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Die Mannschaft der Greise gegen die der Jugend

Milad Alaei arbeitete viele Jahre lang als Fotojournalist für die Nachrichtenagentur Fars News, die zur iranischen Revolutionsgarde gehört. Seit einigen Monaten lebt er im österreichischen Exil. Iran Journal sprach mit Alaei über seine Arbeit, die Bosse von Fars News und Zensur und journalistische Freiheit in der Islamischen Republik. mehr »

Iran Journal: Die Entscheidung, das Heimatland zu verlassen, ist nie leicht, besonders wenn die Rückkehr ungewiss ist. Flüchtlingen wird nachgesagt, sie flöhen wegen besserer Lebensbedingungen ins Ausland. Trifft das in Ihrem Fall zu?

Milad Alaei: Ich kannte die Erfahrungen meiner Bekannten im Exil und wußte von deren besonderen oder schwierigen Lebenslagen. Menschen erhoffen sich immer ein besseres Leben im Exilland. Wenn man sich für das Exil entscheidet, versucht man doch, weiterzukommen. Ich gestehe ein, vor der Flucht dachte ich, ich kann im Exil vieles alleine bewerkstelligen. Nach einer Weile machte mich die Einsamkeit, ohne Unterstützung einer Partei oder Organisation, zerbrechlicher. Ich behaupte nicht, im Fotojournalismus große Erfolge zu haben, doch sicher kann ich behaupten, dass ich professionell gearbeitet habe. Auch mit meinen Mitarbeitern stand ich in engem Kontakt. Für jemanden, dessen Arbeit intensiv mit gesellschaftlichen Ereignissen verbunden ist, kann das Exil das Ende seiner Karriere bedeuten. Denn ich entwickelte meine Fähigkeiten in einem Umfeld, das ich verlassen habe. Damit komme ich noch nicht klar. Mit der Flucht verliert man etwas an Boden.

Sie waren Mitarbeiter der Fars News. Was haben Sie dort gemacht?

Ich war dort Vollzeit beschäftigt, arbeitete in erster Linie als Fotograf und begleitete NGOs und andere soziale Projekte für Fotodokumentationen. In meiner Freizeit befasste ich mich mit meinen eigenen Fotoprojekten, allen voran mit meinem Projekt über Drogensüchtige.

Wie haben Sie die Zensur im Iran erlebt?

Im Iran existiert offiziell keine Zensur. Es gibt statt dessen rote Linien, die die Journalisten einschränken. Der Journalismus im Iran hat die Zensur verinnerlicht. Und in einer Institution der Sicherheitsbehörden wie Fars News ist diese Verinnerlichung noch deutlicher als bei anderen Medien. Die meisten Medien im Iran haben außer den allgemeinen roten Linien eine zweite eigene rote Linie, die vom Geldgeber bestimmt wird.

Wer steckt hinter der Nachrichtenagentur Fars?

Milad Alaie

Milad Alaie

Die Revolutionsgarde und Geheimdienste, die der Garde unterstehen. Sie entscheiden über die Richtlinien. Der Geschäftsführer wechselt, aber der Vorstand ist in festen Händen. Die meisten der Vorstandsmitglieder sind Revolutionswächter oder stehen zu ihnen in enger Beziehung. Ein einflussreiches Vorstandsmitglied ist der stellvertretende Dekan der Teheraner Journalismusfakultät Yaser Jebreeili. Er wird von vielen Journalisten gefürchtet, viele meiden die Begegnung mit ihm. Er rühmt sich der Tatsache, im Zusammenhang mit dem Verbot der Aktivitäten von ausländischen JournalistInnen dem berühmten Pressefotografen Abbas Attar von der Magnum-Agentur die Einreise in den Iran untersagt zu haben.

Wie erklären Sie sich heute Ihre Nähe zum iranischen Regime?

