Khameneis Trauerfeier: Der Führer stirbt, die Bühne bleibt

Mit der öffentlichen Inszenierung von Ali Khameneis Begräbnis will das iranische Regime eine klassische Botschaft senden: Die Macht überlebt den Körper des Herrschers. Doch die Risse in der Inszenierung sind unübersehbar.

Von Armin Omid, Teheran

Alles verläuft in einer kalten, berechneten Ordnung. Von jener vertrauten Unordnung, die große Trauerfeiern kennzeichnet, ist nichts zu sehen. Ausländische Delegationen betreten nacheinander einen überdachten Raum, in zeitlichem Abstand voneinander. Jeder Einzug wird von einer bestimmten Musik begleitet, die live gespielt wird, außerdem von der Rezitation ausgewählter Koranverse, die jeweils auf die Delegation abgestimmt sind. Danach setzt sich derselbe ruhige Ablauf fort. Eine Delegation kommt, verharrt, erweist die Ehre und macht der nächsten Platz.

Wer in den Begräbniszeremonien für Ali Khamenei jene unerklärliche Erregung und Faszination wiederzufinden sucht, von der Beobachter einst berichteten, als sie die Trauerfeier für den Gründer der Islamischen Republik, Ayatollah Khomeini, beschrieben, wird möglicherweise enttäuscht. Jene „Beisetzung im Auge eines religiösen Sturms“, jener „Versuch, einen Wirbelsturm zu organisieren“, „das Meer zurückzudrängen“, jene „gewaltigen schwarzen Flüsse von Trauernden“, „die endlose Menschenflut“, dazu die Schreie, die Selbstgeißelungen und das unkontrollierbare Chaos sind metaphorische Beschreibungen, die wie eine ferne Erinnerung an eine glanzvolle, sagenhafte Vergangenheit über der Trauerfeier für Ali Khamenei schweben. Doch vielleicht ist es für diese Enttäuschung zu früh. Die öffentlicheren Teile der Zeremonie stehen in den kommenden Tagen noch bevor. Wird sich die Zeremonie erneut in eine Bühne verwandeln, auf der ein Ausbruch archaischer Leidenschaft sichtbar wird, wie er in der zivilisierten Welt nur selten erscheint?

 

Mythos ohne Menschenflut

Doch die Wirklichkeit ist oft banaler. Wer die Zeremonie in der Hoffnung verfolgt, den Mythos wiederzufinden, wird tief enttäuscht sein. In dem öffentlicheren Teil der Feier in der Teheraner Gebetsstätte Mosalla, wo man den Ansturm der Gefühle und die Verdichtung der Menge erwarten müsste, gibt es kein aufgewühltes Meer der Massen und keine tosenden Wellen mehr. Der Bereich für die Trauernden ist in Parzellen unterteilt, die eher an Fischzuchtbecken erinnern. Und die Menschen in diesen vorab entworfenen Rahmen lassen mit dem schwachen Schwenken roter Fahnen, die ein Zeichen der Rache sein sollen, nur noch eine sanfte Gezeitenbewegung erkennen. Zwischen der Menge sind Sprühnebelanlagen installiert; während der religiöse Sänger von der sengenden Sonne der Wüste von Kerbela spricht und Khamenei mit Hussein, dem dritten Imam der Schiiten, vergleicht, rieselt so etwas wie künstlicher Regen auf die Menge herab.

Die Särge kommen ins Bild, diesmal jedoch nicht inmitten ineinander verkeilter Menschenmassen, sondern auf den Schultern einer begrenzten, ausgewählten Gruppe. Der Hauptsarg, der dem „Führer“ zugeschrieben wird, ist durch einen schwarzen Turban, das Zeichen seiner behaupteten Abstammung vom Propheten, von den anderen abgesetzt und vorne auf der Bühne positioniert. Dahinter stehen drei weitere große Särge – die seiner Familienmitglieder –, und auf einem von ihnen liegt ein kleinerer Sarg, der seiner Enkelin gehört, einem dreijährigen Mädchen. Die Sargträger zeigen keine Spur von Unruhe. Sie gehen voran in schlichter, aber gepflegter Kleidung, mit ordentlich geschnittenen, kantigen Bärten, frisiertem Haar, einstudierten Körperbewegungen und weitgehend unbewegten Pokerfaces. Einer von ihnen trägt nicht einmal Schwarz, sondern hat sich nur einen schwarzen Schal um den Hals gelegt – vielleicht, um die moderneren Schichten zu repräsentieren. Ein anderer greift, kaum dass der Sarg abgesetzt ist, zuerst an seine Kleidung, um sicherzugehen, dass sein Hemd nicht aus der Hose gerutscht ist.

