Proteste in Iran: Das Happy End lässt auf sich warten

Trotz massiver Proteste, hoher Opferzahlen und wachsender Unzufriedenheit bleibt das iranische Regime an der Macht. Warum der Umbruch ausbleibt: fünf Thesen zur Stabilität eines erschütterten Systems.

Eim Kommentar

Dort, wo während der Proteste, die Iran von Ende Dezember 2025 bis Januar 26 erschütterten, auf Demonstrierende geschossen wurde, haftet das Blut noch Tage später an Straßen und Hauswänden. Bis heute suchen viele Familien verzweifelt nach verschwundenen Angehörigen, andere trauern oder protestieren bereits an deren Gräbern. 

Von der US-amerikanischen Menschenrechtsorganisation Human Rights Activists News Agency (HRANA) wurden  bislang über 7.000 Tote bestätigt, weitere 12.000 Fälle werden derzeit überprüft. Über 51.000 Menschen sollen festgenommen worden sein. Beobachter*innen gehen von deutlich höheren Opferzahlen aus, während die Regierung in Teheran von kaum mehr als 3.000 Toten spricht. Etwa zeitgleich begeht das Regime im Februar seinen 47. Geburtstag mit offiziellen Feierlichkeiten und Tausenden Anhänger*innen, die ihm öffentlich die Treue halten. Unabhängigen Reporter*innen bleibt der Zugang ins Land verwehrt, es sei denn, sie zeigen ausschließlich, was das Regime zulässt.

Die iranische Gesellschaft ist gezeichnet. Die Angriffe Israels und der USA im vergangenen Sommer haben bei vielen Spuren hinterlassen. Manche sind traumatisiert und teilen Erzählungen in ein Davor und Danach. Prägend war auch die brutale Niederschlagung der Proteste Anfang des Jahres sowie die Abschaltung des Internets. Die Folgen dieser Repression lasten schwer auf der Bevölkerung.

Die Welt blickt auf eine heterogene Gesellschaft zwischen Erschöpfung, Ungewissheit und Hoffnung – und fragt sich: Warum will es nicht klappen mit der Revolution, kommt sie überhaupt noch? Indes bleibt die Situation unberechenbar. Zwar wurden Gespräche mit den USA wieder aufgenommen. Von ihnen erhofft sich das iranische Regime vor allem eine Lockerung der Sanktionen. Doch neue Angriffe durch die USA oder Israel sind jederzeit möglich.

Die vergangenen Wochen waren düster, doch das Regime wird sich nicht dauerhaft durch Massenmord und Abschottung am Leben halten können. Noch gibt es allerdings Gründe, weshalb ein Sturz des Regimes auf sich warten lässt – es sei denn, die politische Dynamik kippt unerwartet, zum Beispiel durch eine ausländische Intervention. Auch wenn Prognosen über Irans Zukunft spekulativ bleiben, lassen sich aus bestimmten Entwicklungen durchaus Hinweise auf die nähere wie die ferne Zukunft des Landes gewinnen. Fünf Thesen 

Eins. Es gibt keine Pläne für einen Umsturz

Die Opposition hat bislang keinen konkreten Plan vorgelegt, wie ein Umsturz konkret umgesetzt werden soll. Zwar hat Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Schahs, ein Konzept für die Zeit nach einem Regimesturz vorgelegt, jedoch keinen klaren Weg dorthin aufgezeigt. Sowohl er als auch andere Vertreter*innen der Opposition scheinen ihren Aussagen zufolge vor allem auf Massenproteste zu setzen. Doch bisher blieben sowohl die von Pahlavi erhofften Massen an Überläufern aus dem Regime als auch großangelegte, anhaltende Anti-Regime-Proteste in wirtschaftlich entscheidenden Branchen wie der Öl- und Gasindustrie aus. Verschiedene Gruppen, darunter kurdische Frauenorganisationen, linke Vereinigungen und Arbeiter*innen, haben zwar ihre Solidarität mit den Protesten bekundet, doch auch hier fehlt bislang ein konkreter Plan, wie ein Umsturz tatsächlich erreicht werden kann, insbesondere angesichts der entschlossenen Gegenmaßnahmen des Regimes, das alles daran setzt, an der Macht zu bleiben. Natürlich ist nicht auszuschließen, dass es geheime Strategien gibt, doch derzeit deutet wenig darauf hin, dass im Hintergrund wirklich etwas in diese Richtung geschieht.

