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Säureattacken sorgen für Empörung

In den vergangenen drei Wochen wurde iranischen Medien zufolge in der Stadt Isfahan 14 jungen Frauen Säure ins Gesicht geschüttet. In Isfahan und Teheran demonstrieren Tausende gegen den Terror. Die Proteste zeigen Wirkung: Präsident und Polizeichef des Landes melden sich zu Wort. mehr »

Neda G., 27 Jahre alt, liegt mit schweren Gesichtsverätzungen in einem IsfahanerKrankenhaus. Den oder die Täter, die ihr diese zugefügt haben, hat sie nicht gesehen. Ihr Vater berichtete der Nachrichtenagentur ISNA, seine Tochter, unterwegs in der Stadt mit dem Auto, habe kurz angehalten, um mit ihrem Handy zu telefonieren: „Da wurde sie durch das offene Fenster mit Säure attackiert.“

Laut Polizei wurden in den vergangenen drei Wochen sieben weitere Frauen von unbekannten Tätern mit Säure angegriffen und am Kopf und an den Schultern verletzt. Die Art der Säure ist nicht bekannt, sie verätzt aber die Haut in Sekunden.

Auf persischsprachigen Webseiten und in sozialen Netzwerken ist sogar von 14 bis 15 Opfern die Rede: Alle seien junge Frauen, die in der Stadt Isfahan von Unbekannten mit Säure angegriffen wurden. Ihre Gesichter sind in manchen Fällen bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Sowohl Neda als auch ihre Familie schließen persönliche Motive für den Angriff aus. Das gilt ebenso für die weiteren Opfer dieser Verbrechensserie. Oppositionelle und MenschenrechtlerInnen vermuten, dass die Attacken von religiösen Fanatikern ausgeübt worden seien: Tatmotiv sei das Nichteinhalten der islamischen Kleidervorschriften durch die Opfer. Diese Vermutung liege nahe, so eine Frauenaktivistin aus Isfahan gegenüber TFI: „Laut Augenzeugen waren fast alle Opfer junge Frauen, die nicht streng konservativ bekleidet waren.“

„Amre be marouf va nahi az monkar“ – auf Deutsch die „Förderung der Tugend und Verhinderung der Laster“ – ist ein religiöses Gebot für Muslime. Es verpflichtet sie, ihre Mitmenschen auf die Einhaltung religiöser Vorschriften in der Öffentlichkeit hinzuweisen. Manche Fanatiker sind der Meinung, dass man dabei auch Gewalt anwenden könne, um durch Angst und Schrecken Verstöße zu verhindern.

Die Nachrichtenagentur ISNA hat zwei der Opfer und ihre Familien interviewt. Maryam D. fiel der Terrorattacke zum Opfer, als sie zur Vorbereitung der Geburtstagsfeier ihres Sohnes zum Einkaufen fuhr. Fast zwei Liter Säure hätten ihr die unbekannten Täter ins Gesicht und auf den Körper geschüttet: „Wie kann ein Mensch einem anderen so etwas antun? Kann man ihn noch Mensch nennen?“, fragt die junge Frau.

Die 25-jährige Sara G. wurde in Isfahan bei einer Säureattacke lebensgefährlich verletzt und verlor eine Gesichtshälfte. Nach Angaben ihres Ehemanns fuhr sie von einem Arztbesuch nach Hause, als sie von Unbekannten attackiert wurde. Gesehen hat sie sie selbst nicht, doch Augenzeugen berichten, dass der Täter mit einem Motorrad geflüchtet sei.

Demonstrationen in Isfahan und Teheran

Die Gesichter der Gesichter sind in manchen Fällen bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Die Gesichter der Gesichter sind in manchen Fällen bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Am vergangenen Mittwoch versammelten sich Tausende Menschen in Isfahan und Teheran, um gegen die Terrorwelle zu demonstrieren. Der Protest vor dem Parlament in Teheran mündete in Gewalt. Polizeikräfte griffen männliche Demonstranten mit Schlagstöcken an. Der bekannte Dissident Mohammad Nourizad und andere Protestler sollen verhaftet worden sein.

