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Zwischenstation auf dem Weg zur Großstadt

Um die Zuwanderung in die Großstädte zu reduzieren, der Entstehung von Slums entgegenzuwirken und die zunehmenden sozialen und Umweltprobleme zu lösen, wurden in den letzten Jahrzehnten im Iran Satellitenstädte geplant und gebaut. Diese werden jedoch den Erwartungen aus unterschiedlichen Gründen nicht gerecht. Untereinander streitende Behörden sorgen für zusätzliche Probleme. mehr »

In einem Mehrfamilienhaus mit zwei streitenden Hausverwaltungen ist die Lage für die Bewohner ärgerlich. In einer Stadt mit mehreren Verwaltungen ist die Dimension des Problems noch größer.

Laut Zahlen der Weltbank aus dem Jahr 2014 wohnen 73 Prozent der knapp 79 Millionen IranerInnen in Städten. Das sind über 57,5 Millionen Menschen. Im Jahr 1980, kurz nach der Islamischen Revolution, wohnten laut offiziellen Angaben erst 47 Prozent der iranischen Bevölkerung in Städten. Das waren damals rund 18 Millionen. Das Land hatte zu der Zeit knapp 39 Millionen EinwohnerInnen.

Mangelnde Infrastruktur und fehlende Arbeit auf dem Land sind im Iran in den vergangenen 50 Jahren Motor für Zuwanderung in Richtung Großstädte gewesen. Dazu kommen die Folgen des Klimawandels und der langen Dürreperioden, die die Landbevölkerung aus den Dörfern vertreiben.

Um die zunehmend überfüllten Großstädte zu entlasten, wurden in den vergangenen Jahrzehnten im Iran Satellitenstädte gebaut. Sie sollten eigenständige Städte mit eigener Infrastruktur werden und nicht nur der Hauptstadt Teheran, sondern auch attraktiven Industriegebieten wie Isfahan oder Täbris einen Teil der Einwohner abzunehmen. Die sogenannten „neuen Städte“ sind nun jedoch selbst Teil des Problems geworden.

Keine einheitliche Verwaltung

Denn die Satellitenstädte werden von einem Bauträger, der dem Ministerium für Straßen und Städtebau zugeordnet ist, errichtet. Dieser verkauft die für die Bebauung vorgesehenen Grundstücke und finanziert damit die nötige Infrastruktur der „neuen Stadt“. Wenn deren Einwohnerzahl eine bestimmte Grenze erreicht hat – gesetzlich sind 30.000 vorgesehen – nimmt eine Stadtverwaltung ihre Arbeit auf. Über das weitere Verfahren gehen die Meinungen einiger Stadtverwaltungen und Bauträger allerdings auseinander.

Einige Stadtverwaltungen sind der Meinung, dass das Gesetz ab diesem Punkt eine Art Schlüsselübergabe vorsieht. Das heißt nach ihrer Auffassung, dass der Bauträger mit der Amtsübernahme der Stadtverwaltung dieser die gesamte Verwaltung der Stadt, zu übergeben hat.

Die "Neustadt Sahand", in der Nähe der Stadt Täbris wurde für etwa 20.000 EinwohnerInnen geplant, beherbergt aber derzeit über 130.000 Menschen

Die „Neustadt Sahand“, in der Nähe der Stadt Täbris wurde für etwa 20.000 EinwohnerInnen geplant, beherbergt aber derzeit über 150.000 Menschen

Der Bauträger sieht die Sache jedoch anders. Die Tageszeitung Ghanoon zitierte vergangenen Samstag ein Vorstandsmitglied des staatlichen Bauträgers Omran mit dieser Vorstellung: „Wenn die Stadtverwaltungen der neuen Städte ihre Arbeit aufnehmen, bekommen sie nicht die gesamte Verantwortung. Für Bildung, Gesundheit, Wasserver- und Abwasserentsorgung, Strom, Gas und so fort sind andere Behörden zuständig“, so Mahmoud Mirian. Mit der Fertigstellung der Städte sei die Verantwortung der Bauträger noch lange nicht beendet, fügte das Vorstandsmitglied hinzu.

Fehlende Infrastruktur

Die Satellitenstädte haben sich mittlerweile zum Teil zu Trabantenstädten entwickelt; zu riesengroßen „Schlafräumen“, deren Einwohner für Arbeit, Freizeit oder Pflege in die umliegenden Großstädte reisen müssen.

Eine konstante Einnahmequelle fehlt den Stadtverwaltungen. Das Bewusstsein für die gemeinsame Verantwortung für öffentliche Kosten ist in der Bevölkerung noch nicht verankert. Jährliche Gebühren etwa für Straßenbau oder Müllabfuhr werden daher unregelmäßig oder gar nicht bezahlt. Der Staat selbst verfügt aufgrund von Misswirtschaft und fehlender Haushaltsmittel kaum über Etat. Die Stadtverwaltungen sind deshalb darauf angewiesen, mehr Baugenehmigungen zu erteilen. Damit erwirtschaftete Einnahmen werden mehr für laufende Kosten ausgegeben als für Neuinvestitionen wie den Ausbau der Infrastruktur.

Laut Nachrichtenagentur Irna leidet die "Neustadt" Hashtgerd in der Provin Alborz unter Wassermangel und Bildungstädten

Laut Nachrichtenagentur Irna leidet die „Neustadt“ Hashtgerd in der Provin Alborz unter Wassermangel und Bildungstädten

Laut dem iranischen Vizeminister für Straßen und Städtebau Pirouz Hanatschi machen Baugenehmigungen bis zu 75 Prozent der Einnahmen der Stadtverwaltungen aus. Überdimensional große Hochhäuser in schmalen Straßen sind Folgen solcher Geldpolitik.

Darüber hinaus werden nicht selten die für Grünflächen, Spielplätze oder Freizeitaktivitäten sowie öffentliche Einrichtungen vorgesehenen Grundstücke bebaut. So fehlt es den betroffenen Städten an entsprechender Infrastruktur. Auch der fehlende öffentliche Regionalverkehr macht die neuen Städte für Einwohner und Investoren unattraktiv.

Der Faktor Korruption

Auch Korruption spielt eine große Rolle. Von illegalen Übernahmen oder Unterschlagungen öffentlicher Grundstücke wird immer wieder berichtet. Selbst der geistliche Führer des Iran, Ali Khamenei, musste schon eingreifen. Er warnte im März vergangenen Jahres vor der illegalen „Übernahme von öffentlichen Grundstücken und Bergen“ rund um die Städte.

Insgesamt hat der Gesetzgeber den Bau von 32 neuen Städten vorgesehen. 17 davon wurden bislang errichtet. Rund um Isfahan etwa wurden drei Satellitenstädte errichtet, die die Beschäftigten der umliegenden Stahlindustrie aufnehmen sollen. Bisher diesen diese jedoch nur als Zwischenstation. Denn aus den genannten Gründen ziehen viele Menschen aus diesen Städten am Ende doch lieber direkt nach Isfahan.

  IMAN ASLANI