Ich versuche diese Frage mit einem Beispiel zu beantworten. Ich bin im Iran geboren und aufgewachsen. Ich erinnere mich an meinen Biologielehrer an der Oberschule, der einmal sagte: ‚Wir Menschen haben vieles entdeckt, das in einem Abstand von Lichtjahren zur Erde existiert. Aber den Kern der Erde kennen wir noch nicht. Wir verstehen Tiere und Lebewesen, aber noch nicht, was in uns vorgeht.‘ Ich kann über den Iran keine objektive Analyse abgeben, denn ich war zu sehr in das soziale Geflecht involviert. Meine Kenntnisse sind viel zu gefühlsbezogen. Das ist etwas anderes, als wenn man die Gesellschaft mit Abstand und unabhängig beobachtet.

Der Iran ist ein kompliziertes und dennoch schwarz-weiß strukturiertes Land, in dem Grautöne selten mitspielen dürfen. Die isolierte Gesellschaft des Iran ähnelt einem Baby, das im Mutterleib die Augen auftut, bewusst die Wehen wahrnimmt und seine Geburt abwartet. Meinen Beruf fand ich interessant, denn er war mit vielen Entdeckungen und Erfahrungen verbunden. Die negativen Seiten meiner Arbeit waren mir auch bewusst. Diese Symbiose von Bewusstem und Unbewusstem machte die Spannung meiner Arbeit aus, die Gleichzeitigkeit von Experimentieren und Verstehen im Fotojournalismus. Wenn ich meine Arbeit für sinnlos gehalten hätte, hätte ich damit aufgehört. In der Tat haben die Experimentierfreude und die Lust an Veränderung meinen allgemeinen Pessimismus überwogen. Aber nicht ich und meine Generation analysieren das Regime und wählen es oder lehnen es ab. Es sind die Machthaber, die uns wählen oder ablehnen. Ich und meine Generation bilden in der Hauptstadt die Mehrheit, dennoch wurden wir von den Regierenden ignoriert. Nach meiner Flucht dementierte eine der Revolutionsgarde nahestehende Nachrichtenagentur sogar, dass ich Fotoreporter der Fars News war.

Können Journalisten im Iran zur politischen Transparenz beitragen oder sind sie nur Marionetten der Regierung? Ist kritischer Journalismus im Iran möglich?

Allgemein kann ich sagen, es gibt offensichtlich keine Form von Freiheit, die Massenmedien im Iran sind Propagandaorgane der islamischen Herrscher.Trotz der fest verankerten Strukturen im iranischen Nachrichtenbetrieb kann der Journalist aber gegen den Strom schwimmen.

Eine heroinsüchtige Mutter in Teheran - Foto von Milad Alaie, aus der Reihe "Sucht"

Eine heroinsüchtige Mutter in Teheran – Foto von Milad Alaie, aus der Reihe „Sucht“

Ein Beispiel hierfür sind diejenigen, die im Gefängnis sitzen. Es gibt eine Reihe von Journalisten, die den politischen Druck ebenso wie iranische Intellektuelle zu spüren bekommen. Aus der Sicht des Reporters teilt sich die Gesellschaft in zwei Schichten: Die breite Masse, die allen Nachrichten einfach glaubt, und die Intellektuellen, die Informationen weiterverfolgen und analysieren. Die letzte Gruppe spürt die Repression und hält alles aus. Die Journalisten der breiten Masse, die Nachrichten unreflektiert weitergeben, sind meines Erachtens wie gezähmte Haustiere. Ich entschuldige mich für den Ausdruck, er trifft aber im Falle der Fernsehjournalisten und der Reporter, die für andere Massenmedien arbeiten, wirklich zu.

Bedeutete die Präsidentschaft von Hassan Rouhani eine Verbesserung für den Journalismus im Iran?

Die Kontrollorgane der öffentlichen Medien im Iran unterstehen nicht dem Präsidenten, sondern den Sicherheitsbehörden. Daher spielt keine Rolle, wer Präsident ist. Im übrigen sagen viele, dass es seit der Präsidentschaft von Rouhani schlechter steht um den iranischem Journalismus als zuvor.

Welche Ideale sollen sich iranische Medien in Zukunft setzen?

