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Sieben Frauen aus dem Iran

Sieben Geschichten von Frauen, die nicht zu den gängigen Klischees des Westens über Frauen im Iran passen; die sich trotz der Repressionen entwickeln konnten - auch wenn manche von ihnen im Gefängnis oder außerhalb des Iran leben müssen. mehr »

Khomeini, Rafsandschani, Khamenei, Khatami, Ahmadinedschad, Rouhani – Namen, die seit 36 Jahren das Bild des Iran im Ausland mitprägen. Frauen tauchen in diesem Kontext kaum auf – und wenn, dann als verschleierte Abgeordnete und Vertreterinnen der Regierung, als „Opfer“ der patriarchalen Gesellschaft oder als Sittenwächterinnen, die auf der Straße andere Frauen bei der Einhaltung der islamischen Kleiderordnung kontrollieren.

Doch trotz aller Diskriminierungen der vergangenen Jahrzehnte, trotz der Säureattacken auf Frauen und Inhaftierungen bei Verstößen gegen die islamischen Gesetze sind die meisten iranischen Mittelschichtsfrauen, die die Großstädte bevölkern, anders. Sie sind gut ausgebildet, angesehen und erfolgreich. Etwa zwei Drittel aller HochschulabsolventInnen im Iran sind inzwischen Frauen. Sie legen großen Wert auf ihr Äußeres, haben durchtrainierte Körper, viele lassen ihre Nasen operieren oder ihre Augenbrauen mit unauffälligen Tätowierungen korrigieren, ihre Falten behandeln und das Gesicht liften. Lippen aufzuspritzen, Brüste zu verkleinern oder zu vergrößern, diverse Diäten ausprobieren und sogar Genitalien durch Operationen zu „verschönern“ ist im Iran laut Informationen aus dem persischsprachigen Internet mehr als anderswo in der Welt verbreitet. Es sieht so aus, als ob die Frauen dort ihre rechtlichen Benachteiligungen und ihre gesellschaftliche Ausgrenzung durch ausgezeichnete Bildung, Verbesserung ihres Aussehens und Erhöhung ihrer weiblichen Reize kompensieren möchten.

Frauen aus ärmeren Verhältnissen sind fleißig, auf der Straße unscheinbar, aber zuhause hoch angesehen und stehen im Mittelpunkt der Familie.

Das Iran Journal stellt zum internationalen Frauentag iranische Frauen vor, die in der westlichen Welt kaum oder nur am Rande wahrgenommen werden.

ATHENA FARGHDANI, 28, war Klassenbeste an der Teheraner Al-Zahra-Universität. Sie hat Malerei studiert und setzte sich gleichzeitig für die Straßenkinder ein, die zwischen fahrenden Autos Blumen und Kaugummis verkaufen und so ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie gab ihnen Malunterricht und kümmerte sich außerdem um die Angehörigen politischer Gefangener.

Athena

Athena Farghandi

Im September 2014 wurde Athena Farghdani festgenommen. Ihr wurde vorgeworfen, Kontakt zu den Angehörigen politischer Gefangener zu pflegen und mit ihren Zeichnungen die „Volksvertreter zu beleidigen“.

Farghdani blieb für mehrere Wochen in Untersuchungshaft. Ihre Familie durfte sie während dieser Zeit nicht besuchen. Am 1. Oktober 2014 trat sie zusammen mit ihrer Zellengenossin Ghonche Ghavami in einen Hungerstreik. Nach elf Tagen verweigerte sie auch, Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Am 16. Tag des Hungerstreiks erlitt Farghdani eine Herzattacke. Sie wurde gegen eine hohe Kaution bis zu ihrer Gerichtsverhandlung freigelassen.

Am 23. November 2014 enthüllte die Künstlerin in einer Video-Botschaft, wie sie vom Gefängnispersonal beleidigt und zusammengeschlagen wurde. Zudem legte sie offen, das die Gefangenen auf der Toilette und im Duschraum per Video überwacht werden.

Die neuen Beschuldigungen gegen Farghdani lauten deshalb „Propaganda und Agieren gegen die islamische Ordnung“.

MARYAM MIRZAKHANI, 38, seit 2014 Trägerin der Fields-Medaille.

