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Das Exil und der Tod

Die meisten politischen Aktivist*innen, Intellektuellen, Schriftsteller*innen und Künstler*innen, die nach der Revolution von 1979 aus der Islamischen Republik Iran flüchten mussten, sind mittlerweile drei Mal länger im Exil als die von den Nazis Verfolgten aus Deutschland es waren. Viele haben Angehörige verloren, ohne sie wiederzusehen, und ein Teil von ihnen wird im Exil sterben. mehr »

Von Nasrin Bassiri

Als wir den Iran in der ersten Hälfte der Achtziger Jahre verlassen haben, waren wir uns einig: Wir werden bald zurückkehren. Wir glaubten, die Mullahs seien nicht in der Lage, ein Land wie den Iran mit einer gebildeten und modernen Bevölkerung über einen längeren Zeitraum zu regieren. Sie können brutal sein und die Macht an sich reißen, aber sie zu behalten, zu organisieren und zu regieren, würden sie wohl nicht können. So haben wir beim Abschied zwei Finger hochgehalten und meinten damit: In zwei Monaten sind wir zurück.

Ab 1986 gab es eine weitere große Flüchtlingswelle, die hauptsächlich vor dem Irak-Krieg flüchteten; zahlreiche iranische Städte litten unter Luftangriffen. Ein Teil der Bevölkerung suchte in den Dörfern Schutz, jenseits der Ballungszentren. Familien mit halbwüchsigen Söhnen verließen das Land, um zu verhindern, dass diese sich aufgrund der Gehirnwäsche in Schulen und Fernsehen mit 13 oder 14 Jahren freiwillig für den Dienst an der Front meldeten.

Auch in den Neunziger Jahren und später verließen mal mehr, mal weniger Menschen den Iran: Journalist*innen die verfolgt wurden, Frauenrechtlerinnen, die Chancengleichheit einforderten, Angehörige religiöser Minderheiten wie der Baha’i, die durch Angriffe auf ihre Häuser und Geschäfte ihrer Existenz beraubt wurden, deren Angehörige und Freunde verhaftet wurden und die ihre Söhne und Töchter nicht auf die Universitäten schicken durften, wenn sie ihre religiöse Zugehörigkeit nicht leugnen wollten, Ex-Muslime, die zum Christentum konvertiert waren, oder diejenigen, die gleichgeschlechtliche Liebe leben wollten.

Nach dem Betrug bei den iranischen Präsidentschaftswahlen im Jahr 2009 gab es Straßenproteste – Grüne Bewegung genannt – mit zahlreichen Toten, Verletzten und Verhafteten. Viele verließen den Iran, um ihrer Verhaftung zu entgehen.

Mullahs sind hart im Nehmen

Ein bekanntes iranisches Sprichwort sagt, Mullahs seien hart im Nehmen. Es wird auch gesagt, wenn ein Mullah ins Wasser fällt und nicht schwimmen kann, sollst du nicht rufen: Gib mir deine Hand! Denn er wird lieber ertrinken als jemanden etwas zu geben. Statt dessen sollst du sagen: „Nimm meine Hand!“ – denn dann folgt er dir.

Bozorg Alavi, einer der ersten iranischen Exilanten im Gespräch mit einer iranischen Zeitung: Ich möchte im Iran leben und sterben!

Bozorg Alavi, einer der ersten iranischen Exilanten im Gespräch mit einer iranischen Zeitung: Ich möchte im Iran leben und sterben!

Entgegen unserer Erwartungen wollten die Geistlichen die Macht nicht abgeben. Aus zwei Monaten sind vierzig Jahre geworden. In der Halbzeit, nach 20 Jahren Exil, waren allmählich die Eltern der Geflüchteten in der Heimat in die Jahre gekommen. Sie durften uns nur selten besuchen, weil manche von uns nicht genügend Geld verdienten, um die nötige Verpflichtungserklärung abzugeben, die von der deutschen Botschaft in Teheran akzeptiert wurde. Vielen Eltern Geflüchteter, vor allem jenen, die nicht in Teheran wohnten, fiel es nicht leicht, mehrmals in die Hauptstadt zu reisen, um Reisedokumente zu besorgen, Termine bei der Botschaft zu machen oder fehlende Unterlagen nachzureichen. Uns blieb nichts anderes übrig, als die Verwandten in der politisch als unsicher geltenden Türkei zu treffen, wo Iraner*innen sich drei Monaten ohne Visum aufhalten dürfen. In den vergangenen vierzig Jahren ist der eine oder andere prominente Oppositionelle dort festgenommen und dem Iran übergeben worden, oder bei einem Attentat ums Leben gekommen.