In die Flagge der Islamischen Republik gehüllt, werden die Särge in einer geometrischen Anordnung vor der Menge platziert – und natürlich oberhalb von ihr.

 

Ordnung statt Ekstase

Das Totengebet wird dreimal gesprochen: einmal für den Führer selbst, einmal für seine Familie und einmal für seine kleine Enkelin. Nach dem Gebet setzen sich die Särge wieder in Bewegung, um im Rahmen einer größeren, aber weiterhin ausgewählten Gruppe auf einer kurzen Strecke bis zum Eingang des Innenbereichs der Mosalla begleitet zu werden.

Am nächsten Tag ist für die öffentliche Trauerprozession durch Teheran ein großer offener Lastwagen vorbereitet worden. Auf dessen verlängerten Aufbau ist am hinterem Ende eine Art hohe Metallplattform angebracht, auf deren ebener Fläche die Särge platziert werden sollen. Die Seiten des Lastwagens sind nicht schlicht gestaltet; ihre Struktur orientiert sich an den Metallgittern und Verzierungen religiöser Schreine. Es wirkt, als habe man ein kleines Heiligtum auf Räder gestellt und auf die Straße gebracht. Der Trauerzug legt eine Strecke von etwa zehn Kilometern durch die Menge zurück und passiert den Imam-Hussein-, den Revolutions- und den Freiheitsplatz – eine Route, die sowohl mit der Revolution von 1979 als auch mit den wiederholten Wellen von regimekritischen Proteste nach der Revolution verbunden ist. So entsteht ein Raum, in dem die vertrauten Akte einer Trauerprozession, der Versuch, den Sarg zu berühren, sich Segen zu holen und sich den Moment der Trauer anzueignen, in einer zeitgenössischen Adaption stattfinden können, ohne dass den Organisatoren die Kontrolle über die Szene wie auf den berühmten Bildern von Khomeinis Begräbnis entgleitet. Der Mythos ist aus sicherer Distanz und kontrolliert rekonstruiert worden.

Zwischen den Trauerfeiern für Khomeini und Khamenei liegen weniger als vier Jahrzehnte. Doch der auffällige Gegensatz, der die Atmosphäre dieser beiden Trauerakte prägt, verweist auf einen weitaus tieferen Bruch. Jeder Beobachter wird sich fragen, was in der Zwischenzeit geschehen ist. Lässt sich dieser Unterschied auf die unterschiedliche gesellschaftliche Popularität der beiden Führer reduzieren? Oder kann man auf einer anderen Ebene aus dieser Differenz schließen, dass das islamische System rationaler geworden ist? Jede dieser Antworten erklärt einen Teil des Gegensatzes. Ein großer Teil aber wurzelt in der unterschiedlichen Funktion, die diese beiden Zeremonien in ihrem jeweiligen politischen Kontext erfüllen.

 

Vom revolutionären Taumel zur Krisenverwaltung

Rückblickend behaupten manche, die Trauerfeier für Khomeini und der Ausbruch von Emotionen, der damals die Welt in Staunen versetzt hatte, hätten vor rund 37 Jahren zugleich Höhepunkt und Ende einer bestimmten Form von „Revolutionarismus“ markieren sollen. Eine Gesellschaft, erschöpft von mehr als einem Jahrzehnt Konflikt, von der Angst der revolutionären Atmosphäre, von Terror, Krieg und Blutvergießen, schien in einem hysterischen Abschied ihre gescheiterten revolutionären Träume zusammen mit Khomeini zu begraben und sich auf den Eintritt in eine neue Ära vorzubereiten, die im Nachhinein den Titel „Wiederaufbau“ erhielt.

