USA: „Sieg.“ Iran: „Sieg.“
Nach fast 40 Tagen Krieg beanspruchen beide Seiten den Sieg für sich. Doch was hier als Erfolg verkauft wird, sieht bei näherem Hinsehen eher nach einem gut verpackten Patt aus.
Ein Kommentar
Wer in diesen Tagen von „Sieg“ spricht, erzählt vor allem seine eigene Geschichte. Washington verweist auf militärische Stärke, Teheran auf sein Überleben. Beides lässt sich behaupten, und beides sagt erstaunlich wenig darüber aus, wie dieser Krieg tatsächlich ausgegangen ist.
Ein Blick auf die Verluste hilft weiter. Iran hat sichtbar verloren: Städte, Infrastruktur und eine ohnehin fragile Wirtschaft, die weiter geschwächt wurde. Hinzu kommt ein schwerer Schlag gegen die Führung des Regimes, von hochrangigen Militärs bis zu zentralen Figuren des Sicherheitsapparats. Die USA haben keine Trümmerlandschaften vor der eigenen Haustür, aber sie haben ebenfalls bezahlt: mit Geld, militärischem Gerät, Soldaten und der Einsicht, dass sich solche Konflikte nicht so kontrollieren lassen, wie es politische Rhetorik gern nahelegt. Der schnelle, saubere Sieg, den solche Einsätze suggerieren, bleibt eine Fiktion.
Währenddessen tragen andere die Folgen: Irans Zivilbevölkerung, deren Alltag aus Stromausfällen, zerstörter Infrastruktur und wirtschaftlicher Unsicherheit besteht. „Sieg“ klingt aus dieser Perspektive wie ein fernes, beinahe zynisches Wort.
In diesem Konflikt wird noch etwas sichtbar: Macht verläuft nicht nur über Waffen. Irans vielleicht wirkungsvollstes Druckmittel liegt nicht in seinen Arsenalen, sondern in seiner Geografie. Die Straße von Hormus ist kein Schlachtfeld, sondern ein Hebel, der weit über die Region hinauswirkt.
Der Blick nach Venezuela zeigt, wie trügerisch einfache Vergleiche sind. Was dort unter Druck ins Wanken geriet, erweist sich im Fall Iran als deutlich widerstandsfähiger: ein größerer Staat, tiefer verankert in der Region, weniger isoliert als gedacht. Die Vorstellung, ähnliche Strategien könnten ähnliche Ergebnisse liefern, wirkt im Rückblick weniger wie Kalkül als wie Wunschdenken.
Parallel dazu kündigt sich ein neuer diplomatischer Versuch mit ungewöhnlicher Besetzung an. Erstmals sollen die USA und Iran direkt miteinander verhandeln, geplant sind Gespräche in Pakistan. Nach Angaben der iranischen Nachrichtenagentur ISNA soll Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf die iranische Delegation führen. Auf US-Seite werden unter anderem Vizepräsident JD Vance, Sondergesandter für den Nahen Osten Steve Witkoff und Schwiegersohn von Donald Trump Jared Kuschner erwartet. Dass damit nicht mehr klassische Diplomaten, sondern politische Machtfiguren verhandeln, deutet auf eine veränderte Strategie des iranischen Regimes hin.
Während in Pakistan über Diplomatie verhandelt wird, spricht die Realität eine andere Sprache. US-Vizepräsident Vance nennt die Waffenruhe „brüchig“. Israel bombardiert weiter die Hisbollah im Libanon, Irans engsten Verbündeten. Gleichzeitig verlangt Teheran in einem Zehn-Punkte-Vorschlag, verbündete Gruppen künftig zu verschonen.
Wenn alle gewinnen, ist nicht entscheidend, was passiert ist, sondern welche Geschichte sich durchsetzt.
Vielleicht ist das die ehrlichste Beschreibung dieses Krieges: ein Zustand, in dem alle Seiten behaupten zu gewinnen, während die Grundlagen des Konflikts unangetastet bleiben.
Kein „Win-win“, eher ein „Lose-lose“, das sich niemand so nennen lassen will. Und eine Waffenruhe, die weniger ein Schritt zum Frieden ist als eine Pause auf Zeit.

