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Zu früh gefreut?

In dem Glauben, iranischer Erstligameister zu sein, feierten vergangene Woche Fußballfans in Täbris ekstatisch ihren vermeintlichen Erfolg - um dann festzustellen, dass die Freude verfrüht war. War etwa auch der Jubel über ein mögliches Atomabkommen mit dem Westen verfrüht? Darüber diskutieren die IranerInnen derzeit in sozialen Netzwerken und Diskussionsforen. mehr »

Ein unrühmliches Ende war es, das die iranische Fußball-Erstligasaison vergangene Woche nahm. Was war passiert? Spieler und Fans von Teraktorsazi Täbris hatten am 16. Mai nach dem 3:3 gegen Naft Teheran ausgelassen gefeiert – in dem Glauben, sie seien iranischer Fußballmeister. Doch sie waren im Unrecht, denn rund 900 Kilometer südlich von Täbris hatte der direkte Konkurrent um die Liga-Trophäe, Sepahan Isfahan, sein Heimspiel und damit auch die iranische Meisterschaft gewonnen. In Stadion von Täbris war dagegen verbreitet worden, dass auch das Spiel in Isfahan mit einem Unentschieden zu Ende gegangen sei. Das hätte bedeutet, dass sich Teraktorsazi zum ersten Mal in seiner Geschichte die iranische Meisterschaft gesichert hätte. Als den 90.000 jubelnden Täbrisis dämmerte, dass sie nur Vizemeister geworden waren, wandelte sich die Freude in Wut. Zahlreiche Zuschauer sollen von fliegenden Sitzschalen verletzt worden sein, auch in der Innenstadt von Täbris kam es zu Ausschreitungen enttäuschter Fans.

„Selber schuld“

Noch Tage nach den Ereignissen vom 16. Mai diskutieren IranerInnen im World Wide Web über das Geschehen. Viele von ihnen fragen sich, wie es im Zeitalter der Information möglich sein kann, dass ein ganzes Stadion einer falschen Nachricht auf den Leim ging. „Auch wenn es stimmen mag, dass in den letzten Spielminuten im Stadion das Handynetz und die Fernsehbilder aus Isfahan ausgefallen sind: Es kann aber doch nicht sein, dass kein einziger von den Club-Verantwortlichen in Täbris wusste, wie es in Isfahan steht“, schreibt Hamid auf der Facebookseite Iran Football Magazine. „Das Ganze ist nicht nur eine Blamage für Teraktorsazi, sondern für den gesamten iranischen Fußball“, schimpft Naser. „Anstatt auf Sieg zu spielen, hat Teraktorsazi in den letzten Minuten nur verteidigt. Peinlich, wenn man eine ganze Saison lang eine Liga dominiert, nur um am letzten Spieltag aufgrund eines Gerüchts die Meisterschaft zu verspielen“, ärgert sich auch Farshid auf der Facebook-Fanseite Tractor F.C. Und Alireza schreibt: „Wer auf diese Art eine Meisterschaft verspielt, hat die Trophäe nicht verdient. Glückwunsch an Sepahan.“

Persischer Fußball-Chauvinismus?

Zahlreiche Fußballfans wurden verletzt

Zahlreiche Fußballfans wurden verletzt

Doch für viele Fans der „Roten Wölfe“, wie der Verein aus der Provinz Ost-Aserbaidschan auch genannt wird, steht außer Frage, dass die iranischen Fußballfunktionäre Teraktorsazi mit einem perfiden Plan die Meisterschaft zu entreißen beabsichtigten. Nicht wenige InternetaktivistInnen sehen darin eine „Diskriminierung der ethnischen Türken“ in Ost-Aserbaidschan durch „die Perser“ in Teheran und Isfahan:„Die Wahrheit ist doch, dass die Perser uns nicht einmal das Schwarze unter den Fingernägeln gönnen, geschweige denn so etwas Prestigeträchtiges wie die Liga-Meisterschaft“, schreibt ein wütender Userauf Tractor F.C. Ähnlich sieht das auch Fariba auf der Facebookpräsenz von BBC Farsi: „Jetzt lachen sie wieder über uns und bezeichnen uns als Esel. Eins ist klar: eine Meisterschaft werden wir hier in Täbris niemals feiern können, wenn der persische Chauvinismus nun auch in die Stadien hineingetragen wird“, schreibt die frustrierte Teraktorsazi-Anhängerin. „Mein Herz ist noch immer gebrochen. Ich kann die Fan-Wut inner- und außerhalb des Stadions gut verstehen. Man möchte nicht, dass wir Meister werden“, schreibt ein anderer Besucher der BBC-Farsi-Webseite. . „Erst wird unser bester Mann mit einer fragwürdigen Roten Karte vom Platz gestellt, dann ein falsches Zwischenergebnis aus Isfahan bekannt gegeben, das dazu führt, dass der Trainer den Spielern verhängnisvolle taktische Anweisungen gab. Das kann doch niemals Zufall gewesen sein!“, klagt Alborz auf Tractor F.C.