Die Fields-Medaille wird alle vier Jahre verliehen und gilt als Nobelpreis der Mathematik. Mirzakhani ist die erste Frau, die die seit 1936 verliehene international renommierte Auszeichnung erhalten hat.

Maryam Mirzakhani

Maryam Mirzakhani

Schon als Schülerin der Farzanegan-Schule für besonders begabte Mädchen in Teheran fiel Mirzakhani auf. Sie gewann als Schülerin einen Talentwettbewerb. 1994 und 1995 erhielt sie Goldmedaillen bei den internationalen Mathematikolympiaden. 1999 machte sie an der Sharif-Universität in Teheran ihren Bachelor in Mathematik und ging dann an die Harvard University. 2003 war sie Junior Fellow in Harvard und von 2004 bis 2008 Research Fellow des Clay Mathematics Institute sowie Assistent Professor an der Princeton University. Mit 31 Jahren wurde Mirzakhani als Professorin nach Stanford berufen. Sie ist verheiratet und hat eine vierjährige Tochter.

Der iranische Präsident Hassan Rouhani gratulierte der Fields-Preisträgerin 2014 mit einem Tweet und zwei Bildern. Das eine zeigte Mirzakhani mit ihrer Kurzhaarfrisur, das andere mit einem Kopftuch. Damit löste Rouhani in iranischen Medien eine Debatte aus. Ihm wurde vorgeworfen, gegen geltendes iranisches Recht zu verstoßen. „Wer eine Frau ohne islamische Kleidung abbildet, dem droht eine Haftstrafe“, schrieben konservative Medien. Im europäischen Ausland ging der Jubel der IranerInnen über Mirzakhanis Auszeichnung in der Kopftuch-Debatte unter.

GHONCHE GHAWAMI, 26, besitzt die iranische und britische Staatsbürgerschaft, studierte Rechtswissenschaften am SOAS in London und kehrte im März 2014 in den Iran zurück. Am 20. Juni 2014 wollte sie mit einer Gruppe von Frauen im Teheraner Azadi-Stadion das Volleyballspiel der Männer zwischen Iran und Italien ansehen. Weil Frauen keine Männerspiele ansehen dürfen, wurde Ghawami festgenommen, aber am selben Tag wieder freigelassen.

Ghoncheh Ghavami

Ghoncheh Ghavami

Als sie zehn Tage später ihre persönlichen Sachen im Gefängnis abholen wollte, wurde sie erneut verhaftet. Am 1. Oktober 2014 begann Ghawami einen Hungerstreik, um gegen ihre lange Untersuchungshaft (damals 100 Tage) zu protestieren. Sie stand am 14. Oktober 2014 vor Gericht. Ein Urteil wurde jedoch noch nicht gesprochen, da angeblich neue Beschuldigungen gegen Ghonche erhoben wurden. Ihre Mutter teilte am 22 November 2014 mit, ihre Tochter sei zu einem Jahr Gefängnisstrafe und einem zweijährigen Ausreiseverbot verurteilt worden. Gegen eine Kaution von umgerechnet 25.000 Euro wurde Ghawami vorerst freigelassen. Ghonche Ghawami wird vorgeworfen, Verbindungen zu oppositionellen Kräften im Ausland und zu ausländischen Medien zu haben. Außerdem wird ihr die Teilnahme an Versammlungen gegen die islamische Ordnung vorgeworfen

SHAHLA SHERKAT, 58, ist eine prominente iranische Autorin, Journalistin und Herausgeberin der Zeitschrift „Zanan“ (Frauen). Sherkat studierte Psychologie und machte ihren Master in Frauenstudien. Sie war eine der Vorkämpferinnen der Gleichstellung von Frauen seit Gründung der islamischen Republik.

Shahla Sherkat

Shahla Sherkat

Das „Zanan Magazin“ machte sie zum wichtigsten Forum und Sprachrohr der Frauenrechtlerinnen unterschiedlicher Schattierungen im Iran. Die erste Ausgabe des Magazins erschien im Februar 1992. Es bildete seither zahlreiche Journalistinnen aus, die der iranischen Gesellschaft neue Perspektiven eröffnen. Im Februar 2008 wurde „Zanan“ von der Regierung Ahmadinedschad verboten. Die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi bezeichnete das Verbot als rechtswidrig.

