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Deutsch-iranische BeziehungenDie 68er-Bewegung und die Iraner in Deutschland

„Die wilden Jahre“ der 1960er wurden von in Deutschland studierenden Iranern beeinflusst - und deutsche Theoretiker wiederum haben die Entwicklungen im Iran der 1970er Jahre mitgeprägt. Eine Analyse von Mehran Barati. mehr »

Rudi Dutschke starb am 24. Dezember 1979 an den Folgen seiner Verletzung. Sein Tod war der Beginn einer depressiven Phase der Studentenbewegung. Viele blickten enttäuscht auf den tiefen Graben, der sich zwischen ihnen und der politischen Herrschaft des Landes aufgetan hatte, und kehrten der Politik den Rücken. Der Zerfall der Studentenbewegung hatte in Deutschland schon Anfang der siebziger Jahre begonnen. Aus ihrem politisch-ideologischen Kern entstanden jedoch zwei Strömungen, die das politische Leben in Deutschland lange prägten: Die Einen gingen den gewaltsamen Weg gegen den Staat, wurden zur „Rote Armee Fraktion“ und versetzten Deutschland in Angst und Entsetzen. Die Anderen gingen den politischen Weg des „Marsches durch die Institutionen“.

Aus den Reihen der außerparlamentarischen Opposition entstanden auch radikale marxistisch-leninistische Gruppen, die jedoch politisch unbedeutend blieben. Andere suchten den politischen Weg der Auseinandersetzung mit dem herrschenden System. Am erfolgreichsten waren dabei die Grünen, die auf dem Weg des parlamentarischen Kampfes sogar in Regierungsfunktionen kamen. Die Entwicklung unter den Iranern in Deutschland nahm einen ähnlichen Verlauf.

Hohes Ansehen

Die CISNU genoss in der politischen Öffentlichkeit Deutschlands ein relativ hohes Ansehen. Ihre englisch- und deutschsprachige Publikation „Iran Report“ ging an alle politischen Parteien, Gruppen und Institutionen. Viele SPD- und FDP-Abgeordnete unterstützten ihre Forderungen nach Freilassung der politischen Gefangenen, Folterverbot und gesellschaftlichen Freiheiten im Iran. Die Unterstützung ging sogar soweit, dass zum CISNU-Jahreskongress 1970 die Stadt Karlsruhe in der Ferienzeit eine ganze Schule mit Feldbetten ausstattete und für die Unterbringung von mehreren Hundert Delegierten und Besuchern des Kongresses, die aus den USA, Westeuropa und Indien gekommen waren, zur Verfügung stellte.

Die CISNU war auch in anderen Städten Europas aktiv - Foto: Eine Demonstration der CISNU in London

Die CISNU war auch in anderen Städten Europas aktiv – Foto: Eine Demonstration der CISNU in London

Die Sympathie für die politisch aktiven Iraner in Deutschland war wohl auch ein Grund dafür, dass der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann den 2500-Jahr-Feierlichkeiten der iranischen Monarchie im Oktober 1971 fern blieb. Offiziell wurden Gesundheitsgründe angegeben, Heinemann ließ sich von Bundestagspräsident Kai-Uwe von Hassel vertreten. Auch der französische Staatspräsident François Mitterrand verweigerte dem Schah seine Aufwartung.

Mitte der siebziger Jahre war es sogar der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Heinrich Albers, der mit anderen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ein „Iran-Komitee“ ins Leben rief, um die politischen Gefangenen und ihre Familien im Iran zu unterstützen – derselbe Heinrich Albers, der wenige Jahre zuvor den Tod Benno Ohnesorgs den protestierenden Studenten angelastet und diese massiv bekämpft hatte. Neben Albers waren auch Protagonisten der 67er-Bewegung wie die Professoren Helmut Gollwitzer, Wolf Dieter Narr und Ulrich Albrecht, die Journalistin Carola Stern und die SPD- Abgeordneten Norbert Gansel und Peter Glotz an der Arbeit des Iran-Komitees und seiner gleichnamigen Publikation beteiligt.

Die Mitglieder des Komitees zahlten monatliche Beiträge in beachtlicher Höhe. Diese Mittel wurden den Familien politischer Gefangener im Iran zugeleitet. Im Februar 1979 hatte das Komitee noch eine Restsumme von einigen Tausend D-Mark, die in den Iran gebracht und dem dortigen Komitee zur Verteidigung der Menschenrechte übergeben wurde.

