„Ich rufe von der Revolutionsgarde an, wir holen dich“: wie Teheran Aktivist*innen in Europa bedroht
„Nur einen Tag nach der Verkündung des Waffenstillstands im Krieg zwischen Iran, den USA und Israel erhielt ich einen direkten Anruf von einer Nummer mit französischer Vorwahl. Der Mann am anderen Ende der Leitung drohte mir unvermittelt und unmissverständlich. Der Satz hat sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt: ‚Pass gut auf dich auf, denn wir haben dich im Blick. Ich rufe von der Revolutionsgarde aus an, und wir werden dich bald holen.‘“
Dies sind die Worte von Soran Mansournia, einem im niederländischen Exil lebenden Aktivisten. Die Sicherheitskräfte töteten seinen Bruder Borhan Mansournia während der landesweiten Proteste in Iran im November 2019 in der kurdischen Stadt Kermanschah. Etwa zwei Jahre nach diesem Verlust floh Soran Mansournia in die Niederlande. Doch die Sicherheitsbedrohungen gegen ihn fanden damit kein Ende. Im Gegenteil: Aufgrund seines Engagements für die Aufklärung der Verbrechen der Islamischen Republik verschärfen sich die Einschüchterungsversuche von Tag zu Tag. Nach Angaben diverser politischen Aktivist*innen und basierend auf der Nachrichtenplattform IranWire vorliegenden Dokumenten haben sich die Repressalien der iranischen Sicherheitsorgane im Laufe der Zeit von Cyberangriffen und alltäglicher Beschattung zu direkten, lebensbedrohlichen Drohungen ausgeweitet.
Das iranische Regime steht für eine lange Geschichte von Bedrohungen und gezielten Liquidationen politischer Dissident*innen im Ausland, insbesondere in Europa. Diese Einschüchterungskampagnen, die in den letzten Jahren ohnehin zugenommen hatten, haben sich Aktivist*innen wie Mansournia zufolge seit dem Ausbruch des Kriegs zwischen den USA, Israel und Iran nochmals drastisch intensiviert.
Zwei Tage nach dem Drohanruf der Revolutionsgarde, sagt Mansournia gegenüber IranWire, habe ein Freund in Iran nach stundenlangen Versuchen mittels VPN-Verbindungen einige Screenshots aus der staatlich kontrollierten iranischen Messenger-App „Bale“ an ihn weiterleiten können. Die Aufnahmen zeigten, dass seine persönlichen Daten in Chatgruppen sicherheitsnaher Kreise zirkulierten. Veröffentlicht wurden unter anderem seine aktuelle Telefonnummer, seine frühere iranische Nummer, seine Telegram-ID und sogar die Wohnadresse seiner Eltern in Iran.

In der Folge verschärfte die niederländische Polizei die Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz Mansournias. Auf seinem Smartphone hat er eine spezielle App installiert, die den Polizeikräften eine Echtzeit-Ortung und Freigabe seines Standorts ermöglicht. „Die niederländische Polizei koordiniert sich eng mit den Antiterroreinheiten, um die verschiedenen Dimensionen dieses Falls und das konkrete Bedrohungspotenzial zu analysieren“, sagt Mansournia. „Derzeit patrouilliert die Polizei regelmäßig und teilweise unangekündigt an meinem Arbeitsplatz und Wohnort, um meine Sicherheit zu gewährleisten.“
Vom Exil aus weiter im Visier
Doch woher nimmt Soran Mansournia die Gewissheit, dass diese Angriffe tatsächlich von den iranischen Sicherheitsorganen gesteuert werden? Er verweist auf einen konkreten Vorfall: „Es geschah nach einer Kundgebung in Den Haag. Mein Freund und ich gingen nach der Demonstration durch die Stadt, als wir bemerkten, dass uns eine Frau beschattete und uns mit ihrem Mobiltelefon filmte. Als sie merkte, dass wir sie entdeckt hatten, floh sie sofort. Etwa zwei Wochen später wurde es ernst: Der Geheimdienst der Revolutionsgarde lud ein Familienmitglied meines Freundes in Iran vor und präsentierte genau dieses Video. Uns wurde berichtet, dass die Sicherheitskräfte dem Familienmitglied unmissverständlich nahegelegt haben, seine Angehörigen sollten sich von ‚dieser Person‘ – also von mir – distanzieren; wir sollten nicht glauben, dass ihr Arm uns nicht erreichen könne. Das war für mich der Moment der absoluten Gewissheit. Es ging nicht mehr nur um Online-Angriffe, koordinierte Meldungen meiner Social-Media-Beiträge oder Rufmord; es wurde offensichtlich, dass unsere Aktivitäten in Europa physisch überwacht werden, dass wir im öffentlichen Raum gefilmt werden und dieses Material genutzt wird, um Druck auf unsere Familien in Iran auszuüben.“
