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„Sexualität“: Junge ExiliranerInnen klären mit Comics auf

Was sexuelle Aufklärung und sicheres Surfen im Netz gemein haben? Beides wird von der iranischen Regierung ignoriert. Und die in weiten Teilen konservative iranische Gesellschaft tut sich schwer, dies selbst zu ändern. Jetzt hat sich eine Gruppe junger IranerInnen im Ausland zusammengetan, um mit Online-Comics aufzuklären: über Sicherheit beim Sex und im Netz. mehr »

Eine junge Frau liegt neben einem jungen Mann im Bett. Sie sieht unglücklich aus, er aber grinst. Sie dreht ihm den Rücken zu und greift nach einer Packung Zigaretten. Im Gegensatz zu ihm fand sie den Sex nicht gut. Später, bei einer Tasse Kaffee, gesteht er, einen Pornodarsteller nachgeahmt zu haben. Die junge Frau ist fassungslos.

Sie ist die junge Iranerin Leila, die nach zehn Jahren in Paris in den Iran zurückgekehrt ist, um ein Startup zu gründen. Und er ist Davood, ihr erster Freund dort. Die beiden sind zwei von vier Hauptcharakteren der Online-Comicserie „Jensiat“. Das Wort „Jensiat“ bedeutet Sexualität und die so benannte Comicserie versucht, mit der Geschichte von Leila und den anderen ProtagonistInnen im persischsprachigen Raum sexuelle Aufklärung zu leisten. Vor allem aber will Jensiat junge Menschen über Sicherheit im Netz informieren.

Lernen aus Pornofilmen

Jensiat (zu Deutsch „Geschlecht“) ist ein gemeinsames Projekt der Journalistin und Produzentin Mahsa Alimardani und des Autors und Satirikers Kioomars Marzban. Die Geschichten werden von Vahid Fazeli illustriert. Das Projekt wird von der Small Media Foundation unterstützt.

Mahsa Alimardani (li) und Kioomars Marzban

Mahsa Alimardani (li) und Kioomars Marzban

Marzban, der seit 2009 in Malaysia lebt und die Geschichten der Comicserie entwickelt, findet, dass sexuelle Bildung im Iran de facto nicht existiert. Neben Aids seien auch alle anderen sexuell übertragenen Krankheiten unbekannt. Grund sei die strikte Geschlechtertrennung in der Schule: „Mädchen und Jungen kennen sich deshalb kaum, bevor sie achtzehn werden“, so Marzban. „Es gibt außerdem keine Filme und Bücher, die über Sex aufklären, und so lernen viele nur aus Pornofilmen.“

Ein Blick auf die Webseite des Ministeriums für Gesundheit und medizinische Bildung im Iran zeigt, dass es der Regierung an einem effektiven Konzept sowohl für die Aufklärung der Bevölkerung wie für die Bekämpfung von sexuell übertragbaren Krankheiten mangelt. Dabei spielt die Tabuisierung von Sexualität außerhalb der Ehe in der islamischen Republik eine entscheidende Rolle.

Internetsicherheit muss gelernt sein

Jensiat beschäftigt sich außerdem mit einem weiteren wichtigen Thema, das im Iran nicht wirklich beachtet wird: Internetsicherheit. Weil im Iran Medien und Presse nicht frei sind, nutzen viele IranerInnen das Internet und die sozialen Netzwerke für politische Aktivitäten, vermehrt seit der Entstehung der oppositionellen Grünen Bewegung. Um die Zensur der Regierung im Netz zu umgehen, benutzen viele virtuelle private Netzwerke, so genannte VPN, die den Standort des benutzten Computers verschleiern. Im Iran sind VPN weit verbreitet, obwohl sie nur illegal im Internet erworben werden können. Und: Sie sind nicht immer sicher, so dass Nutzer nicht selten dennoch identifiziert und verhaftet werden.

Karikatur von Tuka Neyestani

Karikatur von Tuka Neyestani

Den IranerInnen zu zeigen, wie man sich im Internet schützen kann, gehört deshalb auch zu den selbst gestellten Aufgaben von Jensiat. „Wir wollen zeigen, welche Messaging-Dienste man am besten benutzt, wann man in Facebook sicher unterwegs ist, welche VPN die sichersten sind und wann man Google vermeiden sollte,“ sagt Kioomars Marzban. Obwohl er den Eindruck hat, dass Webseiten, die für Bildung stehen, nicht zu den beliebtesten im Iran gehören, findet Marzban das bisherige Feedback aus dem Land sehr gut. „Wir bekommen sogar viele Emails aus Afghanistan, was uns besonders freut. Allein die Tatsache, dass die Seite gefiltert wurde, kurz nachdem wir sie online gestellt haben, zeigt, dass wir gute Arbeit leisten.“

„Sehr viel Feedback“

Seit dem Launch im März 2016 konnte Jensiat laut Mahsa Alimardani rund 1,2 Millionen LeserInnen und 5,6 Millionen Clicks verzeichnen. Eine genaue Zahl der NutzerInnen im Iran ist, seit die Seite dort verboten wurde, nicht mehr festzustellen, da die Verbindung per VPN eben nicht in den Iran zurückzuverfolgen ist. „Wir erhalten sehr viel Feedback von unseren Usern,“ sagt Alimardani. „Die meisten fragen uns, welche App-Stores sie nutzen können, da viele innerhalb des Irans keinen Zugriff auf den Apple Store oder Google Play haben. Viele haben auch spezifische Fragen über Apps, die wir in unseren Comics vorstellen. Manche kommen mit persönlichen Beziehungsproblemen und fragen um Rat. Wir hatten aber auch Nutzer, die dachten, dass wir sie bei der Suche nach einem potentiellen Partner im Iran oder in Afghanistan unterstützen können. Da mussten wir natürlich passen.“

Jensiat gibt es auch auf sozialen Netzwerken wie Facebook und Instagram. Im kommenden Jahr soll die zweite Comicserie veröffentlicht werden.

  SHAHRZAD OSTERER

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