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Showdown zwischen Teheran und Riad beschäftigt iranische Web-User

Die diplomatische Krise zwischen dem Iran und Saudi-Arabien ist derzeit das alles bestimmende Thema der iranischen Web-Community. Einige Reaktionen und Meinungen aus dem Netz. mehr »

Die Hinrichtung des chiitischen Geistliche Nimr Al- Nimr, der Sturm iranischer Hardliner auf die Botschaft Saudi-Arabiens in Teheran und die täglich zunehmende  Zahl sunnitischer Länder, die nach Saudi-Arabien ihre diplomatischen Beziehungen zum Iran abbrechen oder zumindest reduzieren – seit Anfang des Jahres ist das Säbelrasseln zwischen dem schiitischen Iran und dem sunnitischen Saudi-Arabien sowie seinen Verbündeten so laut wie selten zuvor.

Aufgeladen ist die Stimmung auch in den sozialen Medien und Online-Diskussionsforen: „Die Ermordung Al-Nimrs wird nicht ungestraft bleiben“, glaubt etwa der Fars News Leser Gholamreza. Das saudische Königshaus solle sich vor dem „revolutionären Zorn“ der IranerInnen hüten, warnt er. Ein weiterer User der konservativen Webseite droht dem regionalen Erzrivalen des Iran ebenfalls: „Sollte das mörderische Saudi-Regime die Schiiten weiter unterdrücken, dann wird Gott erbarmungslos zurückschlagen. Die Streitkräfte der Islamischen Republik stehen bereit.“ Ähnlich äußert sich ein User mit dem Pseudonym Marg-bar-Daesh: „Wie der geistliche Führer es schon sagte: Gott wird die Saudis für die Hinrichtung Al-Nimrs bestrafen.“ Ein Krieg zwischen der sunnitischen und der schiitischen Welt stehe kurz bevor und sei „unausweichlich“, weil die Golfstaaten „immer deutlicher eine Konfrontation forcieren“, schreibt Ahmad auf der Facebookseite von BBC Farsi.
„Wo bleibt der internationale Aufschrei? Was ist plötzlich aus der Frage der Menschenrechte geworden? Warum schweigt die UN angesichts der Verbrechen der Saudis?“, klagt Omar Nangarhari auf der Webseite IR Diplomacy.

Andere sind empört über die Reaktionen iranischer PolitikerInnen und der AnhängerInnen der konservativen Hardliner: „Wie kann ein Regime, das jährlich selbst Hunderte Menschen hinrichtet, sich ernsthaft über Hinrichtungen in Saudi-Arabien echauffieren?“, fragt Saeed auf der Webseite Sobh. „So viele verdiente Revolutionäre der ersten Stunde und fortschrittliche schiitische Geistliche wurden seit 1979 wegen ihrer Äußerungen im Iran verfolgt, eingekerkert und hingerichtet. Wieso regen sich diese Unterdrücker jetzt auf, wenn die Saudis es ihnen gleichtun?“, schreibt Maryam unter einem Beitrag von Radio Zamaneh. Es sei unglaubwürdig, wenn das Regime in Teheran Menschen wegen ihrer Meinung töte, sich aber entsetzt zeige, wenn andere Staaten dies auch täten, findet auch Jaber. „Die Islamische Republik ist einfach nur dreist und heuchlerisch“, schreibt ein anderer wütender Radio Zamaneh-Leser.

Am 02. Januar haben aufgebrachte Demonstranten die saudi-arabische Botschaft in Teheran gestürmt.

Am 02. Januar haben aufgebrachte Demonstranten die saudi-arabische Botschaft in Teheran gestürmt.

Sturm auf Saudi-Botschaft ein „Akt der Barbarei“

„Unfassbar dumm“ und „rufschädigend“ sei der Angriff mutmaßlicher konservativer Hardliner auf die saudische Botschaft in Teheran gewesen, kommentiert Ghazaleh einen weiteren Beitrag von Radio Zamaneh auf Facebook. „Vor den Augen der Welt wirken die Saudis nun im Vergleich zu den Iranern wie Friedensengel“, schreibt Twitter-User Hassan Akbari. „Diejenigen, die an dem Angriff auf die Saudi-Botschaft beteiligt waren, sollten als Strafe in den Irak oder nach Syrien geschickt werden, um dort gegen den IS zu kämpfen“, findet ein anderer Twitterer mit Namen Hamid Hejazi.
„Die Brüder, für die die Angriffe auf irgendwelche Botschaften offenbar ein Volkssport geworden sind, sollten sich bewusst machen, wie sehr sie den Ruf ihres Landes schädigen. Als im vergangenen Jahr Hunderte iranische PilgerInnen in Mekka bei der großen Massenpanik umgekommen sind, hat keiner seinen Mund aufgemacht. Aber wenn ein saudischer Schiit stirbt, brennen plötzlich ihre Einrichtungen,“ schreibt ein wütender Besucher der Webseite der Nachrichtenagentur ISNA. „Die Hinrichtung Al-Nimrs ist sicherlich zu verurteilen, aber sie entschuldigt nicht den Angriff auf die saudische Botschaft“ schreibt ein anonymer User der Nachrichtenseite Mizan Online. Dieser sei „ein Akt der Barbarei“.