Ich bin weder Medienwissenschaftler noch Soziologe, um diese Frage adäquat zu beantworten. Vielleicht kann ich Ihnen meine persönliche Meinung sagen: Ich würde auf die von Religion und Tradition unabhängige Erziehung der Kinder setzen. Nur so können wir in Zukunft eine geistig gesunde Gesellschaft erwarten. Ich glaube, mit Politik kann man die Gesellschaft nicht verändern. Der kürzeste Weg zur sozialen Verbesserung geht meiner Meinung nach über Kunst und Erziehung.

In Anbetracht der unterschiedlichen Erfahrungen mit den politischen Situationen in Ägypten, Tunesien und anderen arabischen Ländern: Was glauben Sie, wie ein Machtwechsel im Iran aussehen würde?

Ich bin kein Experte für den Nahen und Mittleren Osten, ich verfolge nur die Nachrichten in den Medien. Ich weiß, dass Ägypten und Libyen verschiedene Entwicklungen durchmachen, die sich wiederum sehr von dem iranischen Werdegang unterscheiden. In dem einen Land wird der Ex-Staatschef hingerichtet, in dem anderen wird er freigesprochen. Im Iran wurde das Staatsoberhaupt bisher von den Protestierenden nur kritisiert. Ayatollah Khamenei ist sich bewusst, dass sein System politische Gegner hat. In der Region sind einige Regimes, die die Opposition nicht ernst nehmen. Sicherlich wissen sie alle von friedlichen und bewaffneten Machtwechseln in der Welt und davon, dass alles an uns Jüngeren liegt, die zwar ohne Erfahrung sind, dennoch Veränderung der bestehenden Verhältnisse verlangen. Eins ist klar, in keinem Wettbewerb kann die Mannschaft der Greise gegen eine junge Mannschaft gewinnen.

Wie kann man die Demokratisierung im Iran oder zumindest die iranische Zivilgesellschaft vom Ausland aus unterstützen, und wollen oder können Sie dazu einen Beitrag leisten?

Ein heroinsüchtiger Mann in Teheran - Foto von Milad Alaie, aus der Reihe "Sucht"

Ein heroinsüchtiger Mann in Teheran – Foto von Milad Alaie, aus der Reihe „Sucht“

Demokratie ist ein großartiges Wort und gleichzeitig eine große Sehnsucht. Eins ist gewiss, jede soziale Veränderung im Iran kann nur innerhalb des Landes stattfinden. Von außen kann es nicht kontrollierbar sein. Es geht hier um öffentliche Medien- und Kulturarbeit, die auch nur innerhalb des Landes stattfinden kann. Was wir im Ausland zur Demokratisierung im Iran beitragen können, kann nur sein, mit Iranern in Kontakt zu bleiben. Ich will nicht unbedingt im gleichen Bereich arbeiten wie im Iran. Natürlich kann ich im Exil freier Kritik üben an den iranischen Verhältnissen, aber sie kommt beschränkt beim Publikum an. Im Iran war meine Kritik beschränkt, aber dafür wirksamer. Das ist leider eine Formel, die für Kultur- und Medienarbeit zutrifft.

Die iranische Gemeinde im Westen ist groß und verschiedener Ansicht, was politische Veränderungen im Iran angeht. Manche sind für Reformen, während andere für revolutionäre Veränderungen plädieren. Ein Teil tritt sogar für einen militärischen Angriff auf den Iran ein. Welche Option würden Sie wählen?

Diese Frage möchte ich nicht beantworten.

Was haben Sie in Österreich vor? Glauben Sie hier ergreifende, bewegende Motive für Ihren Beruf als Fotojournalist zu finden?

Ich bin zwar hier in Österreich, meine Seele ist aber im Iran. Das ist verständlich, darf aber nicht länger so bleiben, weil es sonst in psychische Krankheit ausartet. Ein Teil von mir ist zwar romantisch, aber ich bin nicht nostalgisch und vor allem kein Nationalist. Ich begreife mich als Fotografen, der seine Umgebung beobachtet. So war es im Iran und hier wird es ähnlich sein, auch wenn die Themen meiner Arbeiten sich nicht ähneln werden.

Interview: PIERRE ASISI