Auch Hossein Razzagh, ein politischer Aktivist und ehemaliger politischer Gefangener, der Iran vor weniger als einem Jahr verlassen hat, bestätigt die Zunahme der staatlichen Drohungen und erklärt, selbst zur Zielscheibe geworden zu sein. Gegenüber IranWire berichtet er, dass die Einschüchterungsversuche der iranischen Sicherheitsdienste insbesondere nach dem Tod des ehemaligen Obersten Führers des Landes, Ali Khamenei, massiv zugenommen hätten: „Nach Khameneis Tod twitterte ich, dass wir uns freuen – daraufhin begannen die Angriffe erneut. Zweimal riefen sie meine Frau über WhatsApp an und sagten, sie wüssten, wo sich die Schule unseres Kindes befinde. Sie drohten: ‚Wir werden dafür sorgen, dass Hossein Razzagh um sein Kind trauert.‘ Sie hackten sogar den Telegram-Account meiner Frau. Bei meinem E-Mail-Konto versuchten sie sich einzuloggen, scheiterten jedoch. Während der Proteste im Januar (in Iran) hielten sie sich noch zurück. Das alles begann erst mit dem Anfang des Kriegs.“
Wenn Drohungen die Familie treffen
Razzagh hat Iran im vergangenen Sommer verlassen, nur wenige Tage vor dem Ausbruch des zwölftägigen Kriegs zwischen Iran und Israel im Juni 2025, und war zunächst nach Armenien gereist. Damals gab er persischsprachigen Exilmedien Interviews, die große Wellen schlugen. „Am sechsten Tag des zwölftägigen Krieges gab ich aus meinem Hotel in Eriwan ein Interview, das sehr kontrovers aufgenommen wurde“, erinnert sich Razzagh. „Schließlich veröffentlichten zwei regimenahe Nachrichtenseiten den exakten Standort meines Hotels. Sie schrieben explizit: ‚Hossein Razzagh ist hier und hat das Interview von diesem Ort geführt.‘“
Er sah sich damals gezwungen, das Hotel noch vor Sonnenaufgang zu verlassen. In den folgenden zehn Tagen bis zu seinem Flug nach Deutschland wechselte er täglich den Aufenthaltsort. Aus Sicherheitsgründen durfte er in dieser Zeit keinerlei Kontakt zu der im armenischen Exil lebenden iranischen Community aufnehmen.

Nach Razzaghs Migration nach Deutschland ließen die Angriffe keineswegs nach. Mit der Fortsetzung seiner Aktivitäten und nach Interviews mit Medien im Ausland richteten sich die Drohungen direkt gegen ihn und seine Familie. Einige dieser Drohbotschaften enthielten sensible persönliche Daten, die nicht öffentlich zugänglich sind – ein klarer Indikator dafür, dass staatliche Geheimdienste involviert waren. Zudem wurde Razzaghs Bruder in Iran von den Sicherheitsbehörden festgenommen. Diese Festnahme habe ausschließlich dazu dienen sollen, psychologischen Druck auf ihn im Ausland auszuüben, sagt Razzagh IranWire.
Europa als unsicherer Zufluchtsort
Welche psychologischen Spuren hinterlassen das erzwungene Exil, der Kampf gegen einen Staat mit einer langen Historie terroristischer Aktivitäten in Europa und die ständigen Drohungen bei den Betroffenen? Razzagh beschreibt seine Gefühlslage schonungslos: „Um mein Kind mache ich mir große Sorgen, um mich selbst nicht. Jedes Mal, wenn ich das Haus verlasse, bin ich darauf gefasst, dass jemand eine Kugel auf mich abfeuert, oder dass man mich in den Kofferraum eines Autos zerrt und verschleppt. Wenn es an der Haustür klingelt, erwarte ich, dass ein Agent davorsteht, um mich mitzunehmen. Sie halten die Traumata und Ängste aus Iran in mir lebendig. In Iran dachte ich bei jedem Klopfen an der Tür oder bei jedem Blick eines Fremden auf der Straße, es sei ein Geheimdienstler, der mich festnehmen will.“
Die systematische Bedrohung politischer und zivilgesellschaftlicher Dissident*innen findet mitten in Europa statt – einer Region, in der Irans Sicherheitsapparate bereits in der Vergangenheit zahlreiche tödliche Attentate verübt haben: vom Mykonos-Attentat in Berlin 1992 über die Ermordung von Fereydoun Farrokhzad in Bonn 1993 bis hin zur Liquidation von Mohammad-Reza Kolahi Samadi (bekannt als mutmaßlicher Drahtzieher des Anschlags auf die Zentrale der Partei „Die Islamische Republik“ 1981) und der Erschießung von Ahmad Mola Nissi in Den Haag, beide im Jahr 2017. Diese lange Reihe staatlicher Operationen und die aktuelle Eskalation der Drohungen werfen einen dunklen Schatten der Verunsicherung über die iranische Opposition in Europa. Das Gefühl der Sicherheit, das das Exil eigentlich bieten soll, ist längst verschwunden.
Quelle: IranWire
Foto: Sima Ghaffarzadeh
Text: Pooyan Mokari

