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Immer noch verboten: „Musikalische Auftritte von Frauen“

Zum ersten Mal seit Jahren soll in Teheran ein Frauen-Musikfestival stattfinden. Doch den VeranstalterInnen werden viele Hürden in den Weg gestellt. Bereits im Vorfeld wurden sie aufgefordert, den Titel der Veranstaltung zu ändern. Statt „Festival“ soll sie „Musikalische Auftritte von Frauen“ heißen. Männer dürfen dabei nicht zusehen. mehr »

Zwölf iranische Frauen-Musikensembles, überwiegend aus dem klassischen Genre, gehen ab dem 14. Juni für elf Tage in Teheran auf die Bühne. Auch wenn die Musikerinnen nur vor weiblichem Publikum auftreten dürfen, sei dies doch ein wichtiger Schritt in Richtung von mehr Freiheit für Musikerinnen im Iran, sagen die VeranstalterInnen des Frauen-Musikfestivals.

Doch sie klagen auch über Hürden: Eigentlich habe das Festival im Rahmen eines Wettbewerbs stattfinden sollen, sagt der Veranstaltungsleiter Kamran Hematpour. Dafür hätten jedoch die Voraussetzungen gefehlt: „Wir durften nicht frei entscheiden, wer kommt, sondern durften nur die Ensembles einladen, die vom Kultusministerium zugelassen worden sind“, erzählt Hematpour. Generell mische sich das Kulturministerium viel zu sehr ein, obwohl es die Ausrichtung der Veranstaltung privaten Organisatoren überlassen habe. Sogar einen neuen Titel mussten die VeranstalterInnen dem Event geben. Statt „Musikfestival“ soll es nun sperrig „Musikalische Auftritte von Frauen“ heißen, so Hekmatpour auf einer Pressekonferenz am Montag.

Auch mit den bewilligten Aufführungszeiten sind die OrganisatorInnen nicht zufrieden. Alle Konzerte sollen nachmittags zwischen fünfzehn und siebzehn Uhr stattfinden. Damit werde nicht nur die potentielle Zahl von Besucherinnen begrenzt, fürchtet die stellvertretende Leiterin der Veranstaltung, Sepideh Fatemi. Automatisch würden außerdem „Hausfrauen und nicht berufstätige Frauen“ zur alleinigen Zielgruppe der Konzertreihe.

Nachhaltige Veränderung statt Festivals

Frauen dürfen in der Islamischen Republik Iran nur in Chören oder Ensembles öffentlich singen!

Frauen dürfen in der Islamischen Republik Iran nur in Chören oder Ensembles öffentlich singen!

Einige renommierte iranische Sängerinnen und Musikerinnen wie Simin Ghanem, Maliheh Saeeidi, Sousan Aslani und Pari Malaki sagten deshalb die Teilnahme an der Veranstaltung ab. Die meisten von ihnen finden die Bedingungen des Events nicht akzeptabel. Nicht Festivals, sondern nachhaltige Veränderungen seien nötig, sagte Pari Malaki, die seit mehr als 30 Jahren in der Musikbranche tätig ist und 1994 das Ensemble „Khoniya“ gründete. Sie kritisierte, dass bei der Veranstaltung weder Video- noch Tonaufnahmen gestattet seien. Auch sei kein gemischtes Publikum erlaubt. „Wie sollen die Künstlerinnen oder Kritiker die Performance anschließend analysieren können?“, fragt Malaki. Die breite Öffentlichkeit könne weder an dem Event teilnehmen noch etwas darüber erfahren. Ohne solche notwendigen Grundvoraussetzungen, die zur künstlerischen Arbeit gehörten, würden iranische Musikerinnen keine bedeutenden Fortschritte erzielen können.

Halal oder haram

Zwar dürfen in der Islamischen Republik Iran Frauen in Chören oder Ensembles öffentlich singen, aber Solo-Auftritte vor gemischtem Publikum sind nach wie vor verboten. Nach dem Amtsantritt des gemäßigten Präsidenten Hassan Rouhani im August 2013 wurde dieses Tabu jedoch erstmals infrage gestellt. Zum 14-jährigen Jubiläum des „Hauses der Musik“ im Oktober 2013 forderte der damalige Vorsitzende dieses Dachverbands iranischer Musikschaffender, Dariush Pirniyakan, vor dem stellvertretenden Kultusminister Ali Moradkhani die verantwortlichen Politiker auf, die öffentliche Ausstrahlung von Musik mit Solo-Frauenstimmen künftig zu erlauben. Etwa 50 Prozent der Musikschaffenden im Iran seien weiblich. Dies käme aber nicht zum Vorschein, seit der Staat die Ausstrahlung von Liedern, die von Frauen gesungen werden, verbiete, so Pirniyakan. Seine Äußerungen lösten eine heftige Debatte aus. Ultra-Konservative übten so starken Druck aus, dass Pirniyakan sogar seinen Rücktritt in Erwägung zog.

Im November 2013 bezog dann der iranische Kultusminister Ali Janati Stellung zu der Debatte. Die Geistlichen seien sich nicht einig, ob Solo-Singen von Frauen nach islamischem Recht erlaubt oder verboten, also halal oder haram sei, so Janati. Im Grunde könnten Sängerinnen öffentlich auftreten, so der Minister, wenn sie sich dabei aus islamischer Sicht nicht unmoralisch verhielten.

Sängerinnen im Untergrund

Ghamarolmolook Vaziri war die erste Frau, die vor gemischtem Publikum auftrat. Ab 1924 trat sie als Solosängerin in Teheran auf.

Qamar ol-Moluk Vaziri war die erste Frau, die vor gemischtem Publikum auftrat. Ab 1924 trat sie als Solosängerin in Teheran auf.

Die erste iranische Sängerin, die unverschleiert vor gemischtem Publikum in Teheran auftrat, war Qamar ol-Moluk Vaziri, die von 1905 bis 1959 lebte. Bis zur islamischen Revolution 1979 folgten ihr viele weitere nach. Nach der Revolution und dem Verbot von Solo-Auftritten für Frauen flüchteten viele der Sängerinnen ins Exil. Für die, die in ihrer Heimat blieben, gab es keine öffentlichen Auftritte mehr. Sie mussten sich entweder von ihrem Publikum verabschiden oder konnten nur noch heimlich in geschlossenen Kreisen auftreten. Viele arbeiteten als Gesangslehrerinnen in der Hoffung, eines Tages wieder die große Bühne betreten zu können.

Der im Exil lebende iranische Theologe Hassan Yousefi Eshkevari hält das Solo-Singen von Frauen für unproblematisch. Im Gespräch mit TFI erklärt der Geistliche, im islamischen Recht gebe es dafür kein eindeutiges Verbot. Was ultrakonservative Großayatollahs im Iran als „haram“ definierten, beruhe lediglich auf einer Auslegung des Islam aus patriarchalischer Sicht. Die definiere alles, was einen Mann sexuell erregen könne – Haare, Stimme, nackte Haut – als „haram“. „So werden die Frauen unterdrückt“, kritisiert Eshkevari.

FOROUGH HOSSEIN POUR