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Neue US-SanktionenGeht Irans Wirtschaft in die Knie?

US-Präsident Donald Trump will den iranischen Ölexport mit neuen Sanktionen komplett zum Erliegen bringen. Die Islamische Republik versucht, die Wirkungen der Sanktionen einzudämmen. Doch kann Teheran die Krise erfolgreich meistern? mehr »

Seit dem Inkrafttreten der neuen US-Embargos am 4. November umfasst die Liste der Sanktionen gegen den Iran 700 Bereiche, 300 mehr als noch unter der Regierung Barack Obamas. Experten wie der iranische Ökonom Mohsen Jalilvand warnen vor schwierigen Zeiten und plädieren für gezielte Vorbereitungsmaßnahmen. Irans Machthaber jedoch versprechen, dass die neuen Sanktionen keine große Wirkung haben würden und das Land in der Lage sei, sie erfolgreich umzugehen.

Ayatollah Ali Khamenei, das religiöse Oberhaupt der Islamischen Republik, sieht die Sanktionen sogar als Chance, sein Land von Öleinnahmen unabhängig zu machen. Die Wirtschaft könne dadurch aufblühen und das sei letzten Endes ein Verlust für die USA, meint Khamenei.

„Ein Barrel Öl kostet mittlerweile 80 statt 30 Dollar. Ich denke, dass wir selbst mit einer Exportmenge von einer Million Barrel pro Tag die gleiche Summe wie bisher verdienen würden“, erklärte Irans Vizepräsident Eshaq Jahangiri am 28. Oktober  optimistisch.

Wie sieht es tatsächlich aus?

Ein genauerer Blick auf die Ölexporte des Landes zeigt jedoch, dass die Sanktionen die iranische Wirtschaft sehr hart treffen und zu sozialen Unruhen vor allem in den ärmeren Bevölkerungsschichten führen könnten.

Infolge der internationalen Sanktionen ist die iranische Erdölindustrie veraltet

Infolge der internationalen Sanktionen ist die iranische Erdölindustrie veraltet

 

Die iranischen Öleinnahmen brachen erstmals 2011 ein, als die USA und Europa gemeinsam am Strang der Sanktionen zogen. Die Rohöl-Ausfuhrmenge ging damals von täglich 2,5 Millionen Barrel auf nur noch 1,3 Millionen im Jahr 2013 zurück. Nach dem Wiener Atomdeal von 2015 konnte Teheran die Exportmenge jedoch wieder hochfahren.

Im vergangenen Jahr betrug die Exportmenge durchschnittlich 2,1 Millionen Barrel pro Tag. Und zum April dieses Jahres hatte der Iran die 2,5 Millionen Fass-Marke wieder erreicht. Doch der Rückzug der USA aus dem Atomdeal im Mai stoppte die positive Entwicklung. Berichten zufolge soll der iranische Ölexport allein von August bis September 2018 um 35 Prozent abgenommen haben. Prognosen rechnen für November mit einer Exportmenge von 1,3 Millionen Barrel täglich.

Die Kalkulation

Die Regierung von Hassan Rouhani kalkuliert in ihrem aktuellen Haushalt mit einem Ölpreis von 55 Dollar pro Barrel. Durch den gestiegenen Ölpreis sind die Einnahmen derzeit höher. Die Unsicherheit der Märkte angesichts der Lücke, die der Wegfall iranischen Öls reißen könnte, ließ die Preise bis Anfang Oktober steigen. Die Märkte entspannten sich jedoch, als verkündet wurde, dass acht Abnehmer iranischen Öls, darunter die Großkunden China, Indien, Südkorea und Japan, zunächst weiter Ölgeschäfte mit Teheran machen dürfen.

Laut der Energy Information Administration (EIA) wird sich der Ölpreis der Sorte Brent im laufenden Jahr auf durchschnittlich 73 Dollar pro Fass belaufen. Im kommenden Jahr erwartet die US-Behörde einen Preis von 74 US-Dollar. Sollten die aktuellen Sanktionen sich als ähnlich wirksam wie die vor dem Atomabkommen verhängten erweisen, würde die Exportmenge iranischen Öls wieder auf 1,2 Millionen Barrel pro Tag oder gar noch weniger zurückgehen. Dann würde das Land jährlich nur rund 30 Milliarden US-Dollar verdienen.