Verantwortlich für die Ausschreitungen im Umfeld der saudischen Botschaft sei die Regierung, findet Hamid: „Sie lässt zu, dass jeder das Recht mit Füßen treten kann“, schreibt er auf der Nachrichtenplattform Asr Iran. „Wenn Präsident Rouhani endlich mal ein bisschen Härte gegenüber den Konservativen zeigen würde, würden sich diese nicht erlauben, sich über das Recht derart hinwegzusetzen“, glaubt ein anderer User der Webseite mit dem Pseudonym Farzin88.

„Wir brauchen weder die Saudis noch ihre Handlanger“

Doch viele andere Web-User sind der Meinung, dass eine Kritik am Vorgehen der Botschaftsangreifer nicht angebracht sei. Im Gegenteil sei die Aktion gerechtfertigt und der Abbruch der diplomatischen Beziehung Saudi-Arabiens und anderer Länder zum Iran als Folge der Attacken durchaus zu verschmerzen.
So schreibt Yaghoob auf ISNA: „Ich habe kein Verständnis für all diejenigen, die für Saudi-Arabien Tränen vergießen. Was soll das? Sollen wir denn unseren Feinden etwa alles durchgehen lassen?“ Saudi-Arabien sei seit Jahren ein erklärter Feind des Iran, schreibt ebenfalls Ebrahim auf der Webseite Mizan Online. „Sie stehen uns sogar feindlicher gegenüber als die USA. Ich verstehe nicht, warum wir immer kuschen. Zu schade, dass Humanismus und Islam es uns verbieten, sonst hätten es die Saudis verdient, sie in die Steinzeit zurückzubomben“, so der Iraner. Unverständnis zeigt ein Besucher der Nachrichtenplattform Farda News für die Verurteilung des Angriffs auf die saudische Botschaft durch eine Reihe iranischer Politiker und Angehöriger der Revolutionsgarden: „Nach all dem, was sich die Saudis in jüngster Vergangenheit geleistet haben, distanzieren sich diese Herren auch noch für den Angriff. Im letzten Jahr sind so viele PilgerInnen in Saudi-Arabien gestorben und wir haben nichts als Schweigen der Autoritäten vernommen. Ich hoffe nur, dass die IranerInnen selbst aktiv werden und darauf verzichten, nach Saudi-Arabien zu reisen“, schreibt Meri. Ähnlich äußert sich ein anonymer Besucher von Farda News: „Die Saudis zeigen zumindest etwas Würde und ziehen Konsequenzen, wenn sie das Gefühl haben, dass ihnen Unrecht widerfährt. Was machen wir? Wir geißeln uns selbst“, schreibt er.

Demonstranten in Teheran verbrennen die saudi-arabische und israelische Flagge

Demonstranten in Teheran verbrennen die saudi-arabische und israelische Flagge

Auch zum Abbruch diplomatischer Beziehungen zahlreicher Staaten zum Iran haben viele Web-UserInnen eine Meinung: „Wir brauchen weder die Saudis noch ihre Handlanger. Sie können so sehr aufmucken wie sie wollen. Der Iran lässt sich nicht herumschubsen“, so die Ansage von Siamak auf der Internetseite YJC. „Die Saudis und die anderen Länder, die sich vom Iran distanziert haben, werden schon bald den Iran um Verzeihung anflehen, wenn unsere Regierung etwas Standhaftigkeit beweist und nicht direkt zu Kreuze kriecht“, prognostiziert ein anonymer Besucher der Nachrichtenseite Mashregh News.
„Somalia hat also seine Beziehungen zu uns abgebrochen? Ich glaube, dass der Iran in der Vergangenheit größere Tragödien überstanden hat“, meint der BBC Farsi User Arman hämisch. Dem schließt sich Ali an: „Ich wusste gar nicht, dass Somalia noch als Staat existiert und von den Komoren habe ich in dieser Woche zum ersten Mal in meinem Leben etwas gehört. Ich denke, dass wir es verschmerzen können, mit solchen Ländern keine Beziehungen zu pflegen.“

User, die sich besorgt über die abnehmenden diplomatischen Beziehungen des Iran zeigen, sind in der Minderheit. Zu diesen gehört Fariba. Auf der Facebookseite von BBC Farsi schreibt sie: „Jedes Land ist es wert, dass man den Kontakt zu ihm pflegt. Die Arroganz einiger IranerInnen im Web ist unerträglich. Immer plustern wir uns auf, wenn wir mit anderen Ländern einen Konflikt haben, sind aber am Ende oft selbst die Leidtragenden.“ Die IranerInnen sollten mehr Sinn für Realität beweisen, empfiehlt auch Jameel auf der Nachrichtenseite Jam News: Es seien nicht die Saudis, die auf das Wohlwollen des Iran angewiesen seien, sondern umgekehrt: „Wir sollten nicht vergessen, das die Kaaba, das Haus Gottes, in Saudi-Arabien liegt.“

JASHAR ERFANIAN