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„Alles dreht sich um sexuelle Identität“

Die Begründung der Verfolgung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern (LGBT) im Iran entnehmen die Machthaber der Religion. Tradition und Kultur des Landes unterstützen die Unterdrückung. Doch die iranische LGBT-Community wird von Exil-AktivistInnen unterstützt. Welche Form hat diese Unterstützung? Ein Gespräch mit der LGBT-Aktivistin Nazli Kamvari. mehr »

Iran Journal: Wie groß ist die Rolle iranischer AktivisInnen und ExpertInnen im Ausland im Bezug auf sexuelle Aufklärung im Iran?

Nazli Kamvari: Eine solide qualitative und quantitative Einschätzung lässt sich wissenschaftlich kaum treffen. Es finden Interaktionen auf unterschiedlichsten Ebenen und verschiedenste Art und Weise statt, die nirgendwo dokumentiert werden. Es gibt aber Indikatoren wie etwa Abrufzahlen von Beiträgen im Internet. Die LGBT-Gemeinschaft ist im Internet besonders aktiv. Hier findet ein großer Austausch mit der Diaspora statt. Es werden auch Fragebögen über das Internet an LGBT verschickt. Das sind jedoch keine verlässlichen Zahlen, auf deren Grundlage man aussagen machen kann.

Worüber wird im Web diskutiert?

Alles dreht sich um die sexuelle Identität. Sogar die einfache Frage: Wie soll ich mich nennen? Viele iranische LGBT kennen ihre sexuellen Neigungen durch pornografisches Material. Im Iran selbst gibt es keinen Diskurs über solche Themen. Nur durch die Interaktion mit den Exilierten haben die Betroffenen gelernt, über sich selbst zu reden, über ihre sexuelle Identität und ihre sexuellen Neigungen nachzudenken. Die im Exil Lebenden lernen die Sexualität in den aufgeklärten Gesellschaften kennen und geben ihr Wissen an die iranische Gesellschaft weiter.

Sind also die LGBT-AktivistInnen das Flaggschiff der Aufklärung?

Nazli Kamvari: Die Exil-AktivstInnen konzentriern sich auf den harten Kern der Machtstruktur und auf die islamischen Gesetze!

Nazli Kamvari: Die Exil-AktivstInnen konzentriern sich auf den harten Kern der Machtstruktur und auf die islamischen Gesetze!

Allerdings. Eine Frau hat mir erzählt, dass sie im Internet auf Persisch Informationen über Lesben finden wollte. Sie sei nur auf Pornografie gestoßen: Blondinnen, die sich küssten und Zärtlichkeit austauschten. Die Exil-AktivistInnen beschäftigen sich mit sexueller Identität. Beispielsweise hat das Magazin Homo in Schweden in den Achtzigerjahren über sexuelle Neigungen geschrieben. Daraufhin hat das iranische Magazin Cheragh in Kanada das Thema aufgegriffen und es in den Iran transferiert. Solche Aktionen haben eine enorme Auswirkung.

Welche Auswirkungen haben die Aktivitäten der Diaspora auf das Regime im Iran?

Die Diaspora kann keinen direkten Einfluss auf das Regime ausüben. Sie hat sich jedoch als Quelle für  Informationen, Aufklärung und Wissen etabliert. So beeinflusste sie etwa die offizielle Ausdrucksweise in Bezug auf Sexualität. Eine Kampagne, die im Ausland ins Leben gerufen wurde und fast zehn Jahre dauerte, konnte einen abwertenden Begriff für Homosexualität in eine korrekte Bezeichnung verändern. Im iranischen Gesetzbuch steht heute der richtige Ausdruck.

Welche Ziele verfolgen die Exil-AktivstInnen?

Man konzentriert sich auf den harten Kern der Machtstruktur und auf die islamischen Gesetze. Wenn Schwule oder Transgender verhaftet werden und die Betroffenen – wie es in einzelnen Fällen passiert – wegen eines sexuellen Aktes zwischen Männern zum Tode verurteilt werden, konzentrieren sich die AktivistInnen auf den Justizapparat. Im Fadenkreuz stehen dabei immer gesellschaftliche Traditionen. Die iranische Kultur legitimiert Homophobie und die homofeindlichen Gesetze.

Welche Rolle spielen dabei die iranischen Medien im Ausland?

Sie transportieren Informationen. Der Inhalt wird vor allem von der LGBT-Gemeinschaft produziert.

Welche Aufgabenteilung und Kooperationen gibt unter den Exilierten?

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