Iran: Gefechte am Rand, Entscheidung im Kern

Im Südosten Irans vergeht kaum eine Woche ohne Gefechte. Manche Beobachter sehen darin den Anfang vom Ende der Islamischen Republik. Über deren Schicksal wird jedoch im iranischen Sicherheitsapparat entschieden, und dessen Zusammenhalt hängt zunehmend am Geld.

Von Ali Taghavi

Am 23. September 2026 wurde Brigadegeneral Hossein Zarifi, Kommandeur eines Revolutionsgarden-Stützpunkts in der Provinz Sistan und Belutschestan, im südöstlichen Grenzgebiet Irans zu Pakistan und Afghanistan bei Gefechten mit Bewaffneten getötet. Die staatliche iranische Nachrichtenagentur Irna meldete fünf getötete Angreifer bei den Gefechten; die Menschenrechtsorganisation Haalvsh nannte die „Front der Volkskämpfer“ als Beteiligte, bestätigt ist das nicht.

Am 2. Oktober starben nach Angaben von Haalvsh fünf Angehörige der Fatemiyoun, einer von den Revolutionsgarden gegründeten und ausgebildeten Miliz, die überwiegend aus in Iran lebenden Afghanen besteht, in der gleichen Provinz. Neben ihrem Fahrzeug soll erst ein Sprengsatz detoniert sein, dann sollen Bewaffnete das Feuer eröffnet haben. Die Revolutionsgarden räumten dagegen nur den Tod eines Kämpfers ein. Am selben Tag lieferten sich Sicherheitskräfte und Bewaffnete im Kreis Rask stundenlange Gefechte. Die Provinzpolizei meldete weitere Anschläge: am 5. Oktober bei Bampur, am 7. Oktober in Golshan und Nosratabad. Nach Medienberichten vom 7. Oktober wurde zudem bei Zahedan ein Kleinbus mit Soldaten der 88. Panzerdivision angegriffen. Dabei soll es einen Toten gegeben haben. Die Opferzahlen lassen sich nicht unabhängig prüfen.

Manche Beobachter sehen in der Häufung ein Zeichen: dass der Zerfall der Islamischen Republik an ihren Rändern begonnen hat. Diese Lesart verwechselt den Ort der Gewalt mit dem Ort der Entscheidung. Autoritäre Regime stürzen selten über Unruhen in Grenzprovinzen. Entscheidend ist, ob die loyalen Sicherheitskräfte den Erhalt des Systems noch tragen wollen und können. Dieser Zusammenhalt dürfte seit dem Tod Ali Khameneis stärker davon abhängen, ob dafür genug Geld vorhanden ist. Belutschistan bedroht den Kern nicht. Doch wo das Regime kämpfen muss, zeigt sich, wem es das Kämpfen anvertraut.

Ein Aufstand, der am Rand bleibt

Sistan und Belutschistan ist die ärmste Provinz Irans. Die Mehrheit der Bevölkerung besteht aus sunnitischen Belutschen. Bewaffneter Widerstand hat hier eine zwanzigjährige Geschichte, von der militanten Widerstandsgruppe Jundallah bis zur 2012 gegründeten Jaish al-Adl. Neu ist die Organisation: Am 10. Dezember 2025 kündigten mehrere belutschische Gruppen an, künftig unter dem Dach einer „Front der Volkskämpfer“ gemeinsam zu operieren.

Der Aufstand hält sich, weil die Grenzen zu Pakistan und Afghanistan Rückzugsräume bieten und der Zentralstaat dort nie mehr war als ein Sicherheitsapparat. Dieselben Bedingungen halten ihn aber am Rand. Ähnlich ist es in den kurdischen Gebieten: Bewaffnete Minderheitengruppen haben in den großen Städten kaum eine Basis, und Teile der Opposition begegnen ihnen mit dem Verdacht des Separatismus. Das Regime profitiert davon: Anschläge wie in Saravan stützen die offizielle Erzählung von der Verteidigung der territorialen Einheit. Der Druck der Peripherie trifft den Staat dort, wo er immer schwach war, nicht dort, wo die Macht sitzt.

Die Fatemiyoun sind eine einsatzbereite Truppe unter Führung der iranischen Revolutionsgarde – Foto: tabnak.ir

Ortsfremde Kämpfer

Auffällig ist die Antwort des Regimes. Nach Angaben von Haalvsh wurden Hunderte Angehörige der Fatemiyoun-Miliz in der Provinz stationiert, von Zahedan und Saravan bis Chabahar und Iranshahr. Sie sollen mehrere örtliche Basij-Stützpunkte übernommen haben. Für beides ist Haalvsh bislang die einzige Quelle; iranische Behörden äußerten sich nicht. Die Menschenrechtsorganisation Hengaw berichtete schon im April von solchen Milizen auch in Kurdistan, Chusestan, Teheran und Maschhad. In Belutschistan aber stehen sie im Gefecht.

Dafür gibt es zwei Erklärungen. Erstens: Das Regime misstraut den örtlichen Kräften oder hat nach monatelangem Krieg nicht mehr genug loyales Personal. Der in London ansässige Mediendienst Iran International berichtete im März, Teile der Armee sowie Ruheständler hätten zwei Monate lang keinen Sold erhalten, die Revolutionsgarden hätten Pensionäre zurückgerufen. Die Berichte stützen sich auf anonyme Quellen. Zweitens: Die Fatemiyoun sind eine einsatzbereite Truppe, die mit dem Sturz Assads im Dezember 2024 ihr syrisches Einsatzgebiet verloren haben dürfte. Ortsfremde Einheiten in Aufstandsgebiete zu schicken, ist zudem ein alter Kunstgriff gegen Verbrüderung mit der Bevölkerung. So gelesen zeugt der Einsatz von Handlungsfähigkeit.

