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Die Situation der bildenden Künste im Iran

Wie steht es um die bildenden Künste im Iran im vierten Jahr der Regierungszeit von Hassan Rouhani? Eine Bestandsaufnahme von Christoph Sehl. mehr »

    ‘(…) anzunehmen, es gäbe eine absolute Homogenität zwischen Kultur und Identität, heißt, zu vergessen, was lebendig und fruchtbar ist.’ (Edward W. Said, RoE, S. 578)

Die Freiheit ist im Zusammenhang mit der Kunst ein unhinterfragbarer Wert und sollte zu einem der erstrebenswertesten Ziele in Gesellschaften überhaupt zählen. Denn in der Kunst kommen die Dinge am komplexesten zur Sprache – was , vielleicht weil diese Sprache nicht vordefiniert ist, nicht unbedingt nur in einem kohäsiven Verhältnis zur Gesellschaft steht. In der Kunst spielen sich die kleinen wie großen Abweichungen ab, in denen sich das Surrogat und das untergründige Selbst einschreiben und verstehen lassen. Das Verbieten oder Ignorieren von Kunst, also die Abwesenheit von Freiheit, schafft so die Verschiebungen selbst nicht ab, sondern den klaren und deutlichen Blick auf diese und damit die Möglichkeiten einer allgemeinen Selbstvergewisserung.

Der Wandel der Rahmenbedingungen

Das mithin Unverständlichste in der Diskussion um die Ausstellung der Sammlung des TMOCA (Tehran Museum of Contemporary Art) in der Staatsgemäldesammlung Berlin war die ablehnende Position von Künstlern und Galeristen im Iran. Davon hat sich, wenn überhaupt, nur ein unklares Bild vermittelt – zumindest in den deutschen Medien. Die Ausstellung hat letztlich nicht deshalb nicht stattgefunden, weil diese sich gegen die Idee dieses Kunsttransfers gestellt hatten. Die Entscheidung wurde auf einer für die Kunst eher fernen, wenn auch nicht unbekannten Ebene, nämlich der der Politik, gefällt. Vielleicht wäre es aufschlussreich gewesen, einen eingehenderen Blick auf die Situation der bildenden Künste im Iran zu werfen, zumal besagtes internationales Ausstellungsvorhaben im ‘Westen’ als ein Schritt hin zu kultureller Öffnung angesehen wurde – im Kontext des Nuclear Deal, der neu definierten bilateralen Beziehungen und der Präsidentschaft des als gemäßigt geltenden Hassan Rouhani.

Die Haltungen der Kunstakteure im Iran waren verwirrend und ergeben im Ganzen ein paradoxes Bild, sieht man in internationalen kulturpolitischen Anstrengungen das Ziel, der Kunst, auch der gegenwärtigen, einen Weg aus der Isolation bisheriger Strukturen und zu Aufmerksamkeit zu eröffnen. ‘Soft Power’ ist einer der Begriffe, die eine Brücke über den frei gewordenen Raum nach dem Ende vieler Sanktionen schlagen sollte, eine Brücke, die die kulturelle Situation im Iran als Ganzes mit konstruieren sollte, insofern der politische Wandel gravierende Konsequenzen nach sich gezogen hat. Dabei stellt dieser Begriff nur eine der Implementierung des Kulturellen in die sich verändernden politischen Strategien dar. Dass hierbei verwaltungstechnische Verfahrensweisen im Vordergrund stehen, ist eine Eigenheit Kunst instrumentalisierender Politik. Inwiefern dabei die konkreten Verhältnisse der Kunst im Iran zum Tragen kommen, bedarf einer eingehenderen Betrachtung.

Bahar Taheri, A Seventeen-Billion-Euro Deal, The Three Graces and Giving and Taking Offense, 2016, Acrylic on paper 32x41 cmDie Arbeiten von Bahar Taheri zeigen, wo politische, soziale und kulturelle Undeutlichkeiten immer auch Undeutlichkeiten in der Handhabung von Bildern sind. Die 1980 in Teheran geborene Künstlerin legt den Bezug ihrer Auseinandersetzung auf zwei Ebenen an: auf der des Wirklichen und der des Vermögens der Bilder, mit diesem Wirklichen umzugehen. Die Wechselbeziehungen, Verbindungen, auch Abstoßungen dieser Bereiche werden von Taheri in ein künstlerisches Verfahren eingeschleust.

A Seventeen-Billion-Euro Deal, The Three Graces and Giving and Taking Offense – ein Werk von Bahar Taheri

 

Im Kern ließe sich die Haltung und Skepsis der Teheraner Künstler und Galeristen in der mangelnden Transparenz dieses auf politischer Ebene ausgetragenen Kulturaustausches im Iran sehen. Im Moment politischen Richtungswechsels und der Umverlagerung kultureller Kommunikation auf staatliche Institutionen spontane und bruchlose Affirmation und Vertrauen zu erwarten, ließe die spezifische Situation der Kunst selbst und ihre jüngere Geschichte außer Acht. Dass sich die Kunstszene im Iran – und hier soll in erster Linie die der bildenden Kunst betrachtet werden – zu einem hochqualifizierten, komplexen und sensiblen Feld entwickelt hat, beruht in erster Linie nicht auf Unterstützung vonseiten staatlicher Institutionen.

Rouhanis kulturpolitisches Programm

Das hat auch Hassan Rouhani gesehen und nach seiner Amtsübernahme 2013 hinsichtlich der kulturpolitischen Situation Versprechen gemacht, die gemessen an der Zeit davor, unter Ahmadinedschad, Anlass zu Hoffnungen gegeben haben. Bei einem Treffen mit Künstlern Anfang Januar 2014 machte Rouhani sein Verhältnis zur Kunst deutlich. Programmatisch gesehen lassen sich in seiner Rede zwei Adressaten ausmachen, die Künstler und das Parlament. Kunst könne unter undemokratischen Verhältnissen nicht entstehen und lasse sich auch nicht durch Dekrete und Anordnungen erzeugen, sagte Rouhani da: Er glaube nicht an Staatskunst. Den Künstlern legte er die sozialen Verhältnisse verbunden mit ihren Gebräuchen, ihrer sozialen Ethik und dem öffentlichen Verständnis als Rahmenbedingungen nahe, in die auch die staatliche Zensur eingeschlossen ist. Dem Parlament empfahl der Präsident, Kunst nicht als Sicherheitsrisiko und Bedrohung aufzufassen. Im Ganzen ließe sich das als ein realistischer Blick auf das sozial und historisch Gegebene anerkennen, mit dem Rouhani die Zielstellung verbindet, der Kunst angemessene Voraussetzungen zu schaffen, also eine enge Verknüpfung von Kunst und Freiheit zu ermöglichen, ohne die sie bedeutungslos wäre.

Die doppelte Adressierung macht deutlich, dass Rouhani bewusst auf die spezifisch historische Situation einzugehen versucht, dass er den Wert der Freiheit der Kunst im Rahmen gesellschaftlicher Kommunikationsprozesse initialisieren möchte. Die Freiheit der Kunst wird eingebunden in das Spiel sozialer Kräfte und Gegenkräfte, mithin nicht als demokratischer Wert als solcher und absolut gesehen, sondern innerhalb von Entwicklungsmöglichkeiten spezifischer Bedingungen.

Andere Prioritäten

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