Blut und Öl: Nastaran Makaremis Roman „Total“
Die Verbrennung fossiler Energie ist der Fluch unserer Zeit. Für Iran ist das Öl darüber hinaus ein Fluch, der auf fatale Weise seit über einem Jahrhundert die Geschichte und Geschicke des Landes prägt. Mit „Total“ hat Nastaran Makaremi darüber einen komplexen Roman voller Symbolkraft geschrieben, der Geschichte und Geschichten miteinander verwebt.
„Zweifellos war das Öl – neben Lügen und Dürren – einer der größten Flüche, die unser Land getroffen hatten“, schreibt die 1978 in Abadan geborene Autorin Nastaran Makaremi in ihrem Roman „Total“, ursprünglich 2020 auf Persisch und nun in Übersetzung von Bianca Gackstatter auf Deutsch erschienen. Makaremi ist dort aufgewachsen, im Umfeld der Ölindustrie, wo ihr Vater gearbeitet hat. Dieses Element fließt in autofiktionaler Form in das Buch ein, als die Autorin an einer Stelle kurz die vierte Wand durchbricht und verdeutlicht, weshalb sie diesen Text schreibt, und es ist ein geschickter Kunstgriff, der erst scheinbar die fragmentierte Geschichte ins Leere laufen lässt, nur um dann sämtliche Erzählstränge auf einmal wieder aufzunehmen und zusammenzuführen, und es ist spätestens dieser Moment, wo man begreift, mit welch versierter Erzählerin man es hier zu tun hat.
Auf drei Erzählebenen zeichnet Makaremi in „Total“ diesen tiefschwarzen Fluch nach, der heute in Form des maßgeblichen von der Verbrennung fossiler Energieträger mitverursachten Klimawandels längst die ganze Welt im Schwitzkasten hält.

Es beginnt in den Tagen der britischen Besatzung und mit der Ausbeutung der iranischen Bodenschätze ebenso wie der Ausbeutung der Arbeiter auf den Ölfeldern. Aber das Elend der jungen Männer, die in engen Baracken hausen müssen und täglich für einen Hungerlohn ihre Gesundheit riskieren, wird nicht realistisch, sondern fast märchenhaft erzählt, dicht aufgeladen mit biblischer bzw. koranischer Symbolik. Die Mitarbeiter des Ölkonzerns Total sind gottähnliche, strahlende Gestalten, die iranischen Arbeiter abergläubische Stammesangehörige im Land von Gog und Magog, und die Erschließung einer Ölquelle, bei der einige Arbeiter von den Engländern getötet werden mündet in einem aus dem Wüstensand springenden Wal, der die Menschen verschluckt – neben der religiösen Konnotation eine Anspielung auf den Ursprung des Öls und ein Symbol, das sich, wie auch einige weitere, bis zum Ende des Romans durchzieht wie ein roter Faden.
Der zweite Teil ist aus der Perspektive des Jungen Yahya erzählt, der sich Jahrzehnte später dem Briten Sir Herod (ja, für sprechende Namen hat Makaremi etwas übrig) als Diener anbietet in der Hoffnung, zu erfahren, was seinen Vorfahren zugestoßen ist. Doch bevor er sich zu fragen traut, macht Herod ihn zu seinem Lustknaben, vergewaltigt ihn, nutzt ihn aus und redet ihm ein, ihm damit Gutes zu tun.
Diese ganze, die längste Passage des Romans, steht wiederum symbolisch für das, was die Briten den Iranern angetan haben, und auch wenn diese Symbolik bisweilen allzusehr mit dem Holzhammer daherkommt, ist sie doch höchst effektiv, weil es der Autorin geschickt gelingt, ihre Figuren glaubwürdig zu zeichnen und ihr Erleben, ihre sich über Generationen ziehenden Ängste und Traumata mit realen geschichtlichen Hintergründen ebenso zu verweben wie mit mythisch-religiösen Bilderwelten sowohl der persischen als auch der islamischen Kultur.
Im dritten Teil, der im 21. Jahrhundert spielt, nimmt ein anderer (oder derselbe?) Yahyia Kontakt zur Erzählerin Afsoon auf und berichtet ihr, dass ihr Bruder, der Ölarbeiter Raei, tot ist, erschossen. Wohl im Zuge der Aufstände und Streiks der um ihre Löhne betrogenen Arbeiter – auch das ein realer zeitgeschichtlicher Hintergrund. Also macht Afsoon sich auf den Weg zur Raffinerie, wo sie Yahya findet und die Leiche ihres Bruders, aber anstatt in Wut und Trauer, in Verzweiflung auszubrechen, versinkt sie in die Erinnerung an Raei und erzählt von einem liebenswerten Menschen, dessen Tod auf so vielen Ebenen sinnlos war. Und wie ist er nun genau gestorben? Das erzählt Yahya ihr in einer langen Nacht, und in seiner Geschichte geht es um Macht, Öl und einen Wal…
Selten wurde die zerstörerische Gewalt von Kolonialismus, Kapitalismus und Ausbeutung, die Geschichte großer Versprechen, die zu großen Verbrechen werden, so hintergründig und literarisch vielschichtig erzählt, wie hier, und das ohne je die Figuren und die Welt der Romanhandlung zum bloßen Vehikel einer politischen Message zu machen, wie es heutzutage leider gerade in der jüngeren deutschen Literatur allzu oft passiert.
„Total“ ist einer von fünf Romanen und drei Erzählbänden, die Nastaran Makaremi bislang auf Persisch veröffentlicht hat, und der erste in deutscher Übersetzung, was auch dem Berliner Programm ‚Weiter Schreiben‘ zu verdanken ist. Aktuell lebt Makaremi in Berlin. In Iran hat sie füre ihre literarische und journalistische Arbeit zahlreiche Preise erhalten und es bleibt zu hoffen, dass auch weitere ihrer Werke den Weg ins Deutsche finden.♦
Nastaran Makaremi: Total, Roman, 213 Seiten, Deutsch von Bianca Gackstatter, Sujet Verlag, Bremen 2026.

