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Weihnachtshype spaltet iranische Internetuser

Iran feiert Weihnachten: Während viele Internetnutzer begrüßen, dass das christliche Fest im Iran Aufmerksamkeit genießt, finden andere das befremdlich. Noch ein Topthema im persischsprachigen Internet: Die behördliche Warnung vor verunreinigtem Salz aus dem Urmiasee. mehr »

Auch in der Islamischen Republik Iran wird Weihnachten, das christliche „Fest der Liebe“, begangen. Allerdings feiern die meisten iranischen ChristInnen, überwiegend Angehörige der armenisch-orthodoxen Kirche, die Geburt Christi erst am 6. Januar. Doch es sind nicht nur die knapp 300.000 im Iran lebenden ChristInnen, für die Weihnachten eine besondere Zeit ist. Auch unter nicht-christlichen IranerInnen wird das Fest immer populärer. Viele iranische Geschäfte sind weihnachtlich dekoriert und nicht wenige verkaufen auch Christbäume und Weihnachtsschmuck.
Das gefällt jedoch nicht allen IranerInnen: „Was soll dieser plötzliche Hype um Weihnachten? Wir Muslime haben doch unsere eigenen Feiertage“, kommentiert Naser auf BBC Farsi ein Foto, auf dem ein weihnachtlich dekorierter Laden in Teheran zu sehen ist. Die Antwort von Zahra: „Mittlerweile feiern die Leute hier doch sogar Halloween. Und du wunderst dich über Weihnachten?“ Auch auf Twitter zeigen viele eine ablehnende Haltung gegenüber dem Weihnachtsfest. So schreibt Giti Banoo zynisch: „Ich hoffe, ich schockiere niemanden, wenn ich sage, dass ich zuhause weder einen Weihnachtsbaum aufgestellt noch Geschenke gekauft habe.“ Eine anderer Twitter-User ist genervt von den Weihnachtsgrüßen, die viele IranerInnen über soziale Netzwerke versenden: „Überall heißt es jetzt auf einmal Merry Christmas. Haben plötzlich alle ihre christlichen Wurzeln entdeckt oder was ist hier los?“, fragt Beth. Ähnlich äußert sich Ahmad Sharifi. Er schreibt: „Ich sehe nicht ein, warum ich Weihnachtsgrüße verschicken muss. Ich bin doch kein Christ. Und überhaupt: Haben denn die Christen uns jemals zu unseren Feiertagen gratuliert?“

„Ich liebe sowohl Nouruz als auch Weihnachten“

Heilige Abendmahl in Isfahan

Im Iran leben etwa 300.000 Christen. Es gibt ca. 600 Kirchen – Foto: eine armenisch orthodoxe Kirche in Isfahan

Doch viele IranerInnen finden Gefallen am Weihnachtsfest. So schreibt Behnaz auf BBC Farsi: „Frohe Weihnachten alle miteinander! Ich bin zwar Muslima, aber Weihnachten feiere ich trotzdem gerne. Viele von euch, die Weihnachten ablehnen, haben ganz offensichtlich Komplexe.“ Auch Niayesh spricht sich für eine interreligiöse Offenheit aus: „Jedes Fest, das die Menschen einander näher bringt und Liebe und Güte fördert, sollte begangen werden. Es ist nebensächlich, ob es Nouruz, Weihnachten oder Zuckerfest heißt.“ Ähnlich äußert sich Shahrokh unter einem Weihnachtsfoto, das auf der Facebookpräsenz der BBC-Farsi-Fernsehshow Nowbat e Shoma hochgeladen wurde: „Genau wie Nouruz bringt auch Weihnachten den Menschen Freude und Glück. Welche Rolle spielt es denn, ob man Moslem, Christ, Jude oder Zarathustrier ist?“ Danial, ein iranischer Christ, stimmt ihm zu: „Als Christ kann ich sagen, dass ich sowohl das altiranische Nouruz-Fest als auch unser Weihnachtsfest liebe.“ Ein anderer User schreibt: „Ich habe viele armenisch-orthodoxe Freunde. Genauso wie sie Nouruz feiern und mir zum neuen Jahr gratulieren, möchte ich auch zusammen mit ihnen ihr Fest feiern dürfen.“