Die Regierung hat allerdings laut Gesetz nur auf etwa die Hälfte des Geldes direkten Zugriff: Denn mit 14,5 Prozent der Einnahmen werden Ölförderung und die Verwaltung der Ölindustrie vorangetrieben. 32 Prozent fließen in einen Fonds, der für die Finanzierung nachhaltiger Entwicklungsprojekte vorgesehen sind. Weitere drei Prozent sollen den Öl- und Gasstädten beziehungsweise unterentwickelten Regionen zugute kommen.

Irans Zentralbank ist auch von den neuen US-Sanktionen betroffen

Irans Zentralbank ist auch von den neuen US-Sanktionen betroffen

 

Die Hoffnung

Die iranische Regierung hofft auf einen Engpass auf den Ölmärkten, den daraus resultierenden Anstieg der Preise und die Unzufriedenheit der Abnehmer. Daraus resultierende mögliche Einnahmen kämen dann zu den Einnahmen der Verkäufe, die das Land auf dem Schwarzmarkt tätigt.

Die Internationale Energieagentur hält das gegenwärtige Angebot auf den Ölmärkten für ausreichend. Laut dem aktuellen Bericht der Agentur werden die Märkte jedoch nach und nach unter Druck geraten. Produktionsprobleme in Venezuela und Libyen belasten das Angebot zusätzlich.

Doch Saudi-Arabien, Teherans Erzrivale in der Region, steht bereit, den Wegfall des iranischen Öls zu kompensieren. Riad erwartet sogar eine Sättigung der Märkte bis zum Ende des laufenden Jahres.  Und Moskau hat zwar den Rückzug der USA aus dem Atomabkommen und die neuen Sanktionen kritisiert, ist an einem Rückgang der Ölmenge auf dem Weltmarkt jedoch nicht interessiert. Der iranische Ölminister Bijan Namdar Zanganeh hingegen ist davon überzeugt, dass der Bedarf ohne das Öl aus seinem Land nicht gedeckt werden kann.

Korruption wird zunehmen

Vor diesem Hintergrund versucht die iranische Regierung, mit kreativen Mitteln die Öleinnahmen aufrechtzuerhalten. Eines davon ist die sogenannte Energie-Börse, an der Privatkunden Öl kaufen können. Damit möchte die Regierung die Verkaufsmöglichkeiten so vielfältig wie möglich gestalten. Doch nicht alle Experten halten diese Idee für zielführend. Der marginale iranische Privatsektor sei der Aufgabe nicht gewachsen, monieren die Kritiker. Im Endeffekt würden wieder die Firmen aktiv werden, die zwar formal privat sind, in Wirklichkeit aber staatlichen Institutionen entweder gehören oder ihnen nahe stehen. Dies könne zu noch mehr Korruption führen.

Ein anderes Mittel, mit dem die iranische Regierung versucht, das Ölgeschäft am Laufen zu halten, ist das Verlagern größerer Mengen Rohöl auf Tankschiffen, die auf der Suche nach Abnehmern umher schippern und sich mit abgeschalteten Satelliten-Peilsendern der internationalen Kontrolle entziehen sollen. Diesen Weg ist das Land bereits bei den Sanktionen vor dem Atomdeal 2015 gegangen. Der Sprecher des Verbandes der Exporteure von Petrochemie-Produkten, Hamid Hosseinie, erinnert sich an die rund 100 Millionen Barrel Rohöl und Erdgasprodukte, die damals auf Tankern gelagert waren und letztendlich keine Kunden fanden: „Auf einmal sah man sich mit Unmengen von Öl auf den Tankern konfrontiert. Um sie loszuwerden, musste man Risiken eingehen. Deswegen wurde diese Aufgabe Leuten wie Babak Zanjani überlassen.“

Der 2013 unter dem Vorwurf der Korruption inhaftierte Multimilliardär und Unternehmer Zanjani wurde 2016 zum Tode verurteilt und sitzt derzeit noch im Gefängnis. Er soll Einnahmen aus dem auf dem Schwarzmarkt verkauften Öl unterschlagen haben.

SEPEHR LORESTANI

Aus dem Persischen übertragen und überarbeitet von Iman Aslani

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