnach deutliche Ähnlichkeiten mit dem US-amerikanischen Luft-Boden-Marschflugkörper SLAM-ER auf. Die von Boeing hergestellte Waffe ist für Angriffe aus größerer Entfernung konzipiert. Der Konzern bewirbt sie als eines der präzisesten Waffensysteme der US-Marine.

Gerade diese Eigenschaft macht die Ereignisse in Kuhestak erklärungsbedürftig. Wenn tatsächlich Präzisionswaffen eingesetzt wurden, stellt sich umso dringlicher die Frage, warum offenbar mehrere Geschosse ein ziviles Wohnhaus trafen.

Schon zuvor viele zivile Opfer in der Region

Der Angriff auf Kuhestak ist nicht der erste Vorfall im Süden Irans, bei dem US-amerikanische Luftschläge zahlreiche zivile Opfer gefordert haben sollen. Bereits zu Beginn der amerikanisch-israelischen Angriffe auf Iran waren mehrere US-Raketen in eine Schule in Minab eingeschlagen. Nach iranischen Angaben kamen bei dem Angriff auf die Schule Schajareh Tayyebeh mindestens 156 Menschen ums Leben. Der Fall sorgte für internationale Aufmerksamkeit. US-Verantwortliche kündigten Untersuchungen an, die nach bisherigen Angaben noch nicht abgeschlossen sind.

Die neuen Erkenntnisse aus Kuhestak verstärken deshalb die Debatte über den Umgang mit zivilen Risiken bei den amerikanischen Angriffen. Bislang gibt es keine Belege dafür, dass die Hochzeitsgesellschaft bewusst angegriffen wurde. Ebenso wenig ist geklärt, weshalb das Wohnhaus offenbar mehrfach getroffen wurde. Sollte sich bestätigen, dass der Mobilfunkmast das eigentliche Ziel war, wäre zu klären, wie das US-Militär die Gefahr für die Menschen in den umliegenden Häusern bewertet hatte – und warum ein Angriff in einem dicht bewohnten Gebiet dennoch in dieser Form durchgeführt wurde.

Die BBC-Recherche beantwortet diese Fragen nicht abschließend. Sie verändert jedoch den Blick auf den Angriff: Nicht mehr nur die Zahl der Opfer steht im Mittelpunkt, sondern die Rekonstruktion eines Einsatzes, bei dem mehrere Präzisionswaffen offenbar ein Haus trafen, in dem Menschen eine Hochzeit feierten.♦

Artikelfoto: snn.ir