Der Ayatollah im Ehebett

Das iranische Parlament hat ein Gesetz verabschiedet, das die Bevölkerungszahl des Landes steigern soll. Kleriker unterstützten das. Staatsoberhaupt Ayatollah Ali Khamenei wünscht sich fast doppelt so viele IranerInnen wie bisher. Dafür, dass er einst ganz andere Ziele vertrat, bittet er heute Gott um Vergebung.
Am 24. Juni verabschiedete das iranische Parlament ein Gesetz, das Schwangerschaftsabbruch, Sterilisation und jegliche Art von chirugischen Eingriffen an Männern und Frauen, die Unfruchtbarkeit oder Zeugungsunfähigkeit zur Folge haben, zu kriminellen Akten erklärt und mit Haftstrafen belegt. 106 Abgeordnete stimmten dafür, es gab aber auch 72 Gegenstimmen. Bereits vor der Einführung des Gesetzes war mit großformatigen Plakaten in der Öffentlichkeit für mehr Bevölkerungswachstum geworben worden.
Nach dem neuen Gesetz werden Eingriffe wie die Sterilisation bei Männern oder die Entfernung der Eileiter bei Frauen mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft. Jegliche Art von Verhütung oder Werbung für Geburtenkontrolle wird ebenfalls als illegal eingestuft und mit zwei bis fünf Jahren Haft bestraft. Das Gesetz verbietet außerdem, Unverheiratete über Schwangerschaftsverhütung aufzuklären. Das Ministerium für Kultur und Islamische Führung wird verpflichtet, Werbung für Geburtenkontrolle zu erkennen, zu ahnden und der Justiz zu melden.
Kritiker bemängeln, dass viele Einzelheiten des Gesetzes unklar seien – etwa, ob die eingeführten Strafen für ÄrztInnen oder für PatientInnen gelten sollen.
150 Millionen IranerInnen?

Werbung für mehr Kinder : GegnerInnen und BefürwörterInnen der Geburtenkontrolle: "30 Jahre später!"
Werbung für mehr Kinder : GegnerInnen und BefürwörterInnen der Geburtenkontrolle: „30 Jahre später!“

Das religiöse Oberhaupt des Iran Ayatollah Ali Khamenei plädierte bereits vor zwei Jahren für mehr Bevölkerungswachstum. Seiner Meinung nach soll die Population des Landes von derzeit etwa 78 Millionen auf 150 Millionen Menschen steigen. Er fordert von den Verantwortlichen Maßnahmen, die zu mehr Eheschließungen führen sollen.
Das neue Gesetz sei auf Khameneis Wunsch zustande gekommen, meinen deshalb Kritiker. Daher werde es auch von den Geistlichen unterstützt. Laut der Nachrichtenagentur IRNA soll der Ayatollah Naser Makarem Shirazi dem iranischen Gesundheitsminister persönlich erklärt haben: „Die Geburtenkontrolle ist eine Falle, die dem Land gestellt wurde.“ Er habe den Minister und andere Verantwortliche aufgefordert, jegliche Art von Verhütung als kriminell einzustufen und zu ahnden.
Ayatollah Makarem Shirazi, selbst Vater von sieben Kindern, vertritt die Meinung, iranische Familien sollten mindestens drei Kinder haben: „Vier wären noch besser.“ Der Geistliche ist überzeugt, dass die Population der „Dritten Welt“ einen Rückgang erleben werde – und dies sei die Folge einer Verschwörung Israels und der USA.
Auch Makarem Shirazis Kollegen im ganzen Land geben der neuen Bevölkerungswachstumspolitik Rückendeckung. Bei Freitagsgebeten stand in den vergangenen Wochen das Ehebett im Mittelpunkt des Interesses vieler Prediger. Der 82-jährige Ayatollah Jafar Sobhani aus Ghom bezeichnete die Geburtenkontrolle als „einen Akt, der im Ausland geplant wurde, um Bevölkerungsrückgang zu erzielen“. Er betonte, wenn die Bevölkerung weiterhin schrumpfe, werde die islamische Ordnung in Gefahr geraten. Der Ayatollah empfahl sogar die Art der Geburt: Frauen sollten ihre Kinder „auf natürliche Art und Weise“ zur Welt bringen, „wenn das keine Gefahr für Leib und Leben von Mutter und Kind bedeutet.“
Mehr Kinder für den Krieg
Eine Karikatur von Toka Neyestani, die von den Regierenden und VerteiderInenn der Frauenrechte - als Frauenfeindlich - kritisiert wird!
Umsgrittene Karikatur von Toka Neyestani: Sie wird von den Regierenden und VerteiderInenn der Frauenrechte – als Frauenfeindlich – kritisiert

Schon der Gründer der Islamischen Republik, Ayatollah Ruhollah Khomeini, hatte kurz nach dem Sieg der Revolution (1979) für die Abschaffung der Geburtenkontrolle plädiert. Vor allem während des Iran-Irak-Krieges von 1980 bis 1988 wollte er mehr Kinder geboren sehen – um den menschlichen Nachschub für die Front zu sichern.
Nach Ende des Krieges, in den Neunziger Jahren, war der Iran wirtschaftlich ruiniert. Der damalige Staatspräsident Ali Akbar Rafsanjani setzte sich deshalb für Geburtenkontrolle und den Rückgang des Bevölkerungswachstums ein. Plakate und großflächige Wandmalereien sollten die Bevölkerung davon überzeugen, dass weniger Kinder mehr Glück für die Familie bedeuteten. Im Jahre 1993 wurde dann sogar ein Gesetz verabschiedet, das vorschrieb, Familien mit mehr als drei Kindern staatliche Unterstützungen wie die Familienversicherung oder den Mutterschaftsurlaub zu streichen. Das heutige Staatsoberhaupt Khamenei unterstützte damals diese Politik. Heute bezeichnet der Ayatollah das als „Fehlentscheidung“, für die er Gott um Vergebung bitte.
  NASRIN BASSIRI