 Zwei. Entscheidend ist, was die Proteste bewirken – nicht allein, wie groß sie sind

Mit der Berichterstattung über die Proteste in Iran gehen häufig Schätzungen über ihre Größe einher. Nicht selten scheint dabei das Prinzip zu gelten: Je größer die Demonstrationen, desto näher der Sturz des Regimes. Diese Annahme ist nicht unbegründet, schließlich war auch die Revolution von 1979 eine Bewegung der Massen. Die damalige Situation unterschied sich jedoch grundlegend von der heutigen: Die Streiks in der Ölbranche waren so massiv und vehement, dass der Weltmarkt schlechter versorgt wurde und dem Schah seine wichtigste Einnahmequelle fehlte. Im Gegensatz dazu werden aktuelle Ölexportrückgänge durch Schattenflotten, Ölschmuggel und Netzwerke der Revolutionsgarde teilweise kompensiert, sodass das Regime bislang wirtschaftlich widerstandsfähiger ist als damals.

Heute kommt es zwar ebenfalls gelegentlich zu Streiks in der Öl- und Gasindustrie, doch bisher weder in einer Größenordnung noch mit einer Ausrichtung, die dem Regime bedrohlich werden könnte, denn meist geht es um arbeitsrechtliche Forderungen. Um Wirkung zu entfalten, müssten auch andere Schlüsselbranchen stillstehen und die finanzielle Basis des Regimes stark schwächen. Es ist unwahrscheinlich, dass es demnächst zu solchen fundamentalen Streiks kommen wird.

Drei. Das Regime ist stark

Trotz einer schweren Wirtschaftskrise mit über 40 Prozent Inflation, internationalen Sanktionen, Energieengpässen und Umweltproblemen wie Dürren bleibt Irans politisches System bislang stabil. Diese Stabilität stützt sich auch auf den militärisch-wirtschaftlichen Bonyad-Komplex, der direkt Ali Khamenei untersteht, über den es also keine parlamentarische oder gar demokratische Kontrolle gibt. Bonyads existierten bereits vor 1979, wurden aber vor allem seit den 1990er Jahren zunehmend für die Eigeninteressen des Regimes genutzt. Schätzungen zufolge kontrollieren sie 20 bis 30 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das Netzwerk finanziert sich über öffentliche Aufträge, Privatisierungen, den Schwarzmarkt, Korruption und Sanktionsumgehungen und lenkt Mittel in sicherheitsnahe Strukturen.

Als steuerbefreite, intransparente Großunternehmen agieren die Bonyads in Branchen wie Industrie, Telekommunikation, Öl, Bauindustrie, Immobilien und Finanzen. Durch bevorzugten Zugang zu staatlichen Ressourcen profitieren regimetreue Akteur*innen überproportional. Offen bleibt, ob die anhaltende Wirtschaftskrise letztlich auch das Regime selbst treffen wird und es deswegen zum Beispiel zu Überläufern kommt. Sollten die Verhandlungen mit den USA zu einer Lockerung der Sanktionen führen, wird dies seine Überlebensdauer verlängern.

Vier. Beschwichtigung als Überlebensstrategie

Das Regime kombiniert harte Repressionen mit gezielten Zugeständnissen, um sich an der Macht zu halten. So erklärte es beispielsweise, dass es auf als „legitim“ angesehene Forderungen der Protestierenden zugehen werde. Ende Dezember wurde nach den ersten Tagen der Proteste im Teheraner Bazar entsprechend der Zentralbankchef ausgetauscht. Außerdem verhandelte die Regierung vor den Angriffen der USA und Israels im Sommer 2025 mit streikenden Transportarbeitern. Auch der Hijab-Zwang wurde im Rahmen dieser Beschwichtigungspolitik inoffiziell gelockert, indem sich die sogenannte Sittenpolizei von den Straßen zurückgezogen hat. Parallel nahm Teheran die indirekten Gespräche mit den USA wieder auf und erneuerte 2023 sogar die diplomatischen Beziehungen zu Saudi-Arabien. Das alles schließt einen Sturz des Regimes nicht aus, doch nach der massiven Repression ist es vor allem die Lockerung des Hijab-Zwangs, die weitere Konfrontationen, die Ende 2022 durch den Tod von Jina Mahsa Amini ausgelöst worden waren, verhindert.

