Mahnwache mit Botschaft und offenen Fragen
Seit Mai campiert die Organisation Iranischer Parlamentarischer Monarchie vor dem Berliner Reichstagsgebäude. Ihr Gründer Nik Jafarzadeh gedenkt der Opfer der Islamischen Republik und wirbt für Reza Pahlavi. Ein Gespräch über Gedenken, Demokratie und die Zukunft Irans.
Vor dem Berliner Reichstagsgebäude sieht man die Gesichter der Toten. Eine zwölf Meter lange Gedenkwand zeigt Fotos und Namen von Menschen, die der staatlichen Gewalt in Iran zum Opfer gefallen sind. Darüber wehen vorrevolutionäre „Kriegsflaggen zu Land und zur See“. Daneben sind Porträts von Reza Pahlavi, dem Sohn des letzten Schahs, zu sehen.
Er habe das Camp am 5. Mai 2026 eingerichtet, sagt Nik Jafarzadeh, der Gründer der Organisation Iranischer Parlamentarischer Monarchie (O.I.P.M.). Den Ort haben er und seine Mitkämpfer bewusst gewählt: Wer sich zwischen Kanzleramt, Paul-Löbe-Haus und Reichstag bewegt, trifft auf diese Wand. Abgeordnete sollen an Verfolgte und Getötete erinnert werden und mit den Protestierenden ins Gespräch kommen.
Mahnwache mit Vorgeschichte

Jafarzadeh engagiert sich nach eigenen Angaben seit der Gründung seiner Organisation 1995 für ein säkulares Iran. Bereits 2022 organisierte er eine Dauermahnwache vor der iranischen Botschaft in Berlin. Ein Wohnwagen diente als Stützpunkt. In der Nacht zum 30. Oktober 2022 wurden Teilnehmer dort angegriffen, zwei wurden verletzt. Wer für die Tat verantwortlich war, ließ sich nicht abschließend klären. Die Organisation setzte den Protest fort.
Die Gewalt gegen Protestierende in Iran ist massiv dokumentiert. Die Menschenrechtsorganisation HRANA verzeichnete in ihrem Bericht über die ersten 50 Tage der jüngsten Protestwelle, die Ende Dezember 2025 begann, 6.488 getötete Demonstrierende und zusätzlich 236 getötete Kinder. Weitere 11.744 mutmaßliche Todesfälle waren noch in Prüfung. HRANA bezeichnete diese Zahlen ausdrücklich als verifizierbaren Mindeststand.
Jafarzadeh nennt im Gespräch eine wesentlich höhere Zahl: Seit Januar seien 50.000 Menschen ermordet worden. Eine unabhängige Bestätigung gibt es nicht. Die tatsächliche Gesamtzahl lässt sich unter den Bedingungen von Repression und eingeschränktem Informationszugang schwer ermitteln.
Gewissheit über die Mehrheit
Bei der Frage nach Irans politischer Zukunft kennt Jafarzadeh keine Zweifel. Reza Pahlavi habe dessen Bevölkerung längst hinter sich. Andere oppositionelle Strömungen hält er für bedeutungslos. „Wenn man die gesamten Volksmudschahedin, Kommunisten und andere Linke zusammenpackt, die passen vielleicht hier in dieses Glas. Wenn die Mullahs im Iran gestürzt sind, dann haben wir mit 100-prozentiger Sicherheit die absolute Mehrheit”, sagt er.
Wie groß Pahlavis tatsächlicher Rückhalt in der iranischen Bevölkerung ist, lässt sich nicht klären. Eine freie Wahl, aus der sich ein solcher Führungsanspruch ableiten ließe, hat es unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht gegeben.
Dabei betont Jafarzadeh, Pahlavi wolle der Repräsentant aller Iranerinnen und Iraner sein, ausdrücklich auch von Kommunisten und Volksmudschahedin. Sein eigenes Ziel ist eine Demokratie nach skandinavischem Vorbild, mit Gleichberechtigung der Geschlechter. „Das hätten die mutigen Frauen des Iran verdient”, sagt er.
Enttäuschung über Berlin
Besonders verärgert zeigt sich Jafarzadeh darüber, dass die Bundesregierung Reza Pahlavi bei seinem Berlinbesuch im April 2026 nicht offiziell empfangen hat. Außenminister Johann Wadephul bezeichnete den Aufenthalt als privaten Besuch mit politischen Gesprächen. Kontakte zu Bundestagsabgeordneten fanden dennoch statt.
Am 23. April wurde Pahlavi nach einem Pressetermin mit roter Flüssigkeit bespritzt. Die Polizei nahm einen Mann fest. Jafarzadeh bringt den Vorfall mit dem seiner Ansicht nach unzureichenden Schutz des Besuchers in Verbindung. Einen Beweis dafür liefert er nicht.
Die EU führte im September 2025 im Zuge des sogenannten Snapback-Verfahrens umfassende Sanktionen gegen Iran wieder ein, darunter ein Verbot für Einfuhr, Kauf und Transport iranischen Rohöls. Jafarzadehs Forderung, die diplomatischen Beziehungen mit Iran zu beenden und auf sämtliche Verträge und Geschäfte zu verzichten, lässt die Frage offen, auf welcher rechtlichen Grundlage dies geschehen könnte.

Der Umgang mit unbequemen Symbolen
Wie weit Jafarzadehs integrativer Anspruch trägt, zeigt sich, als das Gespräch auf belastete Symbole kommt. Am 10. Mai 2026 zeigten Pahlavi-Anhänger:innen auf einer Demonstration in Regensburg das Emblem des Geheimdienstes SAVAK auf T-Shirts und mindestens einer Fahne. Der SAVAK war unter dem letzten Schah, Mohammad Reza Pahlavi, ein Instrument politischer Unterdrückung und Folter.
Jafarzadeh bezeichnet solche Erscheinungen als „Ausrutscher” — wie ein Muttermal im Gesicht, das man unschön finde, das aber nun einmal vorhanden sei.
Ähnlich gelassen reagiert er auf einen Instagram-Beitrag von Yasmine Pahlavi, der Ehefrau des Kronprinzen, mit der Parole „Tod den drei Verdorbenen: Mullahs, Linken, Mudschaheddin”. Jafarzadeh erkennt darin weder Hassrhetorik noch einen Widerspruch zu Pahlavis integrativem Anspruch. Yasmine Pahlavi erklärte gegenüber Reuters, die Parole habe Ideologien, keine Menschen gemeint. Reza Pahlavi sagte im Juli, der Beitrag sei entfernt worden, und verurteilte Gewalt durch Anhänger.
Offene Fragen
Für die Berliner Mahnwache stehen damit mehrere Aufgaben nebeneinander: an die Opfer der Islamischen Republik zu erinnern, internationale Unterstützung zu gewinnen und für eine bestimmte politische Ordnung zu werben. Jafarzadeh hat sich auf die parlamentarische Monarchie und auf Reza Pahlavi als deren Träger festgelegt.
Wie seine Initiative Menschen gewinnen will, die den Schah und sein Erbe ablehnen und dennoch die Islamische Republik überwinden wollen, bleibt die eigentliche offene Frage dieses Protests.♦