Manche IranerInnen bekennen sich sogar dazu, das Weihnachtsfest dem traditionellen iranischen Neujahrsfest vorzuziehen. So schreibt Payam auf Deutsche Welle Farsi: „So schön unser Nouruz-Fest auch ist, ich finde Weihnachten gerade wegen der Weihnachtsmusik atmosphärisch ansprechender.“ Mehregan wiederum findet Gefallen am Weihnachtsessen: „Wollen wir ehrlich sein: Eine Weihnachtsgans macht viel mehr her als so ein Norouz-Fisch.“ Iraj denkt dagegen an die Geschenke: „An Weihnachten versammelt sich die ganze Familie am Weihnachtsbaum und man überreicht schön verpackte Geschenke. Und was machen wir? Wir drücken unseren Kindern an Nouruz Geldscheine in die Hand.“

Gesundheitsministerium warnt vor „verunreinigtem Salz“

Das iranische Gesundheitsministerium hat in der vergangenen Woche vor verunreinigtem „unechtem“ Salz gewarnt, das aus dem Urmiasee und dem Namaksee gewonnen worden sei und den Weg in den Verkauf gefunden habe. Dieses „unechte“ Salz kann dem Ministerium zufolge bei Verzehr zu gesundheitlichen Problemen führen.

Urmia-See heute

Die Konzentration von Salzen im Urmiasee beträgt 350 Gramm pro Liter

Auf sozialen Netzwerken und in den Kommentarspalten iranischer Nachrichten-Websites sorgt die Warnung für Verärgerung unter den User. So schreibt Roozbeh auf dem Nachrichtenportal Radiozamaneh: „Danke, lieber Herr Minister, dass du die Gefahr entdeckt hast und uns nun davor warnst. Aber eine Frage hätte ich noch: Warum sorgst du nicht dafür, dass solche ‚unechten’ Salze nicht auf den Markt kommen? Das zeigt doch, dass im Ministerium schlecht gearbeitet wird.“ Ähnlich verwundert zeigt sich auch ein User mit dem Pseudonym Irani auf Tabnak: „Wie kann so etwas überhaupt passieren? Was macht denn das Gesundheitsministerium den ganzen Tag?“ Auch auf Radiofarda werfen die UserInnen den Behörden Versagen vor: „Ich versuche immer darauf zu achten, dass ich hochwertiges Salz kaufe, aber ganz sicher kann ich mir nie sein. Wer weiß, wie viel verunreinigtes Salz ich täglich zu mir nehme, wenn ich auswärts esse. Falls ich gesundheitliche Schäden davontrage, mache ich dafür das Gesundheitsministerium verantwortlich“, so Yeganeh.
Viele User zeigen sich angesichts der Warnung des Ministeriums auch verunsichert: „Mussten wir uns nicht erst kürzlich vor gesundheitsschädlichem Reis, verunreinigter Milch und künstlich rot gespritzten Tomaten in Acht nehmen? Jetzt müssen wir also auch noch aufpassen, welches Salz wir konsumieren,“ schreibt ein anonymer User auf Radiozamaneh. Ähnlich äußert sich ein anderer anonymer Internet-Nutzer auf dem Nachrichtenportal Tabnak: „Alles, was wir essen, scheint gefährlich zu sein. Was können wir denn essen, ohne danach sterben zu müssen?“

Auch auf der Facebookseite des Nachrichtenportals Taghato zeigen sich die User verärgert. Rachel schreibt: „Jetzt müssen wir uns auch noch vor ‚unechtem‘ Salz in Acht nehmen. Ich wusste ja, dass die Zeugnisse und Abschlüsse der Menschen, die uns regieren, unecht sind. Aber Salz?“ Ein User mit dem Pseudonym Eh Ja schreibt: „Dieses Regime ist nicht einmal in der Lage, sein Volk mit Salz zu versorgen, das es nicht tötet, beansprucht aber auf internationalem Parkett eine Führungsrolle.“

  JASHAR ERFANIAN