Mahnaz Mohammadi: „Wenn wir nicht sprechen, gehört das Narrativ ihnen“
Der Film „Roya“ beginnt im Frauengefängnis von Teheran. Regisseurin Mahnaz Mohammadi erzählt in ihrem dokumentarisch-fiktionalen Werk eine Geschichte, die sie selbst mehrfach erlebt hat: Haft, Verhör, psychischer Druck. Ihr Film eröffnet mit beklemmenden, beinahe apokalyptischen Bildern: Eine Frau mit Tschador wird von Gefängniswärtern und Verhörbeamten bedrängt. Mit Drohungen versuchen sie, ihr die letzten Reste innerer Ruhe zu nehmen: „Wir haben Filmaufnahmen von dir!“, „Sind diese Notizen Deine?“, „Draußen hat dich längst jeder vergessen!“, „Dein Urteil ist die Hinrichtung!“
Mit Spott und Einschüchterung werden ihr Mut, ihr Wille und ihr Selbstvertrauen zermürbt. „Willst du immer noch Widerstand leisten?“ Immer wieder Stöße, Schreie, Befehle. Die Kamera zeigt enge Räume, Blut auf dem Boden, eine schmale Treppe. Die Zuschauer*innen sehen aus der Perspektive der Protagonistin, wie sich sie die Augenbinde enger um die Augen zieht und eine schmale Treppe hinabsteigt. Noch ein Befehl: „Fester!“ Ein Stoß, ein Schrei. Enge, Dunkelheit, Desorientierung. Man fragt sich: Wann endet diese Beklemmung?
Im Kinosaal der Berlinale bleibt es nach dem Ende der Vorführung auf der Berlinale still. Niemand steht auf, niemand verlässt den Raum – auch nicht nach dem Abspann. Nur wenige gehen. Die meisten bleiben, um mit dem Filmteam zu sprechen. Die Moderatorin wartet mit dem Mikrofon auf Fragen, viele rücken für ein besseres Hören weiter nach vorne.
Es folgt eine lange, intensive Debatte – fast wie eine späte Belohnung für ein Publikum, das zuvor sichtbar erschüttert und betroffen war. Ein Gespräch mit der Regisseurin.
Wie kam es dazu, dass Sie „Roya“ drehen wollten? Was war Ihre Motivation?
Man darf es ihnen nicht erlauben – dort, wo viele vergessen wollen, was geschieht, wo man die Probleme lieber nicht sehen will und nicht sehen möchte, was dieser Druck mit Menschen macht. Man darf ihnen das nicht durchgehen lassen. Manche Kolleginnen und Kollegen sagen zu mir: „Es reicht jetzt, wie lange willst du noch über Gefängnis sprechen?“ Und ich frage mich: Was wollen sie von mir? Warum soll ich schweigen? Genau das wollte auch mein Vernehmer – dass ich schweige. Aber ich muss sprechen. Wir müssen sprechen. Wenn wir nicht sprechen, gehört das Narrativ ihnen.
Meine einzige Motivation war, zu zeigen, was Evin mit einem Menschen macht – mit seiner Psyche, mit einer Gesellschaft. Wie dieses System die Wahrnehmung so verändert, dass man zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umherirrt. Nichts hat mehr Gewissheit, nicht einmal die eigene Erinnerung. Das ist kein kleines Ereignis, was uns in dieser Gesellschaft widerfahren ist und weiterhin widerfährt. Deshalb habe ich diesen Film gemacht.
Ich habe noch nie einen Film gesehen, der so offen und direkt über das Gefängnis spricht. Hatten Sie keine Sorge vor möglichen Konsequenzen?
Von wem sollten die Konsequenzen kommen?
Von denen, die die Macht haben.
Seit wir geboren wurden, leben wir in der Islamischen Republik. Von Anfang an war da Scham im Körper. Wir waren verboten. Dieses Verbot bedeutete, dass sich in uns eine Ansammlung von Scham bildete. Für bestimmte Körperteile sollten wir uns schämen – so wurden wir erzogen. Alle Türen waren verschlossen. Für mich als Mensch waren immer alle Türen zu. Und wir dachten: So ist die Welt eben.
Ich musste zwischen diesen Türen stehen und meinen Weg finden, um hindurchzugehen. Meine Lebensphilosophie war nicht, abzuwarten, was die Zukunft bringt. Ich wollte das, worauf ich zuging und was ich zu verstehen versuchte, gestalten und leben. Wenn man so lebt, denkt man nicht ständig an Angst.
Wenn uns seit der Kindheit unsere Identität genommen wird, werden wir zu formlosen Massen ohne Namen. Ich wollte mich davon abwenden, vom Nichts-Sein, und Mahnaz werden. Jeder Mensch sollte sich selbst finden. Der Weg, der uns vorgegeben war, war der der „Umma“, der islamischen Gemeinschaft – aber jeder muss seinen eigenen Weg finden. Hinzu kommt, dass unser Familiensystem oft patriarchal und unterdrückend ist. Wir wurden in unseren Familien gezwungen, uns anzupassen. Doch gerade diese Einschränkungen haben uns gelehrt, wie wir dieses System eines Tages verändern und neu entwerfen können – wie wir sehen, gestalten, korrigieren und besser bauen können.
Haben Sie in Szenen, die Sie selbst erlebt und im Film rekonstruiert haben, Selbstzensur unternommen?
Ja, sehr. Sehr viel. Hätte ich das nicht getan, hätte niemand den Film produziert. Produzenten wollen, dass das Publikum zufrieden ist; sie wollen es nicht quälen. Ein weiterer Grund war: So sehr wir selbst gefoltert wurden, so sehr wollte ich nicht auch noch das Publikum foltern. Ich wollte vielmehr erklären, wie die Wahrnehmung sich verändert.
Und trotz dieses kritischen Filmes kehren Sie nach Iran zurück?
Ja. Iran ist mein Zuhause. Ich habe keinen anderen Ort, an dem ich leben kann. Man kann hier oder anderswo leben, das weiß ich. Aber als ich 2008 den Film „Koochnameh“ (Travelogue) drehte und später längere Zeit außerhalb Irans war, merkte ich: Ich kann nicht im Aquarium leben. Das Leben außerhalb Irans fühlt sich für mich wie ein Aquarium an. Iran ist für mich der offene, weite Raum – und alles andere ist dieses Glasbecken.
Ich möchte keine Parolen ausgeben wie „Ich liebe Iran“. Aber indem wir dort leben, bleiben, so wie wir sind, können wir die Gesellschaft langsam in die Richtung bauen, die wir uns wünschen.
Der Film läuft ab dem 7. Mai bundesweit in Kinos.
Fotos: © Pak Film