An den vorangegangenen Tagen hatte es auch in Isfahan mehrfach kleinere Protestaktionen gegeben. Die Demonstranten verlangten von den Verantwortlichen, gegen die Angriffe Stellung zu beziehen. Das zeigte Wirkung: Präsident Hassan Rouhani verurteilte am Mittwoch die Attacken. Er mahnte seine Landsleute, religiöse Pflichten sollten nicht zur Spaltung der Gesellschaft führen.

Die Polizei verweigerte bis Mittwoch eine offizielle Stellungnahme. Doch dann meldete sich auch Irans Polizeichef zu Wort: Die Taten seien abscheulicher als Mord, die Polizei werde alles daran setzen, den Täter zu finden, so General Ahmadi Moghadamm. Er gehe davon aus, dass die Terrorserie von einem Einzeltäter ausgeübt worden sei. Dennoch ermittele die Polizei in allen Richtungen.

In der persischsprachigen Internetgemeinde sorgen die Säureattacken seit über zwei Wochen für Empörung. Weltweit organisieren IranerInnen Aktionen gegen die Angriffe. Zahlreiche KünstlerInnen haben sich mit den Opfern solidarisiert und verlangen von den Behörden Aufklärung. „Seit 2009, nach den Protesten gegen die gefälschten Präsidentenwahlen, hat es keine solche Einigkeit unter den IranerInnen in der ganzen Welt gegeben wie jetzt bei der Verurteilung dieser feigen Attacken“, sagt die Frauenaktivistin aus Isfahan.

Vergeltung als Strafe

Die Art der Säure ist nicht bekannt, sie verätzt aber die Haut in Sekunden

Die Art der Säure ist nicht bekannt, sie verätzt aber die Haut in Sekunden

Angriffe mit Säure sind im Iran nichts Neues. In den Fünfzigerjahren hatten solche Attacken in Teheran derart zugenommen, dass die Tat 1958 ins Strafgesetzbuch aufgenommen wurde. Wer mit Säure einem anderen Menschen Verletzungen zufügte, wurde je nach der Schwere der Verletzung mit zwei bis fünf Jahren Haft und in besonders schlimmen Fällen sogar zu lebenslangem Freiheitsentzug verurteilt. Starb das Opfer an den Folgen der Verätzungen, wurde der Täter zum Tode verurteilt.

Im islamischen Strafgesetzbuch, das 1991 das alte ersetzte, sind Attacken mit Säure als Straftat jedoch nicht mehr gesondert erwähnt. Die Täter werden nach den allgemeinen Gesetzen für Körperverletzungen bestraft. Sollten dabei Körperorgane funktionsunfähig werden, gilt das islamische „Ghessas“ (Vergeltungsgesetz) nach dem Motto Auge um Auge. Darin gesteht das Gesetz dem Opfer zu, dem Täter das gleiche Organ zu verstümmeln. MenschenrechtlerInnen halten das Ghessas-Gesetz für unmenschlich und kämpfen seit Jahrzehnten vergeblich dagegen.

„Auge um Auge“ heißt auch das Buch der Iranerin Amene Bahrami, die 2004 Opfer einer Säureattacke wurde. Ein Mann hatte ihr Säure ins Gesicht geschüttet, weil sie seinen Heiratsantrag abgelehnt hatte. Bahrami wurde blind, ihr Gesicht entstellt. Sie überlebte, musste jedoch mehrmals operiert werden. 2009 sprach ihr die iranische Justiz das Recht zu, dem Täter die Augen mit Säure zu verätzen. Ihr jüngster Bruder sollte das Urteil in einem Teheraner Krankenhaus vollstrecken. Doch Amene Bahrami verzichtete auf die Vergeltung.

  MINA TEHRANI

Übersetzt aus dem Persischen und überarbeirtet von Said Shabahang