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Werkschau einer kämpferischen Regisseurin

Rakhshan Bani-Etemad, die "Grand Dame“ des iranischen Films, ist eine Werkschau im Berliner Kino Arsenal gewidmet. Vom 6. bis zum 24. Mai werden acht Filme der international renommierten Regisseurin gezeigt. Nasrin Bassiri hat fast alle ihre Werke gesehen und stellt einige hier vor. mehr »

Rakhshan Bani-Etemad* ist dafür bekannt, dass sie sich in ihren Filmen mit brisanten gesellschaftlichen und politischen Themen auseinandersetzt: autoritäre Staatsführung, außenpolitischer Alleingang mit katastrophalen Folgen für die Bevölkerung, Sanktionen, Anstieg der Arbeitslosenzahlen – um nur einige zu nennen. Sie zeigt Menschen, die ihr Leid nur durch Drogen ertragen können, Frauen, die von diskriminierenden Gesetzen und überholten Traditionen unterdrückt werden, Jugendliche, die mit strengen kulturellen Werten zu kämpfen haben – trotz der modernen Fassade der iranischen Gesellschaft.

Die Regisseurin, die schon mit 19 Jahren als Skript-Supervisor für das iranische Fernsehen arbeitete, hat sich zur Aufgabe gemacht, über die Missstände der Gesellschaft aufzuklären. So sagte sie bei der Weltpremiere ihres bislang letzten Films „Ghesse-ha“ in Teheran: „Wenn ich in meinen Filmen nicht die Probleme der Gesellschaft aufzeichne, komme ich mir wie eine Verräterin vor.“ Sie wolle dabei helfen, den Sprachlosen der Gesellschaft eine Bühne zu verschaffen und zur Besserung ihrer Situation beizutragen, betonte die 62-Jährige vor Journalisten.

Doch sie tut das nicht nur in ihren Filmen. Die mehrfach preisgekrönte Drehbuchautorin und Regisseurin – ausgezeichnet unter anderem auf den Filmfestivals in Karlovy Vary, Locarno, Montreal, Moskau, Neu Delhi, Thessaloniki, Turin und Venedig – bot ihre Trophäen zum Verkauf an und stiftete den Erlös den Teheraner Frauenhäusern, die im Iran nicht mit öffentlichen Mitteln gefördert werden.

„Die Hälfte des Volkes“

In ihrem Dokumentarfilm „Unsere Zeiten – Wir sind die Hälfte des Volkes“ aus dem Jahr 2001 geht es um Frauen und Macht. In der ersten Episode erzählen Protagonistinnen, die gerade 16 Jahre alt geworden sind und zum ersten Mal wählen dürfen, welche Hoffnungen sie in den zukünftigen Staatspräsidenten – damals Mohammad Chatami – setzen. Chatami hatte Reformen versprochen und war damit zum Hoffnungsträger junger Menschen geworden, die die strengen staatlichen Kontrollen und die Repressionen im Iran nicht ertrugen und von Chatamis Wahl eine friedliche Öffnung der Gesellschaft erhofften.

Szenenfoto, aus dem Film "Khoon-bazi"

Szenenfoto, aus dem Film „Khoon-bazi“

In der zweiten Episode wird das Leben von Arezoo aufgezeichnet, die zwei Mal geheiratet hat und sich beide Male scheiden lassen musste, weil ihre Männer den Drogen verfallen waren. Die 25-Jährige lebt mit ihrer kleinen Tochter und einer sehbehinderten Mutter, die sie versorgen muss. Arezoo arbeitet von früh bis spät am Abend. Nach der regulären Arbeit im Büro unterrichtet sie kleine Kinder, um ein Paar Tuman mehr zu verdienen. Ihr Gehalt reicht aber dennoch nicht aus, um die Miete für eine kleine Wohnung zu bezahlen. Sie hat noch drei Tage Zeit, um ihre Mietwohnung zu räumen. Arezoo hat sich beim Innenministerium als Kandidatin für das Präsidentenamt einschreiben lassen, um Alleinerziehende vor dem gleichen Schicksal zu bewahren. Doch der Wächterrat, der die Kompetenz der KandidatInnen für alle Wahlen bestätigen muss, hat bisher keine Frauen für die Kandidatur für dieses Amtes zugelassen.

