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Iranische Musiker im Visier der Hardliner

Die Nachricht über ein vom Informationsministerium verhängtes Berufsverbot für mehrere iranische Sänger geht seit einigen Tagen um in der persischsprachigen Websociety. Eigentlich sind für solche Verbote Justiz oder Polizei und in besonderen Fällen das Kulturministerium zuständig. Warum mischt sich nun das Informationsministerium ein? Über Gründe und Hintergründe. mehr »

Zuerst dementierten die iranischen Behörden die Nachricht. Als erster meldete sich Ali Moradkhani, stellvertretender Minister für Kultur und islamische Führung, zu Wort: Die Nachricht von einem Berufsverbot für Sänger entspreche nicht der Wahrheit, versicherte der Kulturpolitiker in einem Interview mit der Nachrichtenagentur ISNA: „Wir sind stets bemüht, für Kulturschaffende bessere Bedingungen zu schaffen, damit sie in diesem Land ohne Schwierigkeiten arbeiten können.“

Doch die Meldungen über Berufsverbote für einige iranische Sänger sowie Protestbriefe der Betroffenen gegen Konzertabsagen häuften sich. Manche seien auf die Verbotsliste gesetzt worden, weil ihre Videoclips auf der in den USA ansässigen persischsprachigen Website „Radio Javan“ zu sehen seien, wird vermutet. Die Seite wird vom iranischen Regime als „antirevolutionär“ und „Feind“ bezeichnet.

Selbst die halbamtliche Nachrichtenagentur ISNA berichtete von einer Liste von 24 Sängern, denen das weitere Auftreten schriftlich untersagt worden sei. So sah sich das Kulturministerium gezwungen, dazu Stellung zu nehmen. Dessen Sprecher Hossein Nushabadi teilte der Webseite „Avaye Iranian“ mit: „Über die Liste, die ich nicht gesehen habe, kann ich nicht urteilen. Weder dementiere noch bestätige ich diese Nachricht.“ Nushabadi betonte jedoch: „Den Musikern ist bekannt, dass sich jeder strafbar macht, der mit solchen ausländischen Webseiten arbeitet, die gegen die Islamische Republik gerichtet sind. Es ziemt sich nicht für unsere Künstler, mit solchen Webseiten Kontakt zu pflegen.“ Entsprechende Verordnungen seien den Künstlern mit dem Hinweis bekannt gegeben worden, nicht „die rote Linie“ zu überschreiten: „Trotz unserer Verordnung haben jedoch einige Künstler dies missachtet“, so Nushabadi – und hätten sich damit strafbar gemacht.

Das Folklore-Ensemble Sahand auf dem Fajr-Musikfestival in Teheran (Februar 2015)

Das Folklore-Ensemble Sahand auf dem Fajr-Musikfestival in Teheran (Februar 2015)

Laut Farzad Talebi, dem Leiter der Musikabteilung des Informationsministeriums, handelt es sich bei den Verboten nur um Verwarnungen. In einem Interview mit der Webseite „Musighie Ma“ erklärte er: „Der Musikabteilung steht gar nicht zu, Berufsverbote und Einschränkungen von Musikern zu veranlassen.“ Einzig durch die Zusammenarbeit mit den ausländischen Webseiten hätten sich die Musiker strafbar gemacht. „Sie müssen diese Zusammenarbeit unterlassen“, so Talebi. Er betonte jedoch, seine Behörde bemühe sich, für dieses Problem Lösungen zu finden.

Fehlendes Urheberrecht

Gegen die unerlaubte Veröffentlichung ihrer Musikvideos können die iranischen Musiker allerdings nur mithilfe öffentlicher Bittbriefe vorgehen. Es gibt für sie keinen Rechtsweg, die Ausstrahlung von Raubkopien ihrer Clips zu verbieten. Denn der Iran gehört nicht zu den Unterzeichnern des Welturheberrechtsabkommens. So bat der iranische Sänger Benjamin Bahadori bei seinen Konzerten in den USA die Macher der Webseite „Radio Javan“, seine Clips nicht zu veröffentlichen. Andere Musiker wie Farzad Farzin und Sina Shabankhani taten das Gleiche schriftlich auf ihren persönlichen Webseiten.

„Unangemessenes Verhalten in der Öffentlichkeit“

Doch nicht nur die Veröffentlichung ihrer Videoclips in „feindlichen Medien“ kann ein Grund für Berufs- oder Konzertverbote von Musikern sein. Der Popsänger Mohsen Yegane etwa wurde vom Informationsministerium wegen „unangemessenen Verhaltens in der Öffentlichkeit“ bei Konzerten im Ausland getadelt. Das könne zum Präzedenzfall werden, befürchten andere Künstler, die sich derzeit auf Welttournee befinden. „Angemessene Verhaltensweisen“ wurden zwar nicht eindeutig definiert, es gibt aber eine klare Linie: Tanz und Feiern in der Öffentlichkeit gehören sich nicht, besonders wenn die Künstler dabei nicht auf islamische Kleidervorschriften achten.

Auch traditionelle Musiker betroffen

Shahram Nazeri: Seit Jahren leidet die iranische Musik unter der Planlosigkeit der Verantwortlichen!

Shahram Nazeris letztes Konzert wurde abgesagt

Doch nicht nur Popmusiker, sondern auch traditionelle Musikgruppen sollen auf der schwarzen Liste des Informationsministeriums stehen. So wurden die Konzerte der Volksmusikgruppen Sahand und Lian aus ungeklärten Gründen untersagt. Die Meister der traditionellen Kunstmusik Shahram Nazeri, Homayoon Shajarian und Alireza Eftekhari durften ebenfalls in den vergangenen Wochen nicht auftreten. Und ein Konzert von Shahram Nazeri und seinem Ensemble wurde mit der Begründung aus dem Programm der Kulturwoche der Stadt Nischapur herausgenommen, bei vorherigen Veranstaltungen des Ensembles sei es zu „unislamischem Verhalten des Publikums“ wie Missachtung der Kleidervorschriften gekommen.

Dabei gehörten die Lockerung von Zensur und die Aufhebung von Berufsverboten eigentlich zu den Wahlversprechen des moderaten Präsidenten Hassan Rouhani. Sein Kulturminister Ali Janati hatte bei seinem Amtsantritt versprochen: „Meine Absicht ist es, das Kulturministerium zum Stammhaus der Kulturschaffenden umzuwandeln, frei von Informationsbeamten und Sicherheitskräften.“ Im Musikbereich handelte der zuständige Sekretär Ali Moradkhani zu Beginn seiner Amtszeit tatsächlich zugunsten der Musiker. Er versprach etwa, auch Popsängern und anderen Untergrundmusikern freie Auftrittsmöglichkeiten zu verschaffen. Doch bereits einige Wochen nach dem Amtsantritt von Janati wurde sein Ministerium von Hardlinern um den religiösen Führer des Iran, Ayatollah Ali Khamenei, scharf angegriffen und ermahnt. Nun haben die Hardliner offenbar die Oberhand gewonnen: Das Kulturministerium lässt sich von ihnen gegen die Musiker instrumentalisieren.

   SEPEHR LORESTANI

Übertragen aus dem Persischen und überarbeitet von Omid Shadiwar