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Grenzen und Chancen des Iranischen Kinos

Die Filmfestspiele der Berlinale waren eine Solidaritätsveranstaltung für einen großen Abwesenden, Jafar Panahi: ein leerer Jurysessel blieb dem 50jährigen, der nicht ausreisen durfte, reserviert; während des Festivals wurde eine Retrospektive seiner Werke gezeigt und es gab eine Podiumsdiskussion zum Thema „Zensur und Iran“. Im Moment ist der verurteilte Filmemacher das Symbol für den repressiven Umgang Irans mit seinen Künstlern, Oppositionellen und Andersdenkenden. Von Amin Farzanefar mehr »

Lassen wir die wichtigsten Etappen des Falles kurz Revue passieren: nachdem Panahi im Sommer 2009 bei einer Gedenkveranstaltung für die während der Wahlunruhen erschossene Neda Agha-Soltan kurzzeitig verhaftet worden war,  kam es im März 2010 zu einer weiteren Festnahme in seinen Räumlichkeiten, wo er vorgeblich einen  „regimekritischen Film“ geplant hatte.

Nach Protesten internationaler Filmprominenz wie Steven Spielberg, Robert Redford, Michael Moore und auch Abbas Kiarostami wurde ein zusehends ausgezehrter Panahi Ende Mai 2010 gegen eine Kaution von umgerechnet 200.000 Dollar freigelassen. Im Dezember erfolgte dann der Urteilspruch: sechs Jahre Haft, zwanzig Jahre Berufsverbot; dazu die Auflage, keine Interviews zu geben und sich nicht gegenüber ausländischen Medien zu äußern.

Panahi: Einer für Alle

Die Botschaft scheint klar: Kultur und Politik, im Iran üblicherweise durch eine künstliche Barriere getrennt, bildeten nach 2009 eine kritische Masse. Im Umfeld der umstrittenen Wahlen hatte sich eine breite Front von Filmschaffenden öffentlich für den Kandidaten Mussavi eingesetzt; während der Wahlunruhen prangerten sie die verhängte Informationssperre an, die auch das Filmen der Demonstrationen untersagte, und boykottierten schließlich das Dokumentarfilmfestival „Cinema Verité“ – mit der Begründung, unter den gegebenen Umständen sei es unmöglich, irgendetwas zu „dokumentieren“.

An Panahi wird nun ein Exempel statuiert, einer abgestraft, der mutig Farbe bekannt hatte – so trug er beim Besuch des Festivals in Montreal offen den grünen Schal der Protestbewegung. Panahi selbst sagt, er werde wegen eines Filmes verurteilt, den er noch gar nicht fertig gestellt habe; doch selbst das islamische Glaubensbekenntnis „Es gibt keinen Gott außer Allah“ klänge blasphemisch, wenn man nur den ersten Teil aussprechen dürfe.

Auf der anderen Seite bietet die Causa Panahi einen allzu willkommenen Anlass, existierende westliche Vorurteile gegenüber Iran als „Reich des Bösen“ zu bestätigen. So einfach ist es nicht: Ohne Frage ist die Lage der Kulturschaffenden ernst; Panahi sagte, es sei noch nie so schwer gewesen, Filme zu machen, wie unter Ahmadinedjad. Andererseits verfügt Iran über eine der produktivsten Filmindustrien der Region – ebenso exportstark wie auch beim heimischen Publikum beliebt – und ist aus Gründen des Prestige wie des Umsatzes am Erhalt derselben interessiert.

Gar nicht selten verläuft die typische Biografie eines erfolgreichen Filmemachers wie folgt: erste Erfolge, dann internationale Preise, zunehmende Zensur und Schikane im Land selbst, und schließlich verlässt der Künstler entnervt und trotz langjähriger gegenteiliger Bekundungen das Land: Makhmalbaf, Payami, Ghobadi sind nur einige Vertreter einer sehr langen Liste von Exilanten. Andere bleiben. Vorerst.

