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Minderheitensprachen: Bedrohung oder Chance?

Der Iran ist ein Vielvölkerstaat. Doch die staatliche Rundfunkanstalt ignoriert ethnische Minderheiten – die die Mehrheit des Landes stellen. Kritik dafür kommt jetzt aus allen Ecken – auch von einflussreichen Politikern. mehr »

Die staatliche iranische Rundfunkanstalt (IRIB) stifte mit manchen Sendungen Unfrieden in der Gesellschaft, kritisierte der einflussreiche Politiker Hashemi Rafsanjani am Donnerstag. Bei einer Konferenz in Teheran wies der Geistliche darauf hin, dass nur durch die Einheit aller im Iran lebenden Menschen die nationale Einheit gesichert sei. Er forderte daher die Verantwortlichen der IRIB zu Neutralität auf.

Zuvor hatte der iranische Präsident Hassan Rouhani der IRIB vorgeworfen, nicht alle religiösen und ethnischen Minderheiten des Landes zu repräsentieren.

Nach der Ernennung von Mohammad Sarafaraz zum neuen Intendanten der staatlichen Rundfunkanstalt hatte Molana Abdolhamid, einer der geistlichen Führer der Sunniten in der ostiranischen Provinz Sistan-Belutschestan, die Hoffnung geäußert, das iranische Fernsehen werde sich demnächst auch den ethnischen und religiösen Minderheiten im Iran öffnen und sie nicht weiterhin ignorieren.

Altes neues Problem

Die Minderheiten im Iran bilden die Mehrheit der Bevölkerung

Die Minderheiten im Iran bilden die Mehrheit der Bevölkerung

Der Iran ist ein Vielvölkerstaat, ein Flickenteppich aus ethnischen Minderheiten. Neben Persern, die die Mehrheit stellen, leben dort Azeris, Kurden, Araber, Balutschen, Turkmenen und Afro-Iraner. Sie sind Schiiten, Sunniten, Christen, Juden, Zoroastrier und Atheisten, haben ihre eigenen Sprachen, Sitten und Bräuche. Laut dem ehemaligen Bildungsminister Hamid-Reza Haji Babaie sind etwa 70 Prozent der SchülerInnen im Iran zweisprachig.

Die Minderheitenfrage bereitete der iranischen Zentralregierung schon immer Probleme. Bereits zu Zeiten des Schahs war es Minderheiten nicht erlaubt, ihre Kultur zu leben. Weder Schulen noch Zeitungen gab es in den Minderheitensprachen.

Persisch war und ist auch heute noch laut der iranischen Verfassung einzige Amtssprache. In staatlichen Einrichtungen wie Schulen und Behörden wird nur die Verwendung der persischen Sprache toleriert.

Nach der Revolution von 1979 hat die daraus entstandene islamische Republik versucht, den Umgang mit den ethnischen Sprachen neu zu definieren. In der neuen Verfassung wurde das Gesetz der „offiziellen Sprache“ (Artikel 15) erlassen: „Die gemeinsame Sprache und Schrift des iranischen Volkes ist Persisch. Offizielle Urkunden, Schriftwechsel und Texte sowie Lehrbücher müssen in dieser Sprache und Schrift abgefasst sein. Der Gebrauch der einheimischen Sprachen und Dialekte in der Presse und anderen Medien wie auch der Unterricht der entsprechenden Literatur in den Schulen ist jedoch neben der persischen Sprache freigestellt.“

Doch auch 35 Jahre danach hat sich kaum etwas geändert. Präsident Rouhani möchte zwar das „Sprachverbot“ aufheben. Doch das stelle den Iran vor eine seiner größten innenpolitischen Herausforderungen, meinen ExpertInnen.

Obwohldie Hardliner fürchten, bei Gleichberechtigung aller IranerInnen Separatismus und die Spaltung des Landes herbeizuführen, legte Rouhani im Mai 2013 einen 10-Punkte-Plan zur Verbesserung der Situation der Minderheiten vor. In diesem Plan ist sogar die Errichtung einer Akademie für Sprache und Literatur der Azeris vorgesehen. Bildungsminister Ali Asghar Fani sagte im Januar 2014, das Kabinett plane die Durchsetzung des Sprachgesetzes.

Doch diese Vorhaben der Regierung werden vonseiten der Hardliner heftig kritisiert. Die konservative „Akademie der Persischen Sprache und Literatur“ behauptete, Rouhanis Pläne würden zur Spaltung des Landes führen und die persische Sprache schwächen.

Keine Hoffnung auf Verbesserung

Ex-Bildungsminister: Etwa 70 Prozent der SchülerInnen im Iran sind zweisprachig!

Ex-Bildungsminister: Etwa 70 Prozent der SchülerInnen im Iran sind zweisprachig!

„Wir haben erwartet, dass unsere Kinder schon im September 2013 Schulen in ihrer Muttersprache besuchen können“, sagt der ehemalige kurdische Parlamentsabgeordnete Jalal Jalalizadeh im Gespräch mit TFI. Doch die Versprechungen der Regierung seien nicht eingehalten worden und die Situation sei bisher unverändert geblieben, so Jalilizadeh: „Rouhani wurde mit den Stimmen der Minderheiten zum Präsidenten gewählt. Er weckte große Hoffnung unter ihnen.“ Jalalizadeh war Herausgeber einer kurdischen Zeitschrift im Iran, die sich für das Recht auf Gebrauch der einheimischen Sprachen und Dialekte in der Presse und anderen Medien einsetzte. Die Antwort der Hardliner war die Schließung der Zeitschrift.

Es gibt auch OptimistInnen

Die Teheraner Universitätsdozentin Emilia Nersesian gehört zu jenen, die hoffnungsvoller in die Zukunft blicken. Sie vertritt die Meinung, dass für die Umsetzung des Sprachgesetzes gute Voraussetzungen da seien: „Das Sprachgesetz steht nun in der iranischen Gesellschaft zur Debatte.“

Die Forscherin, die sich seit Jahren mit der Zweisprachigkeit von Kindern beschäftigt, vergleicht die jetzige Lage mit der Ära von Präsident Ahmadinedschad und kommt zu dem Ergebnis: „Die Lage hat sich verbessert.“ Sie erwarte nun von den zuständigen Ministerien, „dass sie sich für das Inkrafttreten des Sprachgesetzes nach 35 Jahren stark machen“.

  TAHER SHIR MOHAMMADI