Wenn Mutter oder Vater an Krebs erkrankten und Therapien die Krankheit nicht zähmen konnten, wenn sie nach einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall auf der Intensivstation lagen, haben viele von uns darüber nachgedacht, sie doch am Sterbebett zu besuchen. Das war meistens eine spontane und verzweifelte Idee; denn viele von uns wussten, dass sie bei einer Rückkehr in den Iran festgenommen würden, bevor sie ihre Eltern zum letzten Mal gesehen hätten. Also blieben wir, und litten, weil wir unsere Eltern im Sterbebett im Stich lassen mussten.

„Integration“ durch Tod

Als Manijeh Rezaie, eine an Literatur interessierte Frau in den Vierzigern, die angefangen hatte, ihre Memoiren aufzuschreiben, vor knapp zwei Jahrzehnten in Berlin verstarb, gab ich ihr zusammen mit zahlreichen Exil-Iraner*innen auf dem Luisenfriedhof in Charlottenburg das letzte Geleit. Dieses Erlebnis führte mir vor Augen, dass wir, die Geflüchteten, nunmehr hier verwurzelt sind und möglicherweise nie mehr in den Iran zurückkehren werden. Viele der Zufluchtssuchenden der ersten Generation sind nie wirklich in Deutschland angekommen. Meist werden sie nicht in die Gesellschaft, sondern erst nach ihrem Ableben in den Grund und Boden „integriert“.

Vater der modernen iranischen Erzählkunst

Bereits einige Jahre vor Manijeh Rezaie, im Jahr 1997, war Bozorg Alavi, einer der bedeutendsten iranischen Schriftsteller der Moderne, ‌mit 93 Jahren in Berlin gestorben.

Der Altkommunist und Mitgründer der iranischen Tudeh-Partei hatte den Iran während der Schah-Regierung verlassen und in der DDR gelebt. Er war Hochschullehrer für Farsi an der Humboldt-Universität Berlin. Sein Lehrbuch für Farsi und ein Wörterbuch Farsi-Deutsch, das er mit seinem Kollegen Heinrich Junker verfasste, gehören noch heute zu den Standard-Werken. Bozorg übersetzte zudem zahlreiche Werke der Weltliteratur ins Persische. (1)

Der Dramatiker Gholamhossein Saedi: Sein größter Wunsch war, im Iran zu leben und zu sterben!

Der Dramatiker Gholamhossein Saedi: Sein größter Wunsch war, im Iran zu leben und zu sterben!

Seine eigenen literarischen Meisterwerke in Farsi sind etwa Tschamadan (Der Koffer), Erzählungen,1934, und Tschaschm-ha-yasch (Ihre Augen) Roman, 1952. In Deutschland war dieser Roman 1959 als gebundenes Buch und 1962 als Taschenbuch veröffentlicht worden. Als Literat fand Bozorg in Deutschland kaum Beachtung.

Alavi lebte von 1953 bis 1997 im Berliner Exil. Während dieser viereinhalb Jahrzehnte brachte er kein literarisches Werk hervor. Der Schriftsteller Reza Barahani schreibt über Alavi: „Bozorg Alavi hat zwei Jahre, nachdem der Schriftsteller Sadegh Hedayat sich in Paris das Leben nahm, literarisch Suizid begangen. Wenn jemand das nicht nachvollziehen kann, hat er die Lage der Schriftsteller im Exil nicht wirklich verstanden.“ Alavi hatte Barahani erzählt, dass er sein Reisedokument regelmäßig verlängern ließe, weil er gerne in den Iran zurückkehren wolle. Aber er befürchtete, dort verhaftet zu werden: Er wäre lieber im Iran geblieben und hätte dort einen Roman verfasst, statt ein Wörterbuch zu schreiben und an der Humboldt-Universität zu lehren.

Glänzen und gedeihen – trotz prekärer Lage
Fortsetzung auf Seite 2


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