„Keine Verschwörung“

Auch im Diskussionsforum des bekanntesten iranischen Fußballportals Persianfootball.com (PFDC) wird seit Tagen über die Vorgänge in Täbris debattiert. Die meisten User hier halten nur wenig von der These, dass die Meisterschaft Teraktorsazis sabotiert wurde. So schreibt Hadi: „Diese ganzen Verschwörungstheorien sind doch Unsinn. Jeder im Stadion wusste – ausgenommen in den letzten paar Minuten des Spiels – dass Sepahan drauf und dran war, sein Heimspiel zu gewinnen. Im Profifußball muss man immer sein Bestes geben und nicht auf fremde Plätze schielen. Hätte Täbris nicht seine 3:1-Führung aus der Hand gegeben, hätte keine Verschwörung der Welt ihm die Meisterschaft nehmen können.“ Der Verein sei letzten Endes an seinem amateurhaften Auftreten gescheitert, so der PFDC-User. Ähnlich äußert sich Doctor Doom: „Ich verstehe nicht, warum aus dem Geschehenen eine derartige Kontroverse gemacht wird. Wenn ich am letzten Spieltag 3:1 führe und plötzlich aufgrund irgendeines Gerüchts meine ganze Taktik über den Haufen werfe, dann muss ich mir an die eigene Nase fassen, wenn das nach hinten losgeht.“

Wenig Verständnis haben manche User auch für die wütenden Reaktionen der Täbris-Fans. Etwa der PFDC-Webseitengründer mit dem Pseudonym webmaster. Er schreibt: „Wenn ich mir das aggressive Verhalten der Täbrisis anschaue, befürchte ich, dass sie eines Tages aus ihrer Wut heraus Teheran angreifen. Wer iranischer Bürger ist, sollte sich nicht gegen die iranische Identität stellen“, so der Webseiteninhaber. „Die ‚türkische Minderheit‘ scheint aber jede Gelegenheit nutzen zu wollen, um auf die Barrikaden zu gehen“, so webmaster weiter. „Es gibt Gründe dafür, warum die Täbrisis auf die Barrikaden gehen“, antwortet ihm der User Zamboor. Das Problem sei nicht die Reaktion der ethnischen Türken, sondern die gesellschaftlichen Probleme, die derlei Reaktionen hervorriefen. „Anstatt mit dem Finger auf die ethnischen Minderheiten zu zeigen und sie hier als Esel und Randalierer zu bezeichnen, sollten wir uns auf das Problem konzentrieren, welches das System der Islamischen Republik ist.“

Neue Hürde im Atomstreit?

Ein weiteres Thema, das derzeit in der iranischen Internet-Community zahlreiche Reaktionen hervorruft, sind die jüngsten Äußerungen des geistlichen Führers des Iran, Ayatollah Ali Khamenei, zum Atomkonflikt mit dem Westen. „Wir werden keine Inspektion iranischer Militäranlagen durch Außenstehende zulassen”, sagte Khamenei, der laut iranischer Verfassung das letzte Wort in strategischen Entscheidungen hat, am Mittwoch anlässlich der in Wien neu aufgenommenen Atomgespräche vor Soldaten einer Militärakademie. In der letzten Verhandlungsrunde in Lausanne hatte Teheran einem entsprechenden Plan zur Besichtigung von Militäranlagen, wie er im IAEA-Zusatzprotokoll vorgesehen ist, zugestimmt.

