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Hochsaison für Totenkläger

In diesen Tagen steht ganz Iran im Zeichen der Trauer. Grund dafür ist „der Märtyrertod“ des Imam Hosseins im Jahr 680. Er gilt bei den schiitischen Muslimen als „das Symbol des Widerstandes gegen die Tyrannei“. Doch mehr als der Märtyer-Imam selbst, stehen bei den Trauerfeierlichkeiten die Totenkläger im Rampenlicht. In der Regel gut ausgebildete junge Sänger, die immer mehr vom Regime instrumentalisiert werden. mehr »

Schiiten und Aleviten halten den Märtyrertod von Imam Hossein, dem Enkelsohn des Propheten Muhammed, und seiner Verwandten und Begleiter im Jahr 61 der islamischen Zeitrechnung (680 n. Ch.) für die größte Aufopferung für den Islam. Deshalb trauern sie etwa zwei Wochen lang um ihre Helden. Die Trauer- und Bußrituale erreichen ihren Höhepunkt in Aschura, dem 10. Tag des ersten islamischen Monats Muharram (12. Oktober). Überall im Iran finden Trauerfeste statt, die zum größten Teil vom Staat unterstützt werden. Dabei spielen die Totenkläger eine große Rolle. Sie sorgen mit ihrem Gesang für eine emotionsbeladene Stimmung und erinnern in ihren Liedern an die Leiden des Hosseins und seiner Begleiter.

Die melodischen Totengesänge werden im Iran „Maddahi“ genannt, der Sänger eines solchen Klagelieds „Maddah“. Kleriker und Prediger sind traditionell zeitgleich Maddah. Heute entspricht Maddahi jedoch längst nicht mehr diesem alten Muster. Viele zum Teil politisch einflussreiche Maddahs sind mittlerweile weder Geistliche noch Prediger.

Die politischen und religiösen Entwicklungen der letzten Jahre im Iran veränderten nach und nach auch Form und Inhalte von Maddahi. Einige Maddahs begannen, die Klagelieder rhythmisch und zum Teil sogar nach den im Iran offiziell verbotenen Popmelodien zu singen. Bei einigen Trauerzügen wurden die Lieder nicht mehr nur mit den üblichen Schlagmusikinstrumenten, sondern auch von Popmusikinstrumenten begleitet.

Laut der iranischen Organisation für islamische Öffentlichkeitsarbeit („Sazmane Tablighate Eslami“) wurde nach Absprache mit dem Bildungsministerium eine Hochschulausbildung für das Verfassen von Klageliedern und Totengesängen eingeführt. Ziel sei es, die Klagelieder für religiöse Persönlichkeiten staatlich zu standardisieren und deren Inhalte historischen Tatsachen anzupassen.

Eine „Trauerfeier“ als Demonstration gegen die Herrscher Saudi Arabiens:

Einmischung in die Politik

Die Veränderungen der letzten Jahre beschränken sich nicht nur auf die Inhalte der Trauergesänge oder ihre Präsentation. In der islamischen Republik, in der es keine Trennung zwischen Politik und Religion gibt, mischen sich die Maddahs, die eigentlich eine rein religiöse Aufgabe haben, immer mehr in die Politik ein.

Heutzutage erreicht ein Maddah im Iran den Höhepunkt seiner Tätigkeit unter anderem, wenn er vor hochrangigen konservativen Politikern auftritt.

In den vergangenen Jahren hat der Zugang einiger bekannter Maddahs zu politischen Kreisen zugenommen. Einige Maddahs stehen Politikern mittlerweile so nah, dass sie selbst an deren familiären Feierlichkeiten teilnehmen.

Staatliche Unterstützung

Den Weg der Maddahs in die Politik ebnete die Politik allerdings selbst. Die Maddahs werden seit über zehn Jahren für Propagandazwecke des Regimes gezielt eingesetzt. Der direkte Kontakt mit dem Publikum und die religiöse Natur des islamischen Regimes ermöglichen den Maddahs, die aktuelle Politik der konservativen Machthaber zu unterstützen. Viele politische Entscheidungen und Konsequenzen werden so gerechtfertigt.

In der Amtszeit von Präsident Mohammad Khatami (1997-2005), als die konservativen Machthaber die Regierungsorgane den Reformisten überlassen mussten, wurden religiöse Institutionen und Körperschaften gegen die Regierung mobilisiert. Bekannte Maddahs, die regelmäßig vor großen Massen auftraten, kritisierten die Politiker.

Aufruf zum Mord

Saeed Haddadian, ein politischer Maddah an der syrischen Front

Saeed Haddadian, ein politischer Maddah an der syrischen Front

Die Maddahs vertreten die Politik der konservativsten Schichten des islamischen Regimes, allen voran die von Ayatollah Khamenei. Als Ex-Präsident Mahmud Ahmadinedschad in den letzten Jahren seiner Amtszeit seinen langjährigen Gefährten und Minister Esfandiar Rahim Maschaie gegen die verbalen Angriffe seiner konservativen Gegner in Schutz nahm, rief einer der bekanntesten Maddahs Irans, Mansour Arzi, zum Tode Mashaies auf, ohne ihn namentlich zu nennen. „Ich habe bereits gesagt, wenn jemand ihn umbringen würde, würde ich sein Blutgeld persönlich bezahlen“, so Arzi im Jahr 2010 in Teheran. Rahim Maschaie, der Vater von Ahmadinedschads Schwiegertochter, war wegen seiner religiösen Interpretationen dem konservativen Klerus im Iran ein Dorn im Auge.

Saeed Haddadian, ein anderer bekannter politischer Maddah, verglich Raheem Maschaie 2011 mit dem „Schambereich des Präsidenten“, den er besser bedecken solle. Für die beiden Maddahs hatten diese schweren Beleidigungen keine Konsequenzen. Haddadi bezahlte umgerechnet 12 Euro Geldstrafe, Arzi wurde freigesprochen.

Im Januar wurde ein Bild von Haddadian im Kampfanzug veröffentlicht. Er soll sich in Syrien an der Seite des Assad-Regimes befinden. Dies würde seine politische Position noch stärken.

  IMAN ASLANI