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Goethe und der Zoroastrismus

Johann Wolfgang von Goethe, der sich zeitlebens mit Persien verbunden fühlte, sah sich nicht nur in einer Seelenverwandtschaft zum Dichter Hafiz. Auch die Lehre und Praktiken Zarathustras, der im 1. Jahrtausend vor Christus lebte, inspirierten und faszinierten ihn. mehr »

Das Gute und das Böse und der Kampf dieser Gegensätze existiert seit Menschengedenken und kumuliert sich fortan in altbekannten Mustern. Nicht anders in der Geschichtsauffassung des heiligen Augustinus, in Hegels Dialektik und in religiösen Lehren wie beispielsweise dem Zoroastrismus.

Dieser Dualismus strömte fortan aus seinen Inspirationsquellen tief in die Adern der geistigen Welt und trifft bis heute auf Dichter und Denker. Wen verwundert es also, dass sich seinerzeit Goethe mit der Lehre und den Praktiken des antiken Propheten Zarathustras beschäftigte und sich bei Fausts teuflischen Gegenspieler, dem listigen Mephisto, von dem geistig verdunkelten Wesen Ahriman aus dem Avesta – dem Heiligen Buch des Zoroastrismus – inspirieren ließ.

Aber auch die zoroastrischen Opfergaben finden sich in Goethes Bedeutungsfeldern wieder und verdienen einen Blick. Ebenso wie die Frage, ob es ihm am Ende ähnlich wie Aristoteles, Voltaire, Nietzsche und Kant erging und die moralische Triebkraft der zoroastrischen Lehre auf ihn wirkte.

Sprache als Mittel der intuitiven Offenbarung

Das Wort und dessen Bedeutung liegt nach Auffassung des Dichterfürsten einer inneren und natürlichen Notwendigkeit zugrunde. Die Verwendung sprachlicher Einheiten ist an die Leidenschaft des Dichters gebunden. Das Konstrukt Sprache versteht er somit als ein Mittel der intuitiven Offenbarung.

Mit diesem Verständnis erklärt Goethe den Zusammenhang zwischen der Religion der alten Perser und dem späteren Aufblühen der Dichtkunst im Orient. Sie ist es, welche nach dem Empfinden Goethes Sinn und Geist verbindet und zu einer Einheit formt. Eine Einheit, die sich aus dem Ursprünglichen, dem Natürlichen herausgebildet hat, wie die Sprache selbst.

Zoroastrier bei einer religiösen Zeremonie

Zoroastrier bei einer religiösen Zeremonie

 

Macht der Elemente

Die goetheschen Bedeutungsfelder Feuer, Himmel und Pflanze wie sie sich beispielsweise im Faust-Drama und dem West-Östlichen Divan entdecken lassen, sind ebenso in der zoroastrischen Lehre verankert, gar Dreh- und Angelpunkt ihrer Idee. So lässt Goethe Faust erklären: Wer sie nicht kennte / Die Elemente, / Ihre Kraft / Und Eigenschaft, / Wäre kein Meister / Über die Geister.

Wobei dem Element des Feuers im Zoroastrismus eine tragende Rolle zukommt: für jede Opferhandlung wird ein reines Feuer neu entzündet, das dann sogleich den Mittelpunkt der Veranstaltung verkörpert. Damit unterscheidet sich die spirituelle Tradition der Zoroastrier insofern von antiken Tempel- und Kultpraktiken, als dass nicht gottähnliche Wesen, sondern das Feuer selbst Verehrung findet.

Für Goethe schien dies eine außerordentlich glückliche Fügung: Zoroastrismus in Persien, dem Land der Dichtung, dem Land seiner zweiten dichterischen Heimat, war nicht irgendeine Religion, sondern eine Naturreligion – „die Religion der Feueranbeter“ – vorausgegangen, zu der er eine Verwandtschaft verspürte.

Goethe sah im Zoroastrismus den „Kern der persischen Nation“. Im Buch der Parsen feiert er die in der Diaspora verbliebenen Feueranbeter, die im Zuge der arabischen Eroberung in ihrer zoroastrischen Ausübung nicht mehr sicher waren.

Und in seinem Lichte fortzuwandeln

Mit der Tatkraft und Lebensbejahung des Zoroastrismus konnte sich Goethe identifizieren. So auch mit Ahura Mazda, dem Gott des Lichtreiches, der im Glanz der Sonne erstrahlt und über der Lehre des Aktionismus, die an Fleiß, Reinheit und Treue geknüpft ist, thront. Der Religionsstifter kommt gar einem „Reformer ökonomischer Lebensbedingungen“ gleich, formuliert Herbert Preisker in seinem Essay über Goethes Stellung zu den Religionen im West-Östlichen Divan folgerichtig.

Das Feuer im zoroastrischen Feuertempel Yazd, im Zentral-Iran, brennt angeblich seit mehr als 1.500 Jahren

Das Feuer im zoroastrischen Feuertempel Yazd, im Zentral-Iran, brennt angeblich seit mehr als 1.500 Jahren

 

In einem Gespräch mit Johann Peter Eckermann bringt Goethe zum Ausdruck, dass für ihn Christus und die Sonne als zwei gleich erhabene Offenbarungen Gottes zu verstehen sind und fährt fort: „Fragt man mich, ob es in meiner Natur sei, die Sonne zu verehren, so sage ich abermals: durchaus! Denn sie ist gleichfalls eine Offenbarung des Höchsten, (…)“.

Mephisto und Ahriman

Zentral ist außerdem, dass dem Guten das Böse durchweg demonstrativ gegenübergestellt wird; so auch Ahriman, dämonisierter Feind und Gegenspieler des Ahura Mazdas, der sich gegen den „Herrn der Weisheit“ stellt und den Dualismus zwischen Recht und Unrecht und dem eingangs erwähnten Kampf zwischen Gut und Böse demonstriert, regelrecht befeuert.

Mephisto, der teuflische Alleskönner aus dem Faust-Drama, der es liebt, anderen eine Grube zu graben, keinem seine Identität preisgibt, ist dennoch nichts Anderes als ein von Gott geschaffenes Element, das seinerseits Elemente transportiert: So ist denn alles, was ihr Sünde, / Zerstörung, kurz, das Böse nennt, / Mein eigentliches Element – ähnlich dem Ahriman.

Aber nicht nur das diabolische Sein verbindet die beiden Widersacher. Darüber hinaus erfüllen sie eine entscheidende Funktion: ohne sie gäbe es keinen Dualismus, nichts dass das Gute hervorhebt, sie bilden ihre Einheit somit in der Gegensätzlichkeit zum Anderen.

Sich an der Natur und dem Guten im und um den Mensch herum zu orientieren – der moralischen Triebkraft des Zoroastrismus – fühlt sich Goethe ebenso wie Nietzsche, der dies in seinem dichterisch-philosophischen Werk „Also sprach Zarathustra“ zum Ausdruck brachte, eng verbunden.♦

  MELANIE CHRISTINA MOHR

© Qantara.de 

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