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Die Windmühlen der Mullahs

Mit einer Mischung aus Angst, Spannung und Ungewissheit warten die IranerInnen auf den 4. November 2018. Dann will US-Präsident Donald Trump seine angekündigten „beispiellosen Sanktionen“ gegen den Iran genauer definieren. Gleichzeitig nehmen die Spannungen zwischen der Islamischen Republik und Saudi-Arabien immer gefährlichere Wendungen. Viele Experten warnen das iranische Regime vor katastrophalen Folgen. Einen sollte man besonders ernst nehmen. mehr »

Von Ali Sadrzadeh

„In stürmischen Zeiten bauen manche Menschen Schutzwälle und manche Windmühlen.“ Dieser Satz steht am Ende eines kurzen Beitrags über künstliche Intelligenz, der im Messengerdienst Telegram erschien. Darin beschreibt der Autor in wenigen Sätzen den Wettbewerb zwischen China und den USA und wie die beiden Supermächte die Welt von morgen beherrschen wollen. Der kurze Beitrag endet beinahe unvermittelt mit jener süffisanten und geistreichen Pointe. 

Der Präsidentenberater als Seismograph

Doch dieser Schlusspunkt ist in Wahrheit ein echter Knaller. Denn der Autor des kurzen Textes ist kein Geringerer als Mahmud Sariolghalam, Berater des iranischen Präsidenten Hassan Rouhani. Der 60-jährige in den USA ausgebildete Professor lehrt an der Teheraner Imam-Sadegh-Universität, der Kaderschmiede der Islamischen Republik. Hier werden seit vierzig Jahren hohe Funktionäre des Staates ausgebildet, fast alle Diplomaten des Gottesstaates sind Absolventen dieser Uni.

Professor Sariolghalam genießt eine Art Narrenfreiheit, er schert sich nicht um Verbote und ist in den sozialen Netzwerken sehr aktiv, hat eine klare und unverblümte Sprache und erlaubt sich, auch Tabuthemen anzusprechen. Zugleich ist er eine Art Seismograph dessen, was in den höheren Rängen iranischer Machtzirkel gedacht, gespürt und gefürchtet wird.

Galgen, Exil oder Gefängnis?

Mahmud Sariolghalam darf sogar Krawatte tragen, ohne dafür belangt zu werden

Mahmud Sariolghalam darf sogar Krawatte tragen, ohne dafür belangt zu werden

Wegen der Klarheit seiner Sprache gilt Sariolghalam manchen Radikalen als „fünfte Kolonne“ des Feindes. Eine Webseite erinnerte ihn kürzlich an die Schicksale der bisherigen Präsidentenberater der islamischen Republik: Der erste habe am Galgen geendet, der zweite befände sich im Londoner Exil, der dritte sei nach einem Attentat an den Rollstuhl gefesselt, der vierte friste sein Dasein in einer Gefängniszelle.

Was aus dem derzeitigen Präsidentenberater wird, weiß man noch nicht, doch der „Seismograph“ fühlt sich offenbar sicher und meldet sich regelmäßig. Und seine Anspielung auf Stürme und Windmühlen ist treffend – besser könnte man die iranischen Verhältnisse dieser Tage nicht beschreiben. In der Welt da draußen beschäftige man sich mit den wahren Herausforderungen unserer Zeit, während wir hierzulande gegen Windmühlen kämpften: Diese bittere Wahrheit wollte der Präsidentenberater mit seiner Schlusspointe nicht nur den Mächtigen im Land selbst, sondern über den Messengerdienst auch dem Weltpublikum mitteilen. Ob ihm jemand zuhört?

Trump plant Großes gegen den Iran

Heftige Stürme wehen in der Tat aus unterschiedlichen Richtungen, und am Ruder sitzt ein zerstrittener Machtzirkel, der ratlos scheint, widersprüchlich handelt und den Eindruck eines baldigen und unvermeidlichen Untergangs vermittelt. Die Islamische Republik muss in ihrem vierzigsten Jahr ernsthaft um ihre Existenz bangen.

An dem Tag, als der Präsidentenberater seine Notiz in die virtuelle Welt setzte, befand sich sein Chef Hassan Rouhani in der realen Welt von New York, um dort vor der UN-Vollversammlung zu sprechen. Wenige Stunden vor ihm hatte US-Präsident Donald Trump dort seinen Auftritt gehabt. Wie zu erwarten war der Iran Trumps Hauptthema, mit drastischen Worten beschrieb er, wie er künftig mit dem Land umgehen wolle. Trump nahm dabei kein Blatt vor den Mund, weder sprachlich noch inhaltlich. Ein korruptes und mafiöses Regime verbreite Terror über die ganze Welt, und ausgerechnet dieses Regime wolle sich Nuklearwaffen beschaffen. Um das nicht zuzulassen, sei er aus dem Atomabkommen ausgetreten. Trump trug eine lange Liste anderer Anschuldigungen gegen die Mächtigen in Teheran vor und kündigte an, der Iran werde mit Sanktionen rechnen müssen, die in der Geschichte beispiellos seien.

Kaum hatte der US-Präsident das Rednerpult verlassen, erreichte der Preis für einen US-Dollar auf dem Teheraner Basar eine neue Rekordhöhe: Für einen Dollar musste man 20.000 Tuman zahlen. Bei Rouhanis Amtsantritt im August 2013 waren es noch 3.000 Tuman.

Terroranschlag im Zentrum der Ölindustrie
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