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Rückkehr des Analphabetismus

Nicht nur die Maßnahmen der iranischen Regierung zur Alphabetisierung stoßen auf Kritik. Auch vor der wachsenden Zahl von IranerInnen, die trotz Schulbesuchs nicht lesen und schreiben können, wird gewarnt. Der Staat hat keine wirksamen Rezepte dagegen. mehr »

Wieder einmal kritisieren die Regierenden der Islamischen Republik einen gesellschaftlichen Missstand, ohne dagegen klare Zeichen zu setzen. Präsident Hassan Rouhani hat Anfang März bei einer Teheraner Fachtagung zum Thema Analphabetismus im Iran zwar verlauten lassen, der Anteil der Lese- und Schreibkundigen bei den unter 50-Jährigen sei von 48,8 Prozent im Jahre 1976 auf 92,5 Prozent 2011 gestiegen. Er wies aber zugleich darauf hin, dass die Alphabetisierung allein nicht ausreiche: Die Menschen müssten weitergebildet werden – um einen Rückfall in das Analphabetentum zu verhindern.

Viele Analphabeten haben Hemmung, sich als solche anzugeben!

Viele Analphabeten haben Hemmung, sich als solche anzugeben!

Gemäß der letzten iranischen Volkszählung von 2011 waren 14,4 Prozent der IranerInnen über sechs Jahren Analphabeten. Dies entspricht in etwa 9,5 Millionen Personen. Diese Zahlen beruhen jedoch auf Angaben der Befragten selbst. Da viele Analphabeten sich schämen, sich als solche anzugeben, gehen ExpertInnen davon aus, dass die eigentliche Zahl viel höher liegt. Dazu kommen viele, die zwar eine Schule besucht oder an Alphabetisierungskursen teilgenommen haben, aber trotzdem nicht richtig lesen und schreiben können.

Ali Asghar Fani, der iranische Bildungsminister, warnte auf der Fachtagung in Teheran vor einer „Rückkehr des Analphabetismus“: „Viele Menschen nehmen an Alphabetisierungskursen teil, bleiben aber trotzdem Analphabeten, weil sie im Alltag keinen Bezug zu Zeitungen, Zeitschriften oder Büchern haben“, so der Minister.

Die Zeitung Arman zitierte am 10. März Experten, die sich um das Bildungswesen des Iran Sorgen machen. „Unter den Kindern und Jugendlichen, die eine Schule besucht haben, erleben wir oft Personen, die nicht richtig lesen und schreiben können“, sagt etwa der Bildungsexperte Mehdi Hejazi. In den vergangenen Jahrzehnten habe sich die Anzahl der Analphabeten trotz Anstiegs der offiziellen Alphabetisierungsrate nicht reduziert. „Sie ist sogar um 400.000 gestiegen“, so Hejazi: „Zurzeit haben 82 bis 84 Prozent der über sechsjährigen Iranerinnen und Iranern eine Schulbildung, aber die absolute Zahl der Analphabeten liegt immer noch bei zehn Millionen.“

Farhad Bashiri, Mitglied des Bildungsausschusses des iranischen Parlaments, kritisiert im Gespräch mit Arman die staatlichen Maßnahmen zur Alphabetisierung. Um auf diesem Gebiet erfolgreich zu sein, müssten die staatlichen Organe kreativ und flexibel arbeiten, doch sie seien zu konservativ und böten einfachen Menschen keine Anreize.

Zu hoch!

Die größte Analphabetenrate im Iran – etwa 30 Prozent – besteht bei Frauen auf dem Land!

Die größte Analphabetenrate im Iran – etwa 30 Prozent – besteht bei Frauen auf dem Land!

Ali Bagher Zadeh, Direktor der staatlichen Organisation für Alphabetisierung (Literacy Movement Organisation – LMO) gab ohne Angabe von Zahlen auf der Fachtagung in Teheran bekannt, dass die Anzahl der unter 50-jährigen Analphabeten „immer noch zu hoch“ sei. Seiner Aussage nach würden viele Kinder vor dem dritten Schuljahr die Schule verlassen: „Sie werden in den Statistiken als alphabetisiert bezeichnet, während sie nicht richtig lesen und schreiben können.“ Daher forderte Bagher Zadeh, der auch Stellvertreter des Bildungsministers ist, dass die Definition des Analphabetismus geändert werden müsse.

Außerdem kritisierte er, dass sich die Zahl der Analphabeten seit 15 Jahren nicht geändert habe und die größte Analphabetenrate – etwa 30 Prozent – bei Frauen auf dem Land bestehe.

Wiederholung der Fakten

Weder die Zahlen noch die Sorgen der Politiker darüber sind neu. Attaollah Soltani Sabour, Vorsitzender des Bildungsausschusses des Parlaments, hatte bereits im Sommer vergangenen Jahres von zehn Millionen AnalphabetInnen berichtet und gefordert, die Regierung müsse „alle Wege, die zum Verlassen der Schule leiten, sperren, um die Schulpflicht praktisch zu ermöglichen“. Zuvor hatte Mohammad Bagher Ebadi, Mitglied desselben Ausschusses, die Arbeit der staatlichen Alphabetisierungsorganisation und des Bildungsministeriums aus dem gleichen Grund scharf kritisiert.

Im Ranking der UNESCO über die Analphabetenrate in 164 Ländern steht der Iran an 88. Stelle. Bei der Gründung der Islamischen Republik vor 36 Jahren versprachen die revolutionären Machthaber, innerhalb kürzester Zeit „die Wurzel des Analphabetismus auszutrocknen“. Obwohl laut Regierungsverantwortlichen die Alphabetisierung einer Person nicht mehr als 550.000 Tuman (etwa 130 Euro) kostet, konnte die Islamische Republik dieses Ziel bisher nicht erreichen. LMO-Direktor Ali Bagher Zadeh hatte dennoch im Dezember 2013 versprochen, die Zahl der Analphabeten bis 2016 auf Null zu bringen. In Anbetracht seiner eigenen Aussagen auf der Teheraner Fachtagung kann man dem Politiker dabei nur die Daumen drücken.

  Maryam Kashani / F. P.

Übersetzt aus dem Persischen und überarbeitet von Lotfali Semino

Quelle: Roozonline