„Das Spiel mit dem Blut“

Auch Bani-Etemads vorletzter langer Spielfilm „Khoon bazi“ („Das Spiel mit dem Blut“) von 2006 thematisiert die Drogensucht vor allem bei jungen Menschen. Mit sensiblem und liebevollem Blick und wahrheitsgetreuen Szenen zeichnet sie darin glaubhaft die Ursachen der Sucht und die Bedürfnisse junger Drogenabhängiger auf, deren Leben aus den Fugen geraten ist. Dabei verzichtet sie auf jegliche Schuldzuweisungen und Verurteilungen.

In dem Spielfilm „Banooye Ordibehesht“ („May-Lady“) thematisiert Bani-Etemad die Probleme einer gut situierten geschiedenen Frau aus der Mittelschicht, die in eine neue Lebensgemeinschaft eintreten möchte, deren halbwüchsiger Sohn das jedoch nicht akzeptiert.

Fünf Jahre keine Filme

Nach diesem Spielfilm blieb Bani-Etemad eine Weile still. Die Abstinenz erklärte sie später auf einer Pressekonferenz als „eine Art Selbst-Boykott, weil ich mich mit dem kulturellen Klima jener Zeit nicht in Einklang bringen konnte“. Doch dann habe sie festgestellt, „dass ich wahnsinnig werde, wenn ich weiterhin keine Filme drehe“. So hat Rakhshan Bani-Etemad 2011 ihren letzten langen Film „Ghesse- ha“ („Die Geschichten“) gedreht. Der Film besteht aus sieben Episoden, die Unstimmigkeiten in der Gesellschaft und soziale Ungereimtheiten meisterhaft aufzeichnen und gekonnt miteinander verknüpfen.

Die Regisseurin Rakhshan Bani-E’temads bei den Dreharbeiten des Filmes "Ghesse-ha"

Rakhshan Bani-Etemad bei den Dreharbeiten des Filmes „Ghesse-ha“

„Ghesse-ha“ ist einer der meistdiskutierten Filme in der iranischen Geschichte. Vier Jahre lang erhielt er keine Vorführgenehmigung. Zahlreichen namhaften SchauspielerInnen des Landes, die in dem Film mitgewirkt haben, wurde mit Arbeitsverbot gedroht. Die Kommission für kulturelle Angelegenheiten des iranischen Parlaments verlangte, dass der Film keine Vorführgenehmigung erhalten solle. Der Minister für Kultur und islamische Führung übte im Fernsehen Kritik an dem Film: „Das Zeigen inländischer Missstände auf internationalen Filmfestivals ist inakzeptabel.“ Konservative Politiker und Kritiker bezeichneten „Ghesse ha“ als „Schwarzmalerei“ und verurteilten, „schmutzige Wäsche in aller Öffentlichkeit zu waschen“. Auch das Parlament beschäftigte sich mit dem Film und stellte die Verantwortlichen zur Rede.

Doch das verbotene Werk „Ghesse-ha“, das in iranischen Kinos nicht gezeigt werden durfte, fand seinen Weg in die weite Welt. 2014 wurde der Film in Venedig für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Im Herbst desselben Jahres kam er als DVD heraus und danach, im Mail 2015, durfte er auch in iranischen Kinos gezeigt werden. Rakhshan Bani-Etemad hatte wohl Recht, als sie vor langer Zeit sagte: “Kein Film wird ewig in der Schublade eingesperrt bleiben!“

  NASRIN BASSIRI

*Am 6. und 7.  Mai wird Rakhshan Bani-Etemad bei bei den Vorführungen ihrer Filme im Berliner Kino Arsenal anwesend sein und mit den ZuschauerInnen diskutieren.

Mehr Infos:  www.arsenal-berlin.de/de/kino-arsenal/programm/einzelansicht/article/5996/3006.html