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Deutsch-iranische BeziehungenWie die Deutschen in den Iran kamen

Das deutsche Kaiserreich habe im Ersten Weltkrieg versucht, Muslime zum Heiligen Krieg gegen Russland, Frankreich und Großbritannien aufzuhetzen. So lautet ein gängiges Klischee, das auch die dauerhafte Beziehung der Deutschen zum Iran erklären soll. Das mag in einigen arabischen Ländern so gewesen sein. In den Iran kamen die Deutschen aber mit anderen Ideen. Ein Blick in die hundertjährige Geschichte der deutsch-iranischen Beziehungen. mehr »

Wo diese Art der Geschichtsschreibung herrührt, ist ein anderes Thema, über das sich ein dickes Buch schreiben ließe. Man mag sich die Geschichte so vereinfachen können. Doch im Falle des Iran entspricht das keineswegs der Realität. Durch die Brille eines iranischen Historikers betrachtet sieht man eine vollkommen andere Geschichte. Die Deutschen haben darin auf der iranischen Bühne eine andere, eine neue Rolle gespielt.

Als Waßmuß im Iran eintrifft, sind britische Truppen bereits in das neutrale Land einmarschiert. Großbritannien und Russland sind dabei, den Iran von der Weltkarte zu tilgen und ihn in ihre Weltimperien einzugliedern. Doch überall im Land gibt es Gegenwehr. Vor allem im Süden, wo Waßmuß seinen diplomatischen Dienst verrichtet, stoßen die britischen Besatzungstruppen auf unerwarteten Widerstand.

Dabei sind allerdings weder Islamisten am Werk noch will man ein Kalifat errichten. Der Iran hat gerade eine konstitutionelle Revolution hinter sich, die nicht nur die Macht des Monarchen, sondern auch die der Geistlichen eingeschränkt hat. Im Süden des Iran waren vor allem die Stammesführer der Qaschqai Träger dieser Revolution gewesen, sie kämpfen nun gegen die britischen Besatzer. Ihnen schließt sich Wilhelm Waßmuß an. Des arabischen Kalifats hatte sich der Iran da bereits vor mehr als 500 Jahren entledigt.

Eine antikoloniale Erhebung

Was Waßmuß im Iran vorfand und woran er sich aktiv und mit eigenen Ideen beteiligte, war eine antikoloniale Erhebung, die sich einer imperialen Macht entgegenstellte. Natürlich war Wilhelm Waßmuß auch der Gesandte eines europäischen Kaiserreichs, natürlich vertrat er ohne Wenn und Aber deutsche Interessen. Doch sahen seine iranischen Mitkämpfer in ihm keinen Agenten eines Weltimperiums. Das waren für sie vor allem die Briten und die Russen. In den iranischen Städten und Dörfern marodierten keine deutschen Besatzungstruppen, dafür aber britische und russische, die das Land bereits unter sich aufgeteilt hatten.

Während des ersten Weltkrieges wurde der Süden des Iran von den Briten besetzt und der Norden von den Russen!

Während des ersten Weltkrieges wurde der Süden des Iran von den Briten besetzt und der Norden von den Russen!

 

Waßmuß eignet sich also nicht dafür, die damalige iranische Erhebung gegen die britische Kolonialmacht zu einer islamistischen Rebellion für die Errichtung eines Kalifats zu erklären.

Und auch für den Versuch „völkisch“ denkender deutscher Autoren, ihn für ihr Geschichtsbild zu instrumentalisieren, taugt er nicht. Am 23. Dezember 1918 schrieb Waßmuß in sein Tagebuch:

Ich hatte gestern Abend so meine Gedanken, was das Ergebnis des Krieges sein wird. Tötung des Nationalitäten-Hasses, hoffe ich.“

Katz- und Mausspiel mit den Briten

Vier Jahre lang war Waßmuß im Süden des Iran aktiv. Über die Beweglichkeit, die Tapferkeit und die Tricks des Deutschen gibt es im Iran unzählige Geschichten und Gerüchte, die auch heute noch erzählt werden. Was davon Wahrheit, was Dichtung ist, lässt sich kaum noch auseinanderhalten. Der Aufstand gegen die Briten im Südiran scheitert jedenfalls, Waßmuß gerät in britische Gefangenschaft. Die Unruhen dauern an. Den Briten gelingt es nicht, ihre indische Kolonie über den Süden den Iran mit Arabien zu verbinden, wo ihr Lawrence am Werk war.

So gesehen war der junge Deutsche also immerhin erfolgreich, obwohl Deutschland den Ersten Weltkrieg in Europa verlor.

Jahre später kommt Waßmuß aus britischer Gefangenschaft frei. In den Folgejahren kämpft er vergeblich mit deutschen Behörden um die Freigabe von Geldern, die er den persischen Soldaten für die Teilnahme am Widerstand gegen die Briten versprochen hat. 1924 kehrt er nach Buschehr zurück, kauft dort ein Stück Land und gründet eine Farm – aus deren Erlös er jenen Sold bezahlen will, den er den Rekrutierten versprochen hatte. Doch auch das scheitert, Waßmuß kehrt im April 1931 als gebrochener Mann nach Berlin zurück und stirbt ein halbes Jahr darauf.

Patriotische Stimmung

Waßmuß und alle anderen deutschen Intellektuellen, die sich vor 100 Jahren mit dem Iran beschäftigten oder sich dort hinbegaben, hatten alles andere im Sinn, als dort ein Kalifat zu errichten. Damals begann Deutschland, seine Präsenz in Persien zu entfalten – und zwar vollkommen anders als alle anderen europäischen Mächte: subtil, nachhaltig und wahrscheinlich genau deshalb so dauerhaft.

Deutschland war im Iran keine Kolonialmacht: Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist dieser kulturell und wirtschaftlich von Deutschland stärker geprägt als von jeder anderen ausländischen Macht. Um zu verstehen, warum Deutschland im Iran erfolgreicher war als alle seine europäischen Konkurrenten, ist es nötig, sich zu vergegenwärtigen, in welchem Zustand sich der Iran vor hundert Jahren befand.

Ein Land zerfällt
Fortsetzung auf Seite 3


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