Prüfstein Fajr Filmfestival

Ein Gradmesser für den Status Quo ist das alljährlich zum Revolutionsjubiläum im Februar ausgerichtete Fajr Filmfestival, die größte kulturelle Veranstaltung Irans. Als staatliches Festival steckt Fajr immer in der Zwickmühle, einerseits das iranische Kino zu fördern, andererseits eine strikte Zensur- und Auswahlpolitik zu betreiben. Letztes Jahr hatte es einen allgemeinen Boykottaufruf der Filmwelt gegeben, was 2010 zu einem skurrilen bis absurden Jahrgang führte: angefragte Honoratioren sagten eine Juryteilnahme unter fadenscheinigen Begründungen oft in letzter Minute ab, so dass das Festival ohne voll besetzte Jurys beginnen musste, außerdem hatten derart viele Regisseure ihre Filme zurückgezogen, dass man zu der ungewöhnlichen Lösung griff, einfach die zensierten Filme der letzten Jahre freizugeben. Plötzlich hatte das Festival ein aus der Not geborenes, aber hoch attraktives Programm – ein Fall typisch iranischer Ironie.

Auch dieses Jahr blieb die Filmszene gegenüber dem Festival reserviert, und doch geriet der Boykott nicht so flächendeckend: laut offiziellen Zahlen gab es einen Rekord von 97 neuen iranischen Filmen. Der Filmmarkt, auf dem Koproduktionen angebahnt, Film- und Fernsehproduktionen eingekauft werden, blieb zwar im Vergleich zu den guten Jahren leer, das Aufgebot westlicher Gäste war ausgedünnt. Aber das Iranische Kino hat auch noch andere Freunde und Partner: russische, chinesische, indische, türkische, japanische oder arabische.

Veteranen und Frischlinge

Massoud Kimiai, einer der Gründerväter des neuen Iranischen  Kinos in den 1970ern, erhielt dieses Jahr den Ehrenpreis des Festivals. Viele bezeichneten die Teilnahme des bislang unabhängig produzierenden Veteranen als „Verrat“. Doch auf der Eröffnungsveranstaltung wählte Kimiai deutliche Worte: vor versammeltem Auditorium beklagte er nicht nur seinen langjährigen Ausschluss aus dem offiziellen Filmbetrieb, er  bat auch um Revision des Urteils für Jafar Panahi, was zu tosendem Applaus und tumultartigen Protesten führte (Panahi saß mit im Publikum: sein Urteil wurde zur Bewährung ausgesetzt, außerdem ist er in Revision gegangen).

Der 70jährige Haudegen erhielt auch den Hauptpreis – eine Statuette in der Form des Sagenvogels Simorgh – für den „besten Film“, alles andere als ein willfähriges Werk:  Kimiais neuestes Oeuvre erzählt von einem gedungenen Mörder, der feststellen muss, dass sein Auftragsgeber mehr Dreck am Strecken hat als das anvisierte Opfer, und alles neu überdenkt. „Crime“ ist von der typisch offenen Ausdeutbarkeit des iranischen Kinos – dementsprechend wurde das Skript zunächst abgelehnt, bis Kimiai die Handlung in die vorrevolutionäre Vergangenheit zurückverlegte – eventuelle Ähnlichkeiten zur aktuellen Situation sollten damit ausgeschlossen werden.

Dieses zermürbende, kleinteilige Aushandeln mit der Zensur gehört zum Business as usual, das auch Asghar Farhadi, der andere große Gewinner, über sich ergehen lassen musste. Farhadi’s „Jodaeiye Nader az Simin / Nader and Simin, a separation“ erhielt gleich mehrere Preise, unter anderem für die beste Regie und das beste Drehbuch. Der 39jährige konnte bereits für seinen letzten Film, „Darbareye Eli / About Elly“, nicht nur den Regiepreis, sondern auch über eine Million Tickets an den heimischen Kinokassen verbuchen. Sein Mystery-Drama um eine verschwundene junge Frau erhielt auch auf der Berlinale 2009 den Silbernen Bären. Die Simorgh-Statuen für „Nader und Simin“ konnte Farhadi in Teheran jetzt nicht persönlich entgegennehmen, er war schon wieder in Berlin: dort wurde das Beziehungsdrama mit sensationellen drei Bären ausgezeichnet, darunter dem Goldenen für den „besten Film“. Eine seltene Einmütigkeit der Bewertung in Ost und West.

Prosperiert das iranische Kino also auch unter Extrembedingungen? Nicht wirklich und nicht immer: Behrouz Afkhami, ein altgedienter, politisch nicht sonderlich auffälliger Regisseur lebt inzwischen auch im Kanadischen Exil. Er beklagte, sein Fajr-Beitrag wäre von den Behörden derart verstümmelt worden, dass er seinen Namen zurückziehen wolle. Schon die Dreharbeiten an „The Morning Son“ hatten sich über sechs Jahre hingezogen – das Sujet war aber auch ein heikles: ein Porträt des Republikgründers Imam Khomeini.

 

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