Atomverhandlungen in Lausanne: Die Delegationen aus Washington (links) und Teheran (rechts)

Atomverhandlungen in Lausanne: Die Delegationen aus Washington (links) und Teheran (rechts)

„Das war es dann also. Ich bin mir sicher, dass es jetzt keinen Atom-Deal mehr geben wird“, schreibt Ferry auf der Facebookseite des Nachrichtenportals IranWire. Ähnlich pessimistisch äußert sich auch die Gooya News-Userin Farinaz: „Noch vor wenigen Wochen sind wir hupend durch die Straßen Teherans gefahren und haben das vermeintliche Ende des Atomstreits gefeiert.“ Jetzt habe sie das Gefühl, dass dieses Ende wieder in weite Ferne gerückt sei, ergänzt die Iranerin.

„Leute, wacht auf! Die Islamische Republik braucht diesen Konflikt. Ohne Feinde kann sie nicht überleben“, kommentiert Pedram einen Nachrichtenbeitrag der Webseite Radiofarda. Ein anderer User, Zhinous, fragt Pedram: „Wie viele Feinde brauchen denn die Herrschaften mit den Turbanen noch? Reicht es nicht, wenn sie Israel, Saudi-Arabien, den IS und die Taliban als Feind haben? Müssen denn auch die mächtigsten Staaten der Welt die Feinde des Iran sein?“ Nicht die Islamische Republik, sondern vor allem die konservativen Hardliner hätten ein Interesse am Erhalt des Konflikts mit dem Westen, glaubt dagegen Arsalan. „Die Konservativen unterbinden schon erfolgreich jegliche gesellschaftspolitische Reformbestrebungen gemäßigter Kräfte innerhalb des Regimes. Wenn sie es auch schaffen, deren außenpolitischen und damit auch ihre wirtschaftspolitischen Pläne zu durchkreuzen, dann kann Rouhanis Präsidentschaft als vollends gescheitert betrachtet werden“, schreibt Arsalan. „Wenn sich Khamenei da mal nicht verkalkuliert“, antwortet ihm ein anonymer User von Radiofarda. Die IranerInnen seien klug genug, um das Spiel der Konservativen zu durchschauen. „Ein geplatzter Atom-Deal könnte auch für die Hardliner gefährlich werden, wenn die Leute erkennen, dass ihr Wohl fahrlässig aufs Spiel gesetzt wird“, schreibt er weiter. „Von mir aus kann der Westen auch meine Küche inspizieren. Hauptsache, wir kriegen einen Deal hin, der die Sanktionen gegen uns beendet“, schreibt Aram unter einem Nachrichtenbeitrag der Facebookpräsenz von BBC Farsi.

Zustimmung für Khamenei

Doch nicht alle IranerInnen reagieren negativ auf die Aussagen des De-facto-Staatsoberhaupts: „Wieder einmal hat Chamenei bewiesen, dass er ein iranischer Held ist“, schreibt etwa Karim auf BBC Farsi. Die Inspektion iranischer Militäranlagen werde ein „Wunschtraum“ des Westens bleiben, schreibt ein anderer User. „Niemals wird unser geistlicher Führer erlauben, dass der Westen die IranerInnen entehrt“, fügt Zeynab hinzu.

Aber auch manche, die keine offensichtlichen Anhänger der Konservativen sind, begrüßen das Inspektionsverbot Khameneis für die iranischen Militäreinrichtungen. „Wir sollten alles dafür tun, dass der Atomstreit bald ein Ende hat. Aber Transparenz gegenüber dem Westen hat auch seine Grenzen. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie uns demütigen“, schreibt Mamad auf dem Webportal Iranian UK. Ähnlich denkt auch Mohsen: „Auch wir dürfen militärische Geheimnisse haben. Was hat denn unsere Militärtechnologie mit dem Atomstreit zu tun? Besser, es gibt gar keinen Deal, als wenn dieser beinhaltet, dass wir unsere militärischen Geheimnisse verraten.“

„Ihr habt alle Recht! Der Westen könnte sich unser Know-How, wie man Blech-U-Boote baut, aneignen. Nein, niemals werden wir das zulassen“, so die ironische Antwort eines Iranian-UK-Users mit dem Pseudonym Yek Irani dar Australia.

  JASHAR ERFANIAN