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Massenentlassungen und Zeitverträge: Zur Situation iranischer Arbeiter

Etwa 85 Prozent der Arbeiter im Iran besitzen lediglich einen dreimonatigen Arbeitsvertrag. Im vergangenen Jahr haben landesweit etwa 100.000 Arbeiter ihre Jobs verloren. Mehr zu der Krisensituation der Lohnarbeiter. mehr »

 

„Das Land gehört den Arbeitern. Es gibt keine Ausbeutung mehr, keinen Druck aus dem Ausland. Wir sind unabhängig, kein westlicher Staat darf sich mehr in unsere inneren Angelegenheiten einmischen.“ Das sagte der iranische Revolutionsführer und Gründer der islamischen Republik, Ayatollah Rohollah Khomeini bei seiner ersten Rede in Teheran anlässlich des internationalen Tages der Arbeit am 1. Mai 1979.
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Das Gegenteil von Khomeinis Rede vom Ende der Ausbeutung trat ein. Denn während der vergangenen 33 Jahre hat sich die Situation der Arbeiter im Iran kontinuierlich verschlechtert. Soweit, dass das sogenannte „Motto des neuen Jahres“, das alljährlich vom religiösen Oberhaupt des Iran, Ayatollah Ali Khamenei, bestimmt wird, in diesem Jahr der Wirtschaft gilt: „Das Jahr der nationalen Produktion, der Arbeit und der iranischen Vermögenswerte.“ Offenbar besteht die Hoffnung, dass sich durch eine stärkere Förderung nationaler Hersteller auch die Situation der Arbeiter verbessern lässt.

Aber für viele Kritiker bleibt dies eine illusorische Hoffnung – angesichts des katastrophalen Arbeitsmarktes und der schlechten Bedingungen für die Arbeiter. Anfang Mai sagte der Leiter des iranischen Arbeiterverbands, Fatollah Bayat, der Nachrichtenagentur ILNA, die Situation der iranischen Produktion sei besorgniserregend. Da vorgesehene staatliche Fördergelder nicht an die Banken gezahlt wurden, fehle den Banken Kapital für die Kreditvergabe an Unternehmen. Zudem müssten die meisten iranischen Fabriken mit gestiegenen Energiepreisen kämpfen. Weiter bemerkt Bayat, die ökonomische Instabilität des Landes führe dazu, dass immer mehr  Hersteller kürzere Arbeitsverträge abschließen. So besitzen derzeit etwa 85 Prozent der iranischen Arbeiter lediglich einen dreimonatigen Arbeitsvertrag.

Armut reißt Familien auseinander

Im Iran werden unabhängige Gewerkschaften nicht zugelassen. Foto: Die Mitarbeiter der Teheraner Busgesellschaft verlangen auf dem Plakat freie Gewerkschaften.Auf dem Pl

Im Iran werden unabhängige Gewerkschaften nicht zugelassen. Foto: Die Mitarbeiter der Teheraner Busgesellschaft verlangen auf dem Plakat freie Gewerkschaften.Auf dem Pl

Verbandschef Bayat fordert von der Regierung auch mehr Unterstützung für die Arbeiter: “Schließlich leben über 50 Prozent der iranischen Arbeiter unter der Armutsgrenze“.  Nach offiziellen Angaben gelten Menschen in der Hauptstadt mit einem Einkommen unter 510 Euro pro Monat als arm. Die meisten Arbeiter in Teheran verdienen jedoch umgerechnet nur 400 Euro pro Monat. Den Mindestlohn hat Irans Oberster Rat für Arbeit auf nur 180 Euro festgelegt.

Genaue Angaben über die Gehaltsunterschiede von männlichen und weiblichen Arbeitern im Iran gibt es nicht. Dennoch berichtet die iranische Nachrichtenagentur ISNA über eine zunehmende Ungleichbehandlung von Männern und Frauen: “Aus einem Vergleich der Zahlen des Statistischen Amtes und den Angaben der ‚Organisation für soziale Sicherheit‘ geht hervor, dass immer mehr Frauen nur die Hälfte von dem verdienen, was Männern bezahlt wird“.

Andere iranische Internetportale berichten, viele Arbeiter hätten aufgrund des massiven finanziellen Drucks ihre Familien in kleinere Städte geschickt und würden nun an einem kleinen Schlafplatz direkt an ihrem Arbeitsplatz übernachten. Das soll dazu geführt haben, dass die Arbeitgeber ihre Angestellten immer mehr in Anspruch nehmen und ihnen häufig Überstunden abverlangen.

Widersprüchliche Angaben über den Arbeitsmarkt

Erst Mitte April dieses Jahres kündigte Mohammad Attarian, der die Interessen der Arbeitnehmer beim Obersten Rat für Arbeit vertritt, an, etwa zwei Millionen Stellen seien abgebaut worden. Gleichzeitig meldete aber das Arbeitsministerium, in 2011 seien bis zu 1,6 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen worden. Daher wirft Attarian dem Arbeitsministerium vor, die Zahlen „vertauscht“ zu haben. Und auch der Parlamentarier Ahmad Nejabat meint: „Wenn die Angaben der Regierung mit bis zu 1,6 Millionen neuen Arbeitsplätzen stimmen sollten, dann müsste die Arbeitslosenrate auch dementsprechend zurückgegangen sein. Was aber nicht geschehen ist.“

Arbeitslosenrate

Auch zur Arbeitslosenrate gibt es unterschiedliche Angaben. Arbeiter-Vertreter Bayat sagte der iranischen Agentur ILNA, mehr als 50 Prozent der Stellen seien unsicher: “Die offiziellen Angaben über die Zahl der Arbeitslosigkeit im Iran entspricht nicht der Realität.“

Dabei bezieht sich Bayat auf die Daten des iranischen Statistischen Amtes, nach dem die Arbeitslosenrate für 2011 bei 12,3 Prozent gelegen haben soll. “Unserer Einschätzung nach lag die Arbeitslosigkeit aber für den gleichen Zeitraum bei mehr als 23 Prozent“, sagte Bayat.

Ähnlich sieht es der Leiter der iranischen Arbeiterorganisation „Khaneh Karegar“. Alireza Mahjoub sagte der Nachrichtenagentur ILNA: “Im vergangenen Jahr haben im Iran landesweit etwa 100.000 Arbeiter aus rund tausend verschiedenen Fabriken ihre Jobs verloren“. Da die Angaben so widersprüchlich seien, bemerkt Mahjoub, könnten die Wirtschaftsexperten keine richtigen Analysen und Zukunftspläne zur Verbesserung der Arbeitsmarktlage im Iran erstellen.

FP