Eselsohren – der letzte Schrei in der islamischen Republik

Der Iran soll das Land mit den weltweit meisten Schönheitsoperationen sein. Nasenverkleinerungen, Brustvergrößerungen, Fettabsaugen oder Bauchdeckenstraffen gehören neben Liften und Lid- und Wangenkorrekturen zu den häufigsten ästhetischen Eingriffen. Nun gibt es einen neuen Trend: „Eselsohr“ heißt der im Volksmund.
„Eine herkömmliche Ohrenkorrektur ist ein kleiner Eingriff“, sagt Shadmehr Raseghi, Facharzt für plastische Chirurgie in Teheran. Knorpel oder Ohrläppchen verkleinern, abstehende Ohren anlegen – kein Problem für Dr. Raseghi. Doch „Eselsohren“ möchte er niemandem anraten und ist auch nicht bereit, derartige Operationen, deren psychische Folgen niemand abschätzen könne, durchzuführen.
Bei dieser neuen Mode der ästhetischen Operation werde die Oberkante der Ohren mit einem Knick nach oben zugespitzt, erklärt der Chirurg: „Für immer, denn die Operation ist nicht rückgängig zu machen.“
Die „Eselsohroperation“ hatte ihr Debüt 2011 im Iran. Vorbild sollen iranischen Zeitungen zufolge Figuren aus amerikanischen Filmen gewesen sein: der Hobbit aus „Herr der Ringe“ oder Mr. Spock aus dem „Star Treck“-Universum.
Männer als Kunden der plastischen Chirurgie

Reklame in einer iranischen Website für eine Creme, die die Nase verkleinern soll!
Reklame in einer iranischen Website für eine Creme, die die Nase verkleinern soll!

Diesmal waren die Männer sofort dabei. Bei den bisherigen Schönheitsoperationen waren dagegen Frauen die Vorreiterinnen. Zunächst bildeten vor allem reiche Frauen und Kinostars im Iran die Klientinnen der Schönheitschirurgen. Dann folgten mittelständische Frauen, die, so die gängige Meinung, reiche Ehemänner „angeln“ wollten. Heute lassen sich auch immer mehr junge Frauen aus den unteren Gesellschaftsschichten „Barbygesichter“ machen. Wie sie die Operationen finanzieren, bleibt ihr Geheimnis. Doch nach und nach zogen die Männer nach. Heute gehört es zum Straßenbild selbst in kleinen Städten, dass Männer mit einem kleinen Pflaster auf der Nase herumlaufen.
Mohsen Naraghi, Leiter der „Forschungsgesellschaft für Nasenheilkunde“(Rhinology Research Society), bestätigt den Trend: „Nasenoperationen waren im Iran bis zum Ende der achtziger Jahre Frauen vorbehalten. Doch in den vergangenen Jahren wenden sich vermehrt auch Männer wegen Nasenkorrekturen an die Chirurgen.“
Mehr als in den USA
Nach einer Recherche der Forschungsgesellschaft und der John-Hopkins-Universität in Baltimore wurden 2013 im Iran proportional zur Bevölkerungszahl mehr Nasenoperationen durchgeführt als in den USA. Über 80.000 IranerInnen, die meisten zwischen 17 und 25 Jahre alt, ließen sich allein in dem Jahr an der Nase operieren. Bei 50 Prozent bestand nach Naraghis Meinung kein Grund für die Operation. Es gehe um Eitelkeit – wobei viele nach der Operation zu der Einsicht kämen, dass diese sie nicht schöner, sondern nur „anders“ gemacht habe. Es gibt jedoch weder staatliche Erhebungen noch ernstzunehmende Recherchen darüber, wer warum so eine Operation macht.
Die Gründe
In Teheran existierten 2013 etwa 160 Kliniken und Praxen für ästhetische Chirurgie
In Teheran existierten 2013 etwa 160 Kliniken und Praxen für ästhetische Chirurgie

ExpertInnen wie etwa der Soziologe und Universitätsdozent Amanolah Gharaimoghadam sind sich einig, dass Identitätskrisen, mangelndes Selbstvertrauen sowie fehlende soziale und religiöse Normen Grund dafür seien, dass die jungen Menschen „dem Vorbild der Stars folgen und eine Schönheitsoperation vornehmen“, so Gharaimoghadam.
Iranische Politiker und staatliche Sachverständige kritisieren diesen Trend zwar seit Jahren, wissen jedoch keinen Ausweg. Zuletzt beklagte Mohammadhosein Ghorbani, Mitglied der Gesundheitskommission des iranischen Parlaments, im Interview mit der Zeitung Khorasan „die weite Verbreitung der Schönheitsoperationen bei jungen Menschen“. Er plädierte für mehr staatliche Kontrolle und vor allem dafür, illegale Schönheitsoperationen zu unterbinden.
In Teheran existierten 2013 etwa 160 Kliniken und Praxen für ästhetische Chirurgie, die eine staatliche Zulassung besaßen. Berichten iranischer Medien zufolge sollen jedoch insgesamt etwa 7.000 Ärzte Schönheitsoperationen durchgeführt haben.
   SEPEHR LORESTANI
Übersetzt aus dem Persischen und überarebeitet von Said Shabahang
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