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Zum 40. Jahrestag der iranischen Revolution -War die Revolution ein Fehler?

Mehran Barati und Esfandiar Tabari kämpften für das Zustandekommen der iranischen Revolution vor 40 Jahren, Barati vom Ausland aus und Tabari innerhalb des Landes. Farhad Payar sprach mit ihnen über Sinn und Unsinn der Revolution und ihre Meinung zu den aktuellen Entwicklungen im Iran und und möglichen Alternativen zur Islamischen Republik. mehr »

 Farhad Payar (F. P.): Die Parteien und Organisationen, die maßgeblich an der Revolution beteiligt waren, sind sich über die Ziele der Revolution nicht einig. Manche sagen, man habe soziale Gerechtigkeit schaffen wollen, für andere war die Schaffung einer parlamentarischen Demokratie das Ziel, andere wiederum behaupten, die Modernisierungsmaßnahmen des Schah-Regimes hätten für den Aufstand gesorgt und es habe gar keine klare Vorstellung von der Zukunft gegeben. Was ist Ihre Meinung?

Esfanidar Tabari (E. T.): Von den oppositionellen Gruppierungen, ob Sozialisten oder National-Liberale, hatte keine ein Konzept für die politische Zukunft des Landes oder klare Vorstellungen von der zukünftigen Regierungsform des Iran. Die Linken verlangten nach sozialer Gerechtigkeit und die national-religiösen Liberalen sehnten sich nach Freiheit, wobei die Freiheit nicht genau definiert war und eher an Redefreiheit oder Meinungsfreiheit gedacht wurde. Und dieses Vakuum wurde von den Islamisten unter der Führung von Ayatollah Khomeini genutzt, um ein islamisches System zu etablieren. Dabei wurden sie auch von anderen Gruppierungen und den meisten Intellektuellen unterstützt.

F P.: Warum haben diese Khomeini unterstützt?

E. T.: Weil für sie die Demokratie kein Thema war. Deshalb gaben sie sich mit Khomeinis Aussage „Ich bin auch ein Demokrat“ zufrieden. Demokratie als politischer Diskurs oder die genauere Definition eines demokratischen Systems war für sie nicht von Belang.

F. P.: Also war die Revolution ein wilder Aufstand …

Esfandiar Tabari

Esfandiar Tabari

E. T.: Die Revolution war anfangs ein Marsch der unzufriedenen Massen und kristallisierte sich bald als eine Protestbewegung gegen den Machtapparat heraus. Sie wollten das Schah-Regime zerschlagen, das war ein Konsens der unterschiedlichen Menschen und Gruppierungen. Man muss allerdings sagen, dass die Oppositionellen durch das diktatorische Schah-Regime gar keine Möglichkeit hatten, sich zu organisieren oder gar zu Wort zu melden. In den letzten Jahren vor der Revolution waren nur die religiösen Kräfte frei, sich zu bilden und gegenüber dem Regime kritisch zu äußern, die Linke und Demokraten nicht.

F. P.: Warum diese Entwicklung?

E. T.: Das Schah-Regime sah vonseiten der Religiösen keine Gefahr. Es schien als würde es die Religiösen als Waffe gegen die Kommunisten einsetzen, die von der Sowjetunion unterstützt wurden.

F. P.: Stimmen Sie dem zu, Herr Barati?

Mehran Barati (M. B.): Ja. Allerdings muss man sagen, dass im Iran im eigentlichen Sinne des Wortes keine politischen Parteien existierten, außer in Ansätzen die (moskautreue) Tudeh-Partei. Die Oppositionellen hatten entweder sogenannte Fronten gebildet – wie die Nationale Front – oder sie waren Mitglieder oder Sympathisanten der Guerilla-Gruppen. Sie hatten gar kein Programm, keine Vorstellung von einem politischen Wandel. Es gab nur die Vorstellung: Wenn das Schah-Regime weg ist, dann kommt alles andere automatisch zustande. Es gab nur einzelne Intellektuelle wie etwa Mostafa Rahimi, die eine kritische Meinung zur religiös dominierten Revolution hatten.

Khomeini hatte seine Vorstellung von Velayat Faqhih, also einem islamischen System unter der Führung von Rechtsgelehrten, 1969 in seinem irakischen Exil aufgeschrieben. Wir hatten ja in den 1970ern seine Schriften gelesen und wussten, was er beabsichtigt. Deswegen ist die Aussage, wir seien Khomeini auf den Leim gegangen, weil er uns Freiheiten versprochen hat, nicht richtig. Es wird auch behauptet, die Revolution sei eine islamische gewesen. Damit will man die anderen Beteiligten an der Revolution aus der Verantwortung nehmen. Es war nicht so. Sie waren auch daran beteiligt und sie haben akzeptiert, dass die Revolution islamisch wurde.

F. P.: Warum haben sie es akzeptiert?

Mehran Barati:„Regime-Change“ im Iran ist für die USA kein Thema mehr, die Frage der Menschenrechte kein Druckmittel!

Mehran Barati

M. B.: Vielleicht hängt das mit der Bevölkerungsstruktur zusammen. Man kann sagen, die Mehrheit der Bevölkerung war religiös. Wenn man sich gegen Ayatollah Khomeini gestellt hätte, hätte man dann die Massen gegen sich gehabt. Jedenfalls haben die Oppositionellen, aber auch die 50.000 oder 100.000 Intellektuellen des Landes ihre Vorstellungen von der politischen Zukunft nicht formuliert, sie haben geschwiegen. Und nicht nur das. Khomeini bekam sogar von den meisten von ihnen Hilfe, zum Beispiel von der angeblich säkularen Nationalen Front.

F. P.: Warum angeblich?

M. B.: Weil sie gar nicht echt säkular war. In ihrer Satzung wurde als Bedingung zur Mitgliedschaft die Zugehörigkeit zum Schiismus angegeben. Und als es deshalb Proteste gab, wurde die Organisation auch für Angehörige des Zoroastrismus geöffnet. Das ist nicht säkular. Die Nationale Front duldete es sogar, dass die Islamisten die Bilder ihres Nationalhelden Mohammad Mosaddegh bei den Demonstrationen verbannen wollten. Selbst die (kommunistische) Tudeh-Partei hatte sich aus politischem Kalkül dem Islam verschrieben.

E. T.: Es gab Übereinstimmungen, zum Beispiel in Bezug auf die Gerechtigkeit. Viele, besonders die Linken, haben im Islam ein Potenzial zur Schaffung der Gerechtigkeit gesehen. Der Rest war für sie zweitrangig, etwa der Schleierzwang für Frauen. Als Khomeini die Schleierpflicht einführte, gab es wochenlang Demonstrationen der städtischen Frauen dagegen. Doch keine politische Organisation oder Partei hat sie unterstützt.

F. P.: Und Sie selbst?

E. T.: Auch ich war, beeinflusst von der damaligen politischen Kultur, nicht damit einverstanden. Wir dachten, wir haben gerade eine Revolution hinter uns und sollten Geduld haben, damit die Dinge sich richtig entwickeln. Fast alle, auch die Linken und Intellektuellen, haben die Veränderungen Richtung Islamisierung hingenommen, weil sie dachten, es würde nicht so schlimm werden. Und so wurden die Proteste der Frauen sehr schnell niedergeschlagen.

F. P.: Es gab also keine kritischen Stimmen?
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