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Das iranische Gesundheitssystem: ein Notfallpatient

Seit langem wird im Iran über mangelnde Pflegekräfte und überfüllte Krankenhäuser berichtet. Der Regierung fehlen nötige Ressourcen zur Verbesserung; der Gesundheitsminister hofft auf Privatinvestoren. Ein im Internet kursierendes Video soll die katastrophalen Zustände belegen. mehr »

Vor kurzem hat der iranische Minister für Gesundheit und medizinische Ausbildung ein heikles Thema angesprochen: zu geringe Aufnahmekapazitäten in den iranischen Krankenhäusern. Hassan Ghazizade Hashemi zufolge fehlen im Iran 90.000 Krankenhausbetten. „Um das Problem zu lösen, müssen Regierung und Parlament neue Initiativen ergreifen, um Investitionen anzukurbeln“, forderte Ghazizade Hashemi am 18. Juli. Der Gesundheitsminister hatte in der Vergangenheit bereits angedeutet, dass nicht alle staatlichen Krankenhäuser schwarze Zahlen schreiben. Er hofft trotzdem auf frisches Geld aus dem Privatsektor. Denn dem Staat, darauf hat der Minister bereits mehrmals hingewiesen, fehle das nötige Geld.

Hashemi lud im April bei einer internationalen Konferenz ausländische Investoren ein, ihr Geld im iranischen Gesundheitssystem zu investieren. Zeitgleich musste er zugeben, dass es dort Probleme gibt. Die meisten iranischen Krankenhäuser sind über 50 Jahre alt und renovierungsbedürftig. Auch die internationalen Sanktionen gegen den Iran sind noch nicht vollständig aufgehoben. So wird es schwierig sein, in naher Zukunft ausländische Unterstützer für den Gesundsheitbereich ins Land zu holen.

15 Betten für 10.000 Patienten

Zahlen des Gesundheitsministeriums besagen, dass das iranische Gesundheitssystem im Moment 1,5 Betten pro 1.000 Patienten anbietet. Das Abusar-Krankenhaus in der Stadt Ahvaz im Süden Irans ist das einzige staatliche Kinderkrankenhaus in der Provinz Chuzestan. Das Haus hat seit Jahren mit Problemen zu kämpfen. Besonders klagen die Nutzer über die geringe Aufnahmekapazität der Kinderabteilung und der Notaufnahme.

Zwei Patienten in einem Bett: Alltägliches Bild in iranischen Provinzen

Zwei Patienten in einem Bett: Alltägliches Bild in iranischen Provinzen

Ein Großteil der Patienten, die auch aus den nahen Provinzen kommen, muss abgewiesen werden. Manche müssen wegen der geringen Aufnahmekapazität der Kinderabteilung in der Notaufnahme stationiert werden.

Eine Mutter, deren Kind mit einem anderen Kind in einem Bett liegt, sagte dem örtlichen Nachrichtenportal Ahvaz Nowin: „Mein Kind hat eine Lungenentzündung. Wegen fehlender Betten in der Kinderabteilung wurde es in der Notaufnahme und mit einem anderen kranken Kind stationiert. Als ich mich beschwert habe, hat man mir gesagt, ich könne mein Kind in ein privates Krankenhaus verlegen, wenn ich mit der Situation unzufrieden sei.“

Auf die Frage eines Journalisten, warum mehr Patienten aufgenommen würden als der Kapazität entspricht, sagte ein Sprecher des Krankenhauses: „Damit gehen wir auf die Anforderungen der Eltern ein, denen nur die Gesundheit ihrer Kinder wichtig ist. Lieber zwei Patienten in einem Bett oder als eine Absage.“

Der Sprecher versprach, im kommenden Jahr werde ein Erweiterungsbau des Krankenhauses in Betrieb genommen.

Mit dem Bau des neuen Gebäudes wurde im Jahr 2009 begonnen. Das Haus mit 160 Betten sollte eigentlich bereits nach drei Jahren Patienten aufnehmen können. Doch obwohl im Vorfeld akribisch geplant wurde, wurde die Inbetriebnahme erst auf das Jahr 2013, dann auch 2014 und später auf 2015 verschoben. Vor einem Jahr teilte der Gesundheitsminister dann mit, dass sich der Bau nach wie vor auf dem Stand des Jahres 2012 befinde. Laut dem Rektor der Universität der medizinischen Wissenschaften in Ahvaz soll das Krankenhaus nun 2017 fertig sein.

In anderen Provinzen soll es ähnliche Probleme geben. Ein im Internet kursierendes Video soll die katastrophalen Zustände in einem Krankenhaus in der nordwestiranischen Stadt Täbris zeigen.

Mangel an Pflegepersonal

Das iranische Gesundheitssystem leide nicht nur unter zu geringen Aufnahmekapazitäten. Der Mangel an Fachpersonal sei das größte Problem, sagt ein Teheraner Krankenhausdirektor im Gespräch mit Iran Journal. Sollte sich bald die Situation nicht ändern, würden die Probleme im Gesundheitssystem massive soziale Unruhen verursachen, warnt der Facharzt.

Laut dem Hohen Rat der KrankenpflegerInnen fehlen landesweit mindestens 80.000 KrankenpflegerInnen. Der Gesundheitsminister schätzt die Zahl auf 100.000.

Im Iran gibt es insgesamt 110.000 Krankenbetten. Je Bett sollen durchschnittlich 1,5 bis 2 KrankenpflegerInnen im Dienst sein. Laut offiziellen Angaben jedoch wird jedes Bett nur von 0,7 Pflegekraft betreut.

Die PflegerInnen müssen deswegen nicht nur mehr leisten, sondern werden von den PatientInnen unter Druck gesetzt, stellt der Vorstandsvorsitzende der Organisation der PflegerInnen der Stadt Ghom, Ali Ghorbani, fest: „Ihnen werden Fragen außerhalb ihrer Zuständigkeitsbereiche gestellt. Das Pflegepersonal muss für alles eine Antwort haben, auch für das Fehlen der Krankenbetten, weil es der direkte Ansprechpartner der Patienten ist.“

Als ein Reporter kürzlich wissen wollte, wie die Regierung das Problem des mangelnden Pflegepersonals lösen möchte, antwortete Gesundheitsminister Hashemi: „Eine sehr gute Frage. Darauf habe ich leider keine Antwort.“

 MINA TEHRANI

Aus dem Persischen übertragen und überarbeitet von Iman Aslani