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„Papierfetzen, die unser Schicksal bestimmen“

Vor nicht allzu langer Zeit nannte der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad den US-Dollar noch „einen Fetzen Papier, der bald der Geschichte angehören wird“. Nun gewinnt die US-Währung im Gottesstaat immer mehr an Gewicht, auch unter „den wahrhaft Entrechteten“. Die Regierung scheint dagegen machtlos zu sein. mehr »

„Kauf nicht teuer, schau in den Warenkorb“ – so wirbt die iranische Webseite „Tabnak“ für ihre neue Rubrik, in der regelmäßig die Preise für Nahrungsmittel in der Stadt Teheran nachzulesen sind. Diese Preisliste gibt es erst seit zwei Wochen: seitdem nämlich der Kurs des Dollars unaufhaltsam steigt.

Allein in der ersten Woche des neuen Jahres hat die iranische Währung gegenüber dem Dollar 25 Prozent ihres Wertes verloren. Am Ende der Woche verlangten die Devisenhändler 16.900 Rial für einen Dollar, fast 6.000 Rial mehr als der offiziell festgelegte Umtauschkurs der Zentralbank.

Wer sind diese Devisenhändler, die den halblegalen Markt auf der Teheraner Ferdowsistraße unweit der deutschen Botschaft bevölkern? Nur Spekulanten und Auslandsreisende?

Keineswegs. Reporter der Zeitung „Schargh“ berichteten am vergangenen Mittwoch von der Ferdowsistraße, als der Dollar zeitweise die 18.000-Rial-Marke überschritten hatte: „Man wundert sich, man sieht es und kann es nicht glauben: Die Mehrheit der Devisenkäufer sind nicht die Betuchten, nicht die mit den vollen Bäuchen oder die Touristen. Es sind die wahrhaft Entrechteten, die versuchen, Dollars und andere ausländische Währungen zu ergattern; Leute, die glauben, etwas Wertvolles für die harten Tage horten zu müssen.“ Und als der Reporter nach den Motiven der Devisenkäufer fragt, wundern die sich über seine Naivität: „Weißt du denn nicht, dass man in diesem Land zwar Tuman verdient, aber Dollar ausgibt?“, sagt einer.

Amerikanisch-europäische Verhältnisse

Devisenjäger bilden fast täglich vor den Banken und Wechselstuben in Teheran lange Schlangen.

Devisenjäger bilden fast täglich vor den Banken und Wechselstuben in Teheran lange Schlangen.

Die iranische Währung wird zwar immer noch in Rial und Tuman (entspricht zehn Rial) berechnet. Doch ein Blick in den täglichen Warenkorb zeigt, dass sich deren Preise am Dollarkurs orientieren.

So kostet ein Kilo Fleisch je nach Qualität 6,50 bis zehn Dollar, das entspricht 13.500 bis 16.000 Tuman. Ein Liter Milch ist für 0,70 Dollar gleich derzeit 1.030 Tuman zu haben, ein Kilo Linsen für 2 Dollar, 3.500 Tuman.

Gleichermaßen amerikanisch oder europäisch sind auch die Mieten und Immobilienpreise in Teheran. Laut der Preisliste von Tabnak muss man in bestimmten Stadtteilen von Teheran für einen Quadratmeter bis zu 130 Millionen Rial bezahlen – das sind etwa 6.000 Euro.

Allein innerhalb der vergangenen drei Wochen seien die Wohnungspreise in Teheran um 20 bis 25 Prozent gestiegen, berichtet die Wirtschaftzeitung „Donjaye Eghtessad“. Trotzdem herrsche auf dem Wohnungsmarkt Flaute, denn kaum jemand sei bereit, seine Wohnung gegen die verfallende Landeswährung einzutauschen.

Laut dem iranischen Arbeitsministerium liegt die Armutsgrenze bei einem Monatseinkommen von 110 Euro. Wissenschaftler der Universität Teheran berechnen sie allerdings mit 337 Euro, andere Ökonomen sogar mit 559 Euro. BBC Persian meldet, dass das Durchschnittseinkommen iranischer Arbeiter in diesem Jahr monatlich 227 Euro beträgt.

Ratlosigkeit der Regierenden

„Die Welt wird über Amerika lachen“, sagte der Präsident der iranischen Zentralbank, Mahmud Bahmani, noch am 23. November 2011, als die USA die iranische Zentralbank in ihre Sanktionsliste aufnahm. Doch diese demonstrative Gelassenheit ist längst Durchhalteparolen gewichen. Der Präsident habe einen ständigen Krisenstab unter Leitung des Wirtschaftsministers eingerichtet, der rund um die Uhr effektive Strategien „zur Bekämpfung der Sanktionen“ entwerfe, sagte Vizepräsident Mohammad Reza Rahimi am Samstag in einer Rede vor Wirtschaftsfunktionären in Teheran. “Wir haben genug Dollar, mehr, als wir benötigen“, so Rahimi weiter. Der Iran exportiere jährlich für 90 Milliarden Dollar Öl und für 45 Milliarden Dollar andere Güter. „Außerdem haben wir so viele Goldreserven, dass sie für die nächsten fünfzehn Jahre reichen werden“, so der Vizepräsident.

Sicherlich habe die Regierung genug Devisenreserven, um den rapiden Verfall der iranischen Währung zumindest vorübergehend zu stoppen, sagt auch der Ökonom Fereydoon Khavand. Doch über das Wie herrscht im Iran Uneinigkeit. Während Zentralbankpräsident Bahmani laut der gut informierten Wirtschaftzeitung „Donjaye Eghtessad“ weiterhin gelassen gegen eine massive Intervention in den Devisenmarkt sei und glaube, dass sich der Markt nach einer Weile selbst stabilisieren werde, forderten andere einflussreiche Gruppen „Diktat und schnelles Handeln“, schrieb „Donjaye Eghtessad“ am Sonntag.

Wer sich durchsetzen wird, ist offen. Das staatliche Fernsehen warf Bahmani vor, bei der Verteidigung der iranischen Währung “gescheitert” zu sein. Das Parlament berief eine Dringlichkeitssitzung hinter verschlossenen Türen ein, und am vergangenen Sonntag spekulierten verschiedene Zeitungen und Webseiten über den baldigen Rücktritt des Zentralbankpräsidenten – was sein Büroleiter laut der Nachrichtenagentur Mehr allerdings umgehend dementierte.

Bei einer seiner Rundreisen durch die iranischen Provinzen im Sommer des Jahres 2008 hatte der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad den US-Dollar stolz als „einen Fetzen Papier, der bald der Geschichte angehört“, bezeichnet. „Leider sind es diese Fetzen, die unser Schicksal bestimmen“, schreibt dieser Tage der bekannte iranische Satiriker Ibrahim Nabavi auf seiner Webseite.

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