Erst sieben Jahre nach dem Verbot durfte Shahla Sherkat im Juni 2014 ihr Magazin wiederbeleben. Seitdem erscheint die Zeitschrift unter dem Namen „Zanane Emrooz“ („Die Frauen von heute“).

2005 erhielt Shahla Sherkat den „Louis Lyons Award für Journalisten“ von der Nieman-Stiftung der Harvard Universität, im gleichen Jahr hat sie zudem die Auszeichnung für Couragierte Journalistinnen von der „International Women’s Media Foundation“ erhalten.

MEHRANGIZ KAR*, 70, Juristin und Politologin. Kar hat Politikwissenschaften und Jura studiert und arbeitete als Rechtsanwältin in Teheran. Sie ist eine der bedeutendsten Frauenrechtsaktivistinnen seit der Revolution im Iran. Sie hat zahlreiche Bücher zu den Themen häusliche Gewalt und Benachteiligung von Frauen verfasst. Ihre Essays und Vorträge haben international Aufsehen erregt.

 Siamak Pourzand, Mehrangiz Kars Ehemann, umaramt nach seiner Freilassung ihre gemeinsame Tochter Azadeh

Siamak Pourzand, Mehrangiz Kars Ehemann, umaramt nach seiner Freilassung ihre gemeinsame Tochter Azadeh

Im Frühjahr 2000 war sie Referentin bei der Iran-Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin. Nach ihrer Rückkehr in den Iran wurde sie festgenommen, bis zu ihrer Gerichtsverhandlung zwei Monate später aber zunächst wieder auf freien Fuß gesetzt. Die unterdessen an Krebs erkrankte Frau wurde vom Revolutionsgericht zu vier Jahren Haft verurteilt. Es gelang ihr jedoch, den Iran zu verlassen. Seit 2002 lebt sie im US-Exil und arbeitet für namhafte Universitäten und Forschungseinrichtungen wie Harvard oder die Columbia Universität. Kar lehrt und forscht zudem an der Princeton University in New Jersey.

Auch Kars Ehemann, der Journalist Siamak Pourzand, wurde 2000 nach der Berliner Konferenz festgenommen. Er wurde verhört und gezwungen, im iranischen Fernsehen aufzutreten und Beschuldigungen gegen seine Frau auszusprechen. Der knapp 80-jährige Pourzand wurde zu elf Jahren Haft verurteilt, aber nach einem Jahr unter Hausarrest gestellt. Er durfte das Land nicht verlassen. Im April 2011 nahm sich der an Depressionen Erkrankte das Leben, indem er vom Balkon seiner Wohnung in der sechsten Etage sprang.

GOLSHIFTEH FARAHANI, 31, ist eine erfolgreiche Schauspielerin. Sie studierte klassische Musik, spielte Klavier, sang, trat in einer Underground-Rockband auf, debütierte bereits mit 14 Jahren vor der Kamera und gewann damit den „Gläsernen Simurgh“ des Internationalen Fajr-Filmfestivals in Teheran für die beste Hauptrolle. Mit 16 wurde sie Opfer einer Säure-Attacke, weil sie im Sommer ihre Haare nur mit einem dünnen Schal bedeckt hatte. Mit Farahanis Film „Mim mesle Madar“ bewarb sich der Iran im Jahr 2006 um den Oscar für den besten ausländischen Film. Für ihre Rolle in „Boutique“, der beim Filmfestival der drei Kontinente in Nantes gezeigt wurde, erhielt sie den Preis für die beste Schauspielerin.

Golshifteh Farahani

Golshifteh Farahani

Golshifteh spielte 2008 zusammen mit Leonardo Di Caprio in dem Film „Der Mann, der niemals lebte“ als erste iranische Schauspielerin in einer aufwendigen Hollywood-Filmproduktion. Im Oktober 2008 sagte sie gegenüber „Daily News“: „Der Film bescherte mir eine Menge Unannehmlichkeiten; mein Reisepass wurde entzogen und ich wurde mehrmals vom iranischen Informationsministerium verhört.“ Als sie vor etwa sechs Jahren das Land doch verlassen konnte, entschied sich Farahani, nicht zurückzukehren. Sie blieb in Paris.