Was beiden Lesarten gemeinsam ist: Das Regime stützt sich im Inneren zunehmend auf Kräfte, die durch Ideologie und Sold gebunden sind und die mit der Gesellschaft nichts verbindet. Ihre Loyalität hält, solange die Befehle klar sind und das Geld fließt. Beides ist seit Februar unsicherer geworden.

Ein Kern ohne Schiedsrichter

Ali Khamenei wurde am 28. Februar zu Beginn des amerikanisch-israelischen Angriffs getötet, am 8. März bestimmte der Expertenrat seinen Sohn Mojtaba zu seinem Nachfolger. Seitdem gibt es nach Angaben von AP kein neues Bild und keine Tonaufnahme des neuen Obersten Führers Irans. Im August verbreitete die Agentur Mehr allerdings ein kurzes Video, das Mojtaba zeigen soll; unabhängig bestätigt wurde das nicht. Irans Präsident Pezeshkian beschrieb die Verständigung mit dem „Revolutionsführer“ im August als sehr schwierig. Ende September sagte er dem US-Sender CBS, er habe ihn zweimal getroffen, einmal sieben Stunden lang; Mojtaba sei gesund.

Iranische Funktionäre sagten der Nachrichtenagentur Reuters, Mojtaba Khamenei regiere von einem sicheren Ort aus und überlasse das Tagesgeschäft hochrangigen Vertrauten, ohne Namen zu nennen. Kommandeure der Revolutionsgarden dürften dazugehören, belegt ist das jedoch nicht.

Die Politikwissenschaftler Steven Levitsky und Lucan Way argumentieren, dass Regimes, die aus Revolutionen hervorgegangen sind, besonders langlebig seien: Führung und Streitkräfte sind eng verflochten, äußere Bedrohung schweißt die Eliten zusammen. Daraus folgt der stärkste Einwand gegen die These vom Zerfall: Krieg und Blockade könnten den Kern der Islamischen Republik eher gefestigt haben. Dazu passt, dass die Proteste im Januar niedergeschlagen wurden und bei den Revolutionsgarden bislang keine Spaltung sichtbar ist.

Allerdings hatte dieser Zusammenhalt dreieinhalb Jahrzehnte lang einen Schiedsrichter. Khamenei schlichtete Konflikte zwischen den Machtnetzwerken und sicherte jedem seinen Anteil. Solange sein Nachfolger unsichtbar bleibt, ist diese Position faktisch unbesetzt. Verteilungskonflikte lassen sich dann vermutlich nur noch mit zusätzlichen Mitteln befrieden.

Wenn das Geld knapp wird

Genau diese Mittel aber schwinden. Eine Seeblockade der US-Marine schneidet Irans Ölausfuhren weitgehend ab. Die Exporte, die vor den Sanktionen bis zu 2,8 Millionen Barrel täglich erreichten, sind nach Angaben von Reuters auf 220.000 bis 255.000 Barrel pro Tag eingebrochen. Laut dem Marktanalyseunternehmen Kpler gab es im September kaum noch Rohöl-Verladungen. Anfang Oktober trat Irans Ölminister Mohsen Paknejad zurück; Hamid Bovard führt das Ministerium seither kommissarisch. Der Internationale Währungsfonds rechnete für 2026 mit einer Inflation von knapp 69 Prozent in Iran und einem Einbruch der Wirtschaftsleistung um gut sechs Prozent.

Doch Knappheit allein sprengt den Kern des Systems nicht. In früheren Sanktionsphasen wanderten die Ressourcen zu denen, die über Sicherheitsapparat und Schmuggelnetze verfügten; der Anteil der Revolutionsgarden an der Wirtschaft wuchs. Die Blockade verengt nun aber auch die informellen Wege. Kommen die Exporte selbst zum Erliegen, bleibt auch den Netzwerken, die an der Umgehung der Sanktionen verdienten, wenig zu verteilen. Dann geraten das gemeinsame Interesse am Überleben des Systems und das am eigenen Anteil in Konflikt. Einen Beleg, dass dieser Konflikt bereits begonnen hat, gibt es bislang nicht.

Woran sich die kommenden Monate messen lassen

Die Islamische Republik zerfällt nicht. Sie befindet sich in einer Phase der Zermürbung: Der Sicherheitskern hält das Zentrum mit Gewalt zusammen, während die Gefechte am Rand zuletzt dichter geworden sind. Ob daraus ein Zusammenbruch wird, zeigt sich vor allem daran, ob Revolutionsgarden und Basij selbst ihren Sold verspätet erhalten. Ein zweites Zeichen wären offene Konflikte zwischen Kommandeuren um Öleinnahmen und Schmuggelrouten. Erst dann bekommt der Einsatz ortsfremder Milizen eine eindeutige Bedeutung. Für sich genommen kann er Schwäche ebenso anzeigen wie Stärke.

Die Gefechte in Saravan werden diese Frage nicht beantworten. Entschieden wird sie dort, wo der Sold berechnet und die Öleinnahmen verteilt werden: im Kern selbst. Bricht er, braucht es keinen Sieg der Aufständischen. Hält er, wird auch eine neue Front in Belutschistan das Regime nicht stürzen.♦

Zum Autor: Ali Taghavi ist Politikwissenschaftler und Publizist mit Schwerpunkt auf internationale Beziehungen, iranische Außenpolitik und den Nahen Osten.

Hinweis: Die in diesem Beitrag geäußerten Meinungen geben die Ansicht des Autors wieder und entsprechen nicht notwendigerweise der Meinung der Redaktion von Iran Journal.