Die Iraner und das 68er-Erbe

Für die politische Entwicklung der Iraner in Deutschland und anderen westeuropäischen Staaten waren die Ereignisse der sechziger Jahre in Deutschland und Frankreich von prägender Bedeutung. Bis dahin waren innerhalb der iranischen Studentenbewegung zwei Tendenzen, die Nationalistisch-Liberale und die Traditionalistisch-Linke, dominierend. Die Nationalliberalen folgten der im Iran verbotenen Nationalen Front, die traditionellen Linken waren Anhänger der moskauorientierten Tudeh-Partei. Unter dem Einfluss der Achtundsechziger-Ereignisse radikalisierten sich auch die in der CISNU organisierten Studenten weltweit. Die Moskau-Orientierten wurden ähnlich wie in Deutschland zurückgedrängt, die Anhänger des kulturrevolutionär-chinesischen Wegs dominierten immer stärker die Szene.

In den folgenden Jahren war die Radikalisierung auch unter im Iran lebenden Linken zu beobachten. Der Einfluss der Achtundsechziger-Bewegung auf sie ist umstritten, denn die Entstalinisierung hatte unter ihnen noch nicht stattgefunden. Auch nicht wahrgenommen wurden die Dimensionen der gesellschaftspolitisch-kulturellen Befreiungsideen der Bewegung im westlichen Europa. Die Iraner waren stärker von den Bewegungen in Algerien und Vietnam sowie den Kämpfen in Lateinamerika beeinflusst. Es überrascht daher nicht, dass der Kampf der jungen iranischen Linken sich in der Form einer Guerilla-Bewegung manifestierte.

Eine Demonstration der CISNU in Wien

Eine Demonstration der CISNU in Wien

In Westeuropa, insbesondere in Deutschland, liefen derweil mehrere politisch-ideologische Prozesse gleichzeitig ab. Die dominante Ideologie dieser Zeit kann man mit „Third Worldism“ beschreiben. Über die Beziehungen der dabei so genannten „Ersten Welt“, also der entwickelten Industrieländer, zu den unterentwickelten „Dritte-Welt“-Ländern gab es einen regen Austausch. In Deutschland und anderen großen europäischen Ländern breitete sich eine „Dritte-Welt-Haltung“ aus. Sie manifestierte sich in der Anerkennung autochthoner Kulturen, von Nationalismen unterschiedlichster Art, von Panarabismus, Bathismus, antikolonialen Widerstandsbewegungen, afrikanischem Sozialismus, Theorien der Dritten Weges zwischen Kapitalismus und Sozialismus, Maoismus, Anarchismus und christlicher Befreiungstheologie.

Bei den Iranern führte die „Dritte-Welt“-Haltung eher zum politischen Radikalismus. In Deutschland schaffte es das Phänomen 68er zwar nicht, jenseits des bestehenden politischen und ökonomischen Systems Neues zu konstruieren. Am Ende konnte jedoch ein wesentlicher Teil der 68er-Generation in das bestehende System integriert werden.

Der SDS hatte sich am 21. März 1970 selbst aufgelöst. Ein Teil der ehemaligen Mitglieder trat in die neu gegründete Deutsche Kommunistische Partei (DKP) ein, die immer noch den Realsozialismus vertrat. Mehr reformerisch gesinnte SDSler fanden in der SPD eine neue politische Heimat.

Integration in die SPD

Zwischen 1969 und 1972 gewann die SPD über 300.000 neue Mitglieder. Die damals entstandene sozialliberale Koalition von SPD und FDP konnte nach der von Bundespräsident Gustav Heinemann 1970 verfügten Amnestie einen weiteren Teil der außerparlamentarischen Opposition integrieren. Einige ehemalige Mitglieder des SDS taten den Schritt in die Illegalität und suchten ihr Heil im Terrorismus. Bekanntestes Beispiel dafür war die „Rote Armee Fraktion“ (RAF).

Die Mehrheit der politisch aktiven Iraner in Deutschland konnte jedoch lange ihre marxistisch-leninistisch-maoistischen Scheuklappen nicht ablegen. Anfang der 70er Jahre war im Iran ein Teil der politisch aktiven Jugend und Erwachsenen in den Untergrund gegangen und propagierte den bewaffneten Kampf gegen das Schah-Regime als einzige Möglichkeit für gesellschaftliche Veränderungen. Sie hießen Volksmodjahedin und Volksfedayin. Die Nationale Front, die Tudeh-Partei und auch die zersplitterten marxistischen Organisationen spielten keine wesentliche Rolle mehr.

Die CISNU, die sich zwischen 1960 und 1979 im Ausland zur wichtigsten Opposition gegen das Schah-Regime entwickelt hatte, blieb von dieser Entwicklung nicht verschont. Was in der CISNU nicht vorlag, war ein klares politisches Programm für die Zukunft des Iran. Die Organisation zerfiel nach dem Muster der im Iran agierenden Gruppen im Untergrund. Wer diesen Weg nicht gehen wollte, blieb in der Minderheit – eine Minderheit, die in der freiheitlichen Tradition der „Frankfurter Schule“ lebte und sich nach der Revolution 1979 für die Verbreitung der Kritischen Theorie im Iran engagierte.

Die Iraner und die Frankfurter Schule
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