Khamenei jedoch war während seiner Herrschaft nicht sonderlich erfolgreich darin, diesen Übergang zu steuern. Er war, in seiner eigenen Sprache, noch immer ein Revolutionär, kein Diplomat. Und gerade diese Schwäche seines diplomatischen Denkens brachte ihn am Ende ums Leben und stürzte zugleich das Land in eine politische Krise, für die seine Trauerfeier nun als vorübergehender Balsam dienen soll.

Aus dieser Perspektive erscheint die Zeremonie als mehr als nur eine einfache Trauerfeier. Sie ist die Fortsetzung eines Mechanismus, der bereits Monate zuvor in Gang gesetzt wurde, um aus der politischen Sackgasse des Krieges und des Todes des Führers herauszufinden. Das Regime, das nach der Bekanntgabe von Khameneis Tod die Rückkehr von Protesten fürchtete, versuchte zunächst, den ersten Schock durch die Militarisierung öffentlicher Räume und durch sicherheitspolitische Drohungen zu kontrollieren. Im nächsten Schritt bemühte es sich, durch die Organisation von Straßendemonstrationen seiner Anhänger in der Krise eine technisch hergestellte Rekonstruktion gesellschaftlichen Zusammenhalts im eigenen Lager voranzutreiben. In dieser Linie muss die Trauerfeier als letzter Schritt eines Krisenmanagements verstanden werden: als Schlussvorhang einer kollektiven Psychotherapie, die offenbar darauf angelegt ist, durch die übersteigerte Inszenierung von Ordnung und Größe die allgemeine Angst vor dem Verlust des Führers unter den Anhängern des Systems zu bändigen und sie auf den Eintritt in eine neue Ära vorzubereiten.

Der König soll nicht sterben

Das Regime versucht, die Menschen durch eine politische Inszenierung zu dem Glauben zu bewegen, das System sei zwar erschüttert, aber nicht zusammengebrochen. Inmitten der kaum noch verdeckten Machtkämpfe im Inneren und angespannter Verhandlungen im Schatten des Widerstands der Hardliner soll diese Zeremonie einen Raum schaffen, in dem die Massen der Systemanhänger ihre negativen Emotionen in einem sicheren Rahmen ausdrücken können. Darüber hinaus bietet die Zeremonie ihnen die Möglichkeit, ihr fragiles „soziales Gleichgewicht“ wieder in ein „politisches Gleichgewicht“ zu überführen und ein aquarienhaftes Bild nationaler Geschlossenheit zu erzeugen. Anders gesagt: Das letzte Ziel besteht darin, eine klassische Botschaft an alle zu senden: dass politische Macht über den physischen Körper des Herrschers hinausreicht und „der König niemals stirbt“.

Doch abermals ist die Wirklichkeit oft banaler. Ali Khameneis politisches Erbe ist eine zerrissene Nation, von der ein großer Teil ihn bereits am Tag der Bekanntgabe seines Todes mit Tanz, Jubel und Freudenrufen zu Grabe trug. Aus dieser Perspektive ist der Versuch, durch die gewaltige Inszenierung von Ordnung und Kontrolle ein Bild nationaler Geschlossenheit zu schaffen und die innere Unruhe des Systems zu verleugnen, äußerst naiv. Dieses Bild wirkt von Beginn an unklarer denn je – durch offenkundige Risse wie die Abwesenheit eines neuen Führers und des Sohnes des früheren Führers bei der Beisetzung, durch die Nicht-Einladung früherer Präsidenten und das Fehlen hochrangiger Geistlicher beim Totengebet. All das verweist auf die Unfähigkeit der Organisatoren, selbst einfachere Ziele zu erreichen, etwa eine wenn auch nur scheinbare Versöhnung unter den herrschenden Eliten.

Foto: Fars