 Fünf. Nachfolger für Khamenei stehen bereit

Es gibt mehrere Optionen für ein Post-Khamenei-Iran: Die jetzige Verfassung sieht einen Kleriker als Nachfolger für Khamenei vor, der von der Experten-Versammlung, einem Gremium aus Geistlichen, gewählt wird. Khamenei selbst soll für den Fall seines Ablebens bereits im vergangenen Jahr drei geheime Vorschläge für Kandidaten gemacht haben, sein als Nachfolger gehandelter Sohn Mojtaba soll nicht darunter sein. Der Präsident des Landes, seit 2024 Massoud Pezeshkian, ist von diesem Prozess nicht betroffen und bleibt vier Jahre im Amt. Es ist trotzdem durchaus möglich, dass dieses Machtvakuum neue Proteste entfacht. Je nachdem, wie sich die derzeitigen Profiteure des Regimes zufriedenstellen lassen, könnte es zu Chaos kommen. Den Machtanspruch in einem Post-Khamenei-Iran dürften Akteure, die bereits offizielle Ämter innehatten, wie beispielsweise Hassan Rouhani, der ehemalige Präsident und Mohammad Javad Zarif, der ehemalige Außenminister, nicht kampflos aufgeben. In den vergangenen Monaten äußerten sie indirekte, aber deutliche Kritik an Khameneis Politik. Das Umfeld Rohanis ist im Sicherheitsapparat gut vernetzt und positioniert sich gegenüber dem Westen als berechenbare Alternative.Auch mit den Revolutionsgarden müsste ein Umgang gefunden werden, falls diese nicht die Macht an sich reißen und es zu einem Militärregime kommt. Es ist aber auch möglich, dass der Prozess für das Regime in seiner jetzigen Form mehr oder weniger reibungslos abläuft. 

So geht es nicht weiter

In der oft hilflos wirkenden Berichterstattung über Iran werden Reza Pahlavi und sein vermeintlicher Plan, der ihm zumindest in der sogenannten Übergangsphase viel Macht zuschreibt, für Iran häufig als einzige Alternative zum herrschenden Regime nach dessen Sturz dargestellt. In der Tat fehlt der Opposition – abgesehen von den sektenartigen Volksmujaheddin, die jedoch nur wenig Rückhalt in Iran haben – bislang eine Art Führungsfigur oder der Plan dafür, wer eine demokratische Regierung übernehmen könnte. Auch wenn Pahlavi andere Voraussetzungen hat und ihm nicht nur sein Name und sein Vermögen Vorteile schaffen, sondern auch seine Kontakte in konservative Kreise und Think-Tanks in den USA, ist es zu diesem Zeitpunkt keineswegs gesetzt, dass Pahlavi auf Khamenei folgt. Denkbar wären eine Verfestigung und Fortführung der Politik der Beschwichtigung, die eine Öffnung gegenüber dem Westen nach saudischem Modell nach sich ziehen könnte.

Ein chaotischer Iran würde den Ölmarkt und die Region mindestens kurzfristig schwächen, weshalb auch Akteure wie die USA abwägen, ob sich ein erzwungener Regimesturz auszahlt. Möglich bleibt er.

In jedem Fall hätte eine Fortsetzung der Islamischen Republik in ihrer jetzigen Form keine lange Überlebenschance. Das hat die Bevölkerung in Iran in den vergangenen Jahren durch wiederholte Proteste gezeigt. Und das ist, in all der Düsterheit, auch ein Hoffnungsschimmer.