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„Töten Sie doch die Filmschaffenden“

Iranische Filmschaffende protestieren massiv gegen das Verbot ihres Berufsverbandes „Haus des Kinos“, das das iranische Ministerium für Kultur Anfang Januar verkündet hatte. Sie kündigten an, das staatliche iranische Fajr Filmfestival zu boykottieren, wenn der Auflösungsbefehl nicht zurückgenommen wird. mehr »

Als wäre das Schließen des Berufsverbands der iranischen Filmschaffenden „Haus des Kinos“ (HdK) nicht skandalös genug, trat am 3. Januar der Minister für Kultur und islamische Führung, Mohammad Hosseini, im staatlichen Fernsehen auf und beschuldigte die Mitglieder des HdK, „Unterstützer von Feinden des islamischen Systems“ zu sein. Als Beweis nannte er die letzten zwei Veranstaltungen des Verbandes, bei denen Personen eingeladen und zelebriert worden seien, die im Ausland lebten und deren feindliche Haltung gegen die Islamische Republik bekannt sei. Zudem sei dort auch den „Unterstützern der Opposition der islamischen Republik Iran“ applaudiert worden, so Hosseini. Als weiteren Grund für die Schließung nannte der Minister die Reaktion des HdK auf die Verhaftung von sechs iranischen Dokumentarfilmern. Der Verband hatte die Verhaftungen vom September 2011 in zwei Erklärungen kritisiert und „Respekt vor den Rechten Gefangener und die Einhaltung aller gesetzlichen Vorschriften“ gefordert.

Lawine von Protesten

Die iranischen Filmemacher protestieren massiv gegen diese Vorwürfe. In offenen Briefen, Facebook-Beiträgen und Interviews bringen sie ihren Widerstand gegen die Auflösung ihres Berufsverbands zum Ausdruck. Der Regisseur Kamal Tabrizi formuliert seinen Protest sarkastisch: „Teilen Sie doch nach der Auflösung des Haus des Kinos dessen Mitglieder in drei Gruppen: Verbannen Sie eine Gruppe ins Exil, töten Sie eine Gruppe mit vergiftetem Kaffee und machen Sie den Rest in den Zeitungen und Zeitschriften nieder!“ Auch die international geachtete Filmemacherin und Produzentin Rakhshan Bani Etemad bezeichnet die Auflösung des HdK als absurd. Sie schreibt: „Das Haus des Kinos ist kein Mieter, der von seinem Eigentümer auf Zwangsräumung verklagt wird. Auch wenn wir zeitweilig nicht über einen Ort für unsere Versammlungen verfügen, ist keine Anordnung in der Lage, unseren Glauben an das Fortbestehen unserer Film-Familie zu brechen.“ Zu den Protestlern gehört auch der Regisseur Majid Majidi, dessen Film „Kinder des Himmels“ 1997 für den Oscar nominiert war.

Bahman Farmanara will als Protest alle seine Fajr-Auszeichnungen an das Festival-Büro zurückschicken.

Bahman Farmanara will als Protest alle seine Fajr-Auszeichnungen an das Festival-Büro zurückschicken.

Ironisch ist der Kommentar von Alireza Khamseh. Der Kulturminister habe sich entschieden, statt der Straße von Hormus das Haus des Kinos zu schließen, so der bekannte iranische Komiker. Und die Filmemacherin Tahmineh Milani schreibt: „Es ist falsch, wenn durch die Schließung des Hauses des Kinos die Ideen und Ziele von fünftausend Künstlern dem Fehlverhalten einer kleinen Gruppe zum Opfer fallen. Das wahre Zuhause des Künstlers ist das Herz des Volkes. Das bewahrt er mit seiner Loyalität und seinem Engagement für das Volk. Sie haben deshalb nur sein physisches Haus geschlossen.“

Boykott des Fajr-Filmfestivals

Der Regisseur und Produzent Bahman Farmanara ruft die Mitglieder des HdK dazu auf, zusammenzuhalten. Sie sollten sich weigern, ihre Filme dem nächsten Fajr-Filmfestival zur Verfügung zu stellen, damit „dieses ungehörige Verhalten“ schnell ende und das HdK wieder geöffnet werden könne, so Farmanara. Das Fajr-Filmfest findet jährlich im Februar in Teheran unter der Aufsicht des iranischen Kulturministeriums statt. Er werde wegen dieses Affronts gegen das iranische Kino alle seine Fajr-Auszeichnungen an das Festival-Büro zurückschicken, kündigt Farmanara an.

Dem online-Magazin Rooz zufolge sollen die Kultur- und Sicherheitsbehörden im Zuge der massiven Proteste der Filmleute bereits mit einigen einflussreichen Persönlichkeiten aus dem iranischem Kino zusammengekommen sein. Sie hätten versprochen, dass in den nächsten Tagen der Befehl des Kulturministers aufgehoben werde. Sollte dem nicht entsprochen werden, würden viele Filmschaffende das Fajr-Filmfestival boykottieren.

Kino als Wahlkampagne?

Es gibt auch Stimmen, die die plötzliche Auflösung des Hauses des Kinos als Teil einer Werbekampagne für die kommende Parlamentswahl betrachten – die zum ersten Mal in der Geschichte der islamischen Republik von reformorientierten Parteien boykottiert wird. Sie verweisen dabei auf Bemerkungen von Ahmad Tavakkoli, dem Leiter der Forschungsstelle des Parlaments. Er hatte gesagt, dass die Auflösung des Berufsverbands allein der Popularität des iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinedschad dienen solle, der in Kürze als  „Retter in letzter Sekunde“ auftreten werde.

Parasotu Sepehri

Quelle: Rooz Oline

Infos über „Haus des Kinos“ (HdK): Das HdK wurde Anfang der 1990er Jahre von einigen Filmschaffenden als einziger unabhängiger Berufsverband der iranischen Filmschaffenden gegründet. Nach langer Auseinandersetzung mit den Behörden – hauptsächlich wegen der Satzung – startete das HdK seine Aktivitäten im Jahr 1993. Es hat etwa 5.000 Mitglieder. Für mehr Infos auf Englisch click hier.

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