Tag 47 ohne Internet

Seit den Angriffen der USA und Israels auf Iran und der darauffolgenden militärischen Eskalation zwischen den drei Staaten wird der Krieg nicht nur mit Raketen geführt, sondern auch mit Informationen. Der aktuelle Konflikt ist ein Kampf um Deutungshoheit – und darum, was überhaupt sichtbar wird.

Die fragile Feuerpause zwischen den Hauptkriegsparteien Iran, den USA und Israel bedeutet noch keinen Frieden. Verschiedene Konflikte ziehen sich weiter, so auch der Kampf um Informationen und Deutung. Das wird besonders sichtbar am Internet-Blackout in Iran. Dieser Blackout beeinflusst jede Kommunikation innerhalb und außerhalb des Landes.

Die fragile Feuerpause zwischen den Hauptkriegsparteien Iran, den USA und Israel bedeutet noch keinen Frieden. Verschiedene Konflikte ziehen sich weiter, so auch der Kampf um Informationen und Deutung. Das wird besonders sichtbar am Internet-Blackout in Iran. Dieser Blackout beeinflusst jede Kommunikation innerhalb und außerhalb des Landes.

Im Januar 2026 kappte das iranische Regime die Internetverbindungen zur Außenwelt und schaltete auch das interne Netzwerk ab. Zwar kehrte der Zugang zwischenzeitlich eingeschränkt zurück, doch seit dem 28. Februar ist er erneut unterbrochen.

Der Blackout hat zur Folge, dass sich Ereignisse im Land nicht systematisch dokumentieren lassen und Fakten kaum zu verifizieren sind. Das wiegt besonders schwer, da das Regime erhöhte Sicherheitskontrollen durchführt, die Überwachung verstärkt und die Bevölkerung gezielt einschüchtert, zum Beispiel durch Hinrichtungen und Verhaftungen. Durch die Internetsperre kann das Regime eigene Bilder und Informationen verbreiten, die sowohl im Land als auch außerhalb maßgeblich prägen, wie die Entwicklungen eingeschätzt werden. Einzelne Details gewinnen dadurch große Macht.

Menschen in Iran bekommen vor allem staatlich bereitgestellte Nachrichten. Selbst bei zeitweiligem Kontakt nach außen erfahren sie manchmal erst über Verbindungen ins Ausland, was in ihrem eigenen Land passiert.
Die Informationen, die aus Iran nach außen dringen, sind stark gefiltert. Wie strategisch das Regime tatsächlich handelt, lässt sich schwer prüfen. Interne Spannungen oder Unsicherheiten bleiben unsichtbar, solange sie das Land nicht verlassen. Hinzu kommt die Nutzung von KI-generiertem Material. Das erhöht die Täuschungsgefahr innen und außen.

Für die Bevölkerung bedeutet das konkret, dass wenig bis gar kein Austausch stattfinden kann. Es gibt teure und immer wieder neue Umgehungsstrategien, auch, um mit Verwandten und nahen Menschen in der Diaspora Kontakt zu halten. Verbindung wird zu einer Ausnahme, Ungewissheit zum Normalzustand. Hinzu kommen die wirtschaftlichen Schäden, die durch den Ausfall des Internets entstehen.

Einen Blackout von diesem Ausmaß und dieser Dauer hat es bisher noch nicht gegeben. Bereits der vorherige Internet-Shutdown im Januar 2026 ließ befürchten, dass es so bleiben könnte, dass das Grundrecht auf Internet zu einem Privileg wird. Es sieht aus, als würde sich genau das nun manifestieren. Der Krieg scheint den Blackout-Zustand normalisiert zu haben, obwohl eine derartige Isolation eigentlich eine Katastrophe ist.

Nährboden für einfache Erklärungen

Der Blackout trifft auf eine Berichterstattung und ein politisches Framing, das vereinfachende Narrative begünstigt, auch wenn nicht jede Berichterstattung diesem Muster folgt. Medienkritik mag mitten im Krieg unpassend wirken, doch Berichte über Konflikte haben besonders große Wirkung. In solchen Situationen steigt die Abhängigkeit von Medien, während gleichzeitig der Informationsbedarf wächst.

Durch den Internet-Blackout gelangen nur noch sehr wenige Informationen, Bilder und Videos aus Iran nach außen. Während Medienschaffende im Inland unter massiven Einschränkungen arbeiten, ist es für Exilmedien und Journalist*innen im Ausland nahezu unmöglich geworden, verlässliche Informationen zu sammeln. Die wenigen Aufnahmen, die den Krieg dokumentieren, werden von verschiedenen Akteuren rasch als KI-generiert infrage gestellt und damit entwertet. Auch Berichte aus dem Land lassen sich kaum verifizieren. Aussagen von betroffenen Zivilist*innen und Augenzeug*innen sind selten geworden, ebenso belastbare Zahlen zu zivilen Opfern. Die Grenze zwischen Fakten und Fälschungen verschwimmt zunehmend.

Diese Entwicklung verschärft eine ohnehin oft stark vereinfachende Berichterstattung über Iran, die immer wieder zu Pauschalisierungen und Fehleinschätzungen führt

Dazu kommt eine weitere Ebene der Bilder. Die israelisch-amerikanischen Angriffe, die große Brände auslösen, auch an Ölanlagen, liefern erschütternde Motive. Gefährlich wird es, wenn aus dem Informationsnebel fast ausschließlich diese Bilder nach außen dringen. Dies entmenschlicht den Krieg: Im Zentrum stehen Öl, Infrastruktur und Geopolitik, nicht die Betroffenen.

Konflikt- und Kriegsberichterstattung bewegen sich zwischen Medien, Politik und Militär. Informationen sind selbst ein strategisches Instrument, ein Kampfmittel. Raketen zerstören Städte, Informationskontrolle formt Wahrnehmungen. Beides hinterlässt Spuren. Wer die Worte und Bilder eines Krieges bestimmt, beeinflusst zugleich, wie wir uns später an ihn erinnern.