transparent
Iran Journal Logo
Ein Projekt von Transparency for Iran Logo

Russland und Iran nach dem Atomdeal

Seit der Atomvereinbarung zwischen dem Iran und dem Westen wird die Haltung Russlands bei den Atomverhandlungen kritisiert. Wie steht es nun zwischen den beiden Nachbarn, die unter den internationalen Sanktionen leiden? Ein Interview. mehr »

In den letzten Jahren hat Russland sowohl die iranische Regierung beim Aufbau der Atomanlage Bushehr, im Süden des Iran, unterstützt, als auch die Sanktionen des UN-Sicherheitsrates gegen den Iran mitgetragen. Daher steht das“doppeltes Spiel“ des nördlichen Nachbars in den iranischen Medien aber auch bei vielen Experten in der Kritik.

Die Website Bahar hat mit dem in Teheran lebenden Russlandsexperten und Berater der „Versammlung zur Erkennung der Systeminteressen“ (Schlichtungsrat) der Islamischen Republik, Mahmud Shouri, über die iranisch-russischen Beziehungen gesprochen. Iran Journal dokumentiert das Interview in Auszügen.

Herr Shouri, wie ist die derzeitige Beziehung Russlands zum Iran zu bewerten? Inwieweit wird sie vom Atomdeal beeinflusst?

Mahmud Shouri: Russland hat wie jedes andere Land bilaterale, regionale und internationale Interessen. Der Ukraine-Konflikt trübt zur Zeit Russlands Beziehungen zum Westen. Das ist bestimmend für das russisch-amerikanische Verhältnis, das wiederum die russische Position zum Iran beeinflusst. Der Iran hat immer eine zentrale Rolle für Russland gespielt. Und der Westen hat das immer skeptisch beobachtet. In den 90er Jahren, als die Russen den Aufbau der iranischen Nuklearanlage in Buschehr übernommen hatten, wurden sie dafür vom Westen kritisiert. Bei den Atomverhandlungen wurden die Russen vom Westen angehalten, ihre atomare Unterstützung für den Iran zu überdenken. Sicherlich wird das Ende der Embargos gegen den Iran eine Veränderung seiner Beziehungen zu Russland herbeiführen. Dabei wird der Konflikt zwischen Russland und den Europäern eine zentrale Rolle spielen.

Kann die Verbesserung der Beziehungen zwischen dem Iran und dem Westen den Russen Unsicherheit bereiten?

Seit dem Amtsantritt von Präsident Hassan Rouhani sind die Russen besorgt über die Verbesserung der Beziehungen zwischen dem Iran und dem Westen. Sie wissen, dass diese Annäherung dazu führen wird, dass sie ihre Beziehungen zum Iran neu definieren müssen.

Bei den Atomverhandlungen wurden die Russen von den Iranern für ihre passive Haltung kritisiert. Was hielt die Russen zurück?

Mahmud Shouri

Mahmud Shouri: Im Grunde genommen, können beide Seiten voneinander profitieren!

Die passive Haltung Russlands bei den Atomverhandlungen basierte darauf, dass das Land keine derartigen Probleme mit dem Iran hatte, wie sie der Westen hat. Die Russen haben immer wieder betont, dass es im Sinne aller Beteiligten wäre, wenn der Konflikt zwischen dem Iran und dem Westen beendet würde. Dennoch waren sie sich in vielen Punkten mit dem Westen einig, etwa darin, dass der Iran nicht uneingeschränkt Uran anreichern dürfen sollte, zumindest nicht über 20 Prozent. Auch in Fragen wie der Transparenz der iranischen Nuklearanlagen herrschte Einigkeit. Da der Iran in vielen Bereichen mit Moskau zusammenarbeitet, erwartete er eine aktivere Positionierung der Russen.

In den vergangenen Jahren basierten die russisch-iranischen Beziehungen auf “wenig Vertrauen“. Was ist die Ursache und wie kann es in Zukunft aussehen?

Tatsache ist, dass sich der Iran Russland gegenüber seit drei Jahrzehnten, seit dem Ende der Sowjetunion und der Gründung neuer Staaten auf deren Gebiet, souverän verhalten hat. Außenpolitisch sucht der Iran keine Gefolgschaft der Russen. In der Frage der Souveränität waren sich beide Länder einig. Gewiss läuft auf gemeinsamen Interessengebieten eine Zusammenarbeit. Es gibt aber auch Bereiche, wo die Interessen der beiden Länder auseinandergehen: Jedes Land hat unabhängige regionale Eigeninteressen und Ziele.

Nach den Atomverhandlungen fand ein Treffen der Russen mit Saudi-Arabien statt. Was war der Grund dafür?

Angesichts ihrer Wirtschaftskrise versucht die russische Regierung, durch Waffenverkäufe ausländische Devisen ins Land zu bringen. Außerdem will Russland mit guten Beziehungen zu den Saudis die Extremisten in der Region in Schach halten.

Der Iran wünscht sich von Russland die Lieferung der lang begehrten S300-Raketen - Foto: jamejamonline.ir

Der Iran wünscht sich von Russland die Lieferung der lang begehrten S300-Raketen – Foto: jamejamonline.ir

Im Grunde genommen können beide Seiten voneinander profitieren: die reichen Saudis als Abnehmer russischer Waffen. Ebenso können sich beide Länder in der Frage der Stabilisierung des Erdölmarktes und der Ölpreisbestimmung gegenseitig nützen. Die Russen demonstrieren durch das Treffen mit Saudi-Arabien, dass sie dem Druck des Westens nicht nachgeben und sich nicht isolieren lassen. Andererseits versuchen die Saudis durch Verbesserung ihrer Beziehung mit Russland den USA ihre souveräne Außenpolitik zu signalisieren. Die Lage in Syrien und die russische Haltung im Syrienkonflikt ist ein weiterer Grund für die Herrscher in Saudi-Arabien, mit der Regierung in Moskau an einen Tisch zu kommen (im Syrienkonflikt unterstützt Russland Präsident Bashar al Assad und Saudi-Arabien die Aufständischen, d.Red.) Darüber hinaus wird es, glaube ich, keine enge und ernste Partnerschaft der beiden Länder geben.

Manche Analytiker glauben, dass Russland das alte Imperium der Sowjetunion wiederbeleben möchte. Was denken Sie darüber?

 Die Wiederauferstehung Russlands als Supermacht wie zu Zeiten der Sowjetunion ist nicht mehr möglich, weil die Welt nicht mehr die gleiche ist. Selbst die Amerikaner können die Welt nicht länger als eigenes Siegesfeld betrachten. Die Reichweite der Russen ist zwar beschränkt und sie versuchen, auf internationaler Ebene ihre eigene nationale Sicherheit zu garantieren. Als erstes suchen sie engere Zusammenarbeit mit den Republiken der ehemaligen Sowjetunion, damit aus diesen Staaten keine Gefährdung der nationalen Sicherheit Russlands droht. Außerdem hat die Regierung in Moskau ihre Interessen auf internationaler Ebene zu verteidigen. Trotz all dem ist, wenn man realistisch sein will, die Aussage, Russland möchte wie in der Zeit der Sowjetunion eine Supermacht werden, ein alter Hut und ungültig.

Aus dem Persischen übertragen und überarbeitet von Omid Shadiwar

Auch dieser Artikel kann Sie interessieren: Russland in der „Pole Position“