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Kopftuchkontrollen erzürnen Web-Community

Paramilitärs haben angekündigt, verstärkt gegen „westliche Kleidung“ vorzugehen. Die iranische Netzgemeinde ist empört. mehr »

Erst im Mai hatte sich Hassan Rouhani dafür ausgesprochen, IranerInnen mehr individuelle Freiheit bezüglich ihrer Kleidung zu gewähren. „Man kann die Menschen nicht mit Zwang ins Paradies schicken“, hatte der als moderat geltende iranische Staatspräsident gesagt. Kritik aus dem konservativen Lager kam prompt: 195 von 290 Parlamentsabgeordneten forderten Rouhani auf, der „Verwestlichung“ der Gesellschaft entgegen zu treten. Mit westlichen Frisuren und Bekleidung wolle der „Feind“ einen negativen kulturellen Einfluss auf den Islam nehmen, so die ParlamentarierInnen.

Nun hat die der Revolutionsgarde nahestehende konservative Paramilitär-Organisation „Ansare Hisbollah“ zum wiederholten Male angekündigt, das Heft selbst in die Hand zu nehmen und die Sittenpolizei bei der Kontrolle der strengen iranischen Bekleidungsvorschriften zu unterstützen: „Frauen, die das Kopftuch zu locker oder enge Leggings tragen und stark geschminkt sind, werden von unseren Einheiten verwarnt und bei wiederholten Vergehen der Polizei übergeben“, sagte der Chef der „Ansare Hisbollah“, Abdolhamid Mohtasham, der Nachrichtenagentur Fars. Auch wolle seine Organisation gegen Männer vorgehen, die ihre Augenbrauen zupften, so Mohtasham.

Kein Verständnis für Kontrollen

Nach Vorstellung der Konservativen sollen iranische Frauen so aussehen

Nach Vorstellung der Konservativen sollen iranische Frauen so aussehen

Obwohl solche Vorhaben nicht neu sind und die Debatten darüber, wie IranerInnen sich anzuziehen oder ihre Haare zu tragen haben, älter sind als die Islamische Republik selbst, hat die Ankündigung der „Ansare Hisbollah“ die Gemüter der IranerInnen erhitzt. Viele nutzen das Internet, um ihren Unmut zu äußern.

„Die Präsidenten kommen und gehen, aber keinem gelingt es, Paramilitärs und Hardliner wie Abdolhamid Mohtasham in ihre Schranken zu weisen. Egal, was die Linie der Regierung ist, am Ende machen die konservativen Herrschaften, was sie wollen“, schreibt etwa Samira, eine Userin der Facebookseite Optional Hijab in Iran. Wenig Verständnis für die verstärkten Kontrollen der Sittenpolizei und der „Ansare Hisbollah“ zeigt auch ein Leser des Nachrichtenportals Radiozamaneh mit dem Pseudonym Al-Arab: Anstatt sich dafür einzusetzen, dass die Korruption in der Islamischen Republik besiegt werde, verschwende das Regime lieber seine Ressourcen und Energien, um der iranischen Bevölkerung das Leben schwer zu machen, schreibt er. Ähnlich äußert sich Ali, ebenfalls ein Leser von Radiozamaneh: „Es ist eine Schande. Armut, Drogensucht, Hunger und Arbeitslosigkeit werden in diesem Land zu Nebensachen, stattdessen werden die Augenbrauen iranischer Männer zum nationalen Problem erklärt.“ Abdolghassem glaubt zu wissen, warum das so ist: Da das Regime keine Lösung für die wahren Probleme der Bevölkerung habe, wolle es durch solche Debatten von den Sorgen der Menschen ablenken, so der Facebook-User auf der Fanseite des iranischen Intellektuellen Soroush Dabagh.

Konservative in der Minderheit

Immer wieder werden widerspenstige Frauen schon auf der Straße geprügelt

Immer wieder werden widerspenstige Frauen schon auf der Straße geprügelt

Neben den vielen InternetnutzerInnen, die die angekündigte Verstärkung der Kontrollen verurteilen, gibt es aber auch einige, die sie gutheißen: „Dass jetzt härter durchgegriffen wird, ist die eigene Schuld der iranischen Frauen. Es ist gut, dass gegen die Trägerinnen von enger Kleidung jetzt vorgegangen wird“, schreibt Radiozamaneh-Userin Sahba. „Auch gegen die vielen Männer, die femininer aussehen als unsere Frauen, muss etwas getan werden“, findet sie. „Wie kann es sein, dass in der Islamischen Republik Frauen und Männern erlaubt wird, sich dermaßen von ihren Sitten und Traditionen zu entfernen“, fragt Hashem auf der Anti-Kopftuch-Facebookseite My Stealthy Freedom. Es sei sehr begrüßenswert, dass nun die „Verfechter des iranischen Islam“ für Recht und Ordnung sorgten, so Hashem.

Verprellt Rouhani seine Basis?

Manche Anhänger der reformorientierten und moderaten Kräfte um Präsident Rouhani sehen in dem derzeitigen Vorgehen der konservativen „Ansare Hisbollah“ den Versuch, auf die Regierung Druck auszuüben: „Die politische Rechte versucht über die Paramilitärs ihre Muskeln spielen zu lassen. Was aktuell passiert, kann nicht Rouhani zulasten gelegt werden“, sagt Jameaye Baaz auf dem populären Webportal Balatarin. Der User Alasghar55 stimmt ihm zwar zu. Er ist jedoch der Ansicht, dass sich die Rouhani-Regierung stärker zur Wehr setzen müsse: „Rouhani ist bei diesem und anderen innenpolitischen Themen viel zu passiv. Wenn er nicht öfter auf den Tisch haut, riskiert er, seine gesellschaftliche Basis zu verprellen. Sollte er sich weiter so zurückhalten, darf er sich nicht wundern, wenn seine Anhänger ihm Wahlbetrug vorwerfen“, so Alasghar55 auf Balatarin.

  JASHAR ERFANIAN