Dort ließ sich die Schauspielerin von dem Kunstfotografen jean mondino für das französische Magazin „Madame Figaro“ nackt fotografieren. Die Folge war für ihre Familie in Teheran schwerwiegend. Sie wurde unter Druck gesetzt, Golshifteh zu verstoßen. Das löste eine Welle von Sympathie und Solidarität von Iranerinnen und Iranern aus. Iranische Frauen rund um Globus ließen sich nackt fotografieren, um Golshifteh den Rücken zu stärken.

NASRIN SOTOUDEH, 51, ist Juristin, Rechtsanwältin und Menschenrechtsaktivistin. Sie ist Mitglied des „Vereins zu Verteidigung der Menschenrechte im Iran“, dessen Gründerin die iranische Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi ist. Sotoudeh setzt sich für die Abschaffung der rechtlichen Benachteiligung von Frauen im Iran ein. Die zweifache Mutter ist im „Iranischen Kinderschutzbund“ aktiv und setzt sich dort für die Belange von Gewalt betroffener und missbrauchter Kinder ein.

Ehrenamtlich unterstützt Sotoudeh zudem die Verteidigung von Hinrichtung bedrohter Jugendlicher und von Gewaltopfern bei den Massenprotesten nach Ahmadinedschads Wiederwahl im Sommer 2009.

Nasrin Sotoudeh war 49 Tage im Hungerstreik

Nasrin Sotoudeh 

Nach der Veröffentlichung von Teilen ihrer Tagebücher durch den „Spiegel“ im Herbst 2010 wurde Sotoudeh verhaftet und saß drei Jahre lang im Teheraner Evin-Gefängnis. Ihr wurden „Aktivitäten gegen die islamische Ordnung“ vorgeworfen. Um gegen die unwürdigen Haftbedingungen zu protestieren und auf Einschränkungen der Besuchserlaubnis hinzuweisen, trat sie zweimal in den Hungerstreik.

Ihre 12-jährige Tochter Mehraveh und ihr Ehemann Reza Khandan erhielten Ausreiseverbot, weil sie für die inhaftierte Sotoudeh den Preis des Internationalen Menschenrechtskomitees von Italien entgegennehmen wollten. Damit ist Mehraveh die jüngste vom Ausreiseverbot betroffene Person im Iran.

Die Rechtsanwältin Sotoudeh wirkte auch in dem Film „Taxi“ mit, für den der iranische Regisseur Jafar Panahi auf der Berlinale 2015 den Goldenen Bären erhielt. Den Regisseur und die Juristin verbindet einiges: Beide wurde 2012 mit dem Sacharow-Preis für ihren Einsatz gegen Intoleranz, Fanatismus und Unterdrückung ausgezeichnet. Beide wurden zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt.

Sotoudeh erhielt 2014 die Barbara-Goldsmith-Auszeichnung von US-PEN für freie Meinungsäußerung.

NASRIN BASSIRI

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* Mehrangiz Kars Auszeichnungen:

1976 Forough Farrokhzad Preis für die beste Essayistin.

2000 Yarshater Preis für das beste Buch zum Thema iranische Frauen.

2000 Donna Dell’anno Preis des italienischen Journalistenverbands für ihren nachhaltigen Einsatz für die Frauenrechte.

2000 PEN/NOVIB (Niederlande) Preis für eine Schriftstellerin, die ihre Freiheit aufgrund ihrer politischen Überzeugung und freien Meinungsäußerung verlor.

2001 Vasyl Stus Auszeichnung des Schriftstellerverbands Neuengland für eine Schriftstellerin, die ihre Stimme gegen Unterdrückung und Brutalität erhoben hat.

2002 Hellman/Hammett Preis von Human Rights Watch für eine Schriftstellerin, die Folterungen ausgesetzt ist.

2002 Ludovic Trarieux Preis, gemeinsamer Preis der Menschenrechtsorganisation von Bordeaux und des Europäischen Rechtsanwaltsvereins für den Einsatz für Frauenrechte.

2004 „Human Rights First“, Preis für Menschen, die sich rund um den Globus für Freiheit und Menschenwürde einsetzen.