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Hardliner-Proteste erzürnen iranische Web-User

Zwei Demonstrationen konservativer Regimeanhänger in Kaschan und Teheran haben in den vergangenen Tagen für reichlich Diskussionsstoff unter iranischen Web-Usern gesorgt. Während in Kaschan die DemonstrantInnen selbst auf Gewalt zurückgriffen, waren sie in Teheran diejenigen, auf die eingeprügelt wurde. Top-Themen der persischsprachigen Web-Community. mehr »

Die Schauspielerin Fatemeh Motamed-Aria ist vergangene Woche in der Stadt Kaschan zur Zielscheibe konservativer Wut geworden. Der Grund: Die 55-Jährige war gegen den Willen einflussreicher örtlicher Geistlicher und städtischer Behörden in die zentraliranische Stadt gereist, um mit dem Filmregisseur Kaveh Ebrahimpour der Aufführung ihres jüngsten Films „Yahya sokoot nakard“ („Yahya hat nicht geschwiegen“) beizuwohnen und an einer anschließenden Gesprächsrunde teilzunehmen. Nach iranischen Medienberichten versuchten etwa 60 Menschen die Veranstaltung zu stürmen, um gegen Motamed-Arias vermeintlich „unzureichende Verschleierung“ und ihre Nähe zu iranischen Reformkräften zu protestierten. Das Angebot der Schauspielerin, die Protestierer kontrolliert in den Saal zu lassen, um mit ihnen das Gespräch zu suchen, soll von den Demonstrierenden abgelehnt worden sein. Nach Veranstaltungsende stiegen Medienberichten zufolge einige von ihnen auf das Dach des Autos von Motamed-Aria und Ebrahimpour und versuchten, die Windschutzscheibe zu zertrümmern. Schauspielerin und Regisseur kamen mit dem Schrecken davon.

Die Aggression gegen Motamed-Aria ruft empörte Reaktionen hervor. Viele iranische Internetuser solidarisieren sich mit ihr. „Ich bin schockiert. Als Einwohner von Kaschan möchte ich mich bei Frau Motamed-Aria entschuldigen. Der Mob hat nur für sich gesprochen und nicht für unsere Stadt“, schreibt Behnam auf dem Nachrichtenportal Khabar Online.
„Einfach nur erschreckend, was da passiert ist“, schreibt ein anonymer User auf Fararu. „Das Ganze hat etwas von einem Zombie-Film. Kreaturen, die auf Autos steigen und Scheiben zertrümmern wollen, sieht man normalerweise nur im Kino“, so der Schreiber weiter.

„Und wieder einmal müssen sich die IranerInnen vor der ganzen Welt für die Taten einer Handvoll IdiotInnen schämen“, schreibt wiederum Parnia1376 auf Fararu. Ähnlich äußert sich Mohsen auf Aftab News: „Diese Menschen blamieren den Iran und unsere Revolution in der ganzen Welt bis auf die Knochen.“ Es sei traurig, dass in der Islamischen Republik KünstlerInnen so behandelt würden. „Ich hoffe inständig, dass eines Tages auch die konservativen Hardliner erkennen, wie wichtig diese Menschen für unser Land sind“, schreibt Hamed auf Radio Farda.

„Die Verantwortlichen müssen endlich zur Rechenschaft gezogen werden. Damit meine ich nicht diese paar DemonstrantInnen vor Ort, sondern alle, die im Vorfeld von Motamed-Arias Besuch in Kaschan gegen sie gehetzt haben“, fordert Shahriar auf der Facebookseite von BBC Farsi.

„So verhält sich keine Muslima“

Fatemeh Motamed-Aria: kritisiert wegen "unzureichender Verschleierung"

Fatemeh Motamed-Aria: kritisiert wegen „unzureichender Verschleierung“

Einige IranerInnen kritisieren jedoch auch Motamed-Aria deutlich und verteidigen die DemonstrantInnen in Kaschan: „Für mich ist es unbegreiflich, dass so viele Menschen diese Frau jetzt bemitleiden. Sie müssen begreifen, dass ihre unislamische Verhaltensweise den Menschen in Kaschan keine andere Wahl gelassen hat, als so auf ihren Besuch in der Stadt zu reagieren“, schreibt etwa Heydar auf der Webseite YCR. „Iranische Frauen haben sich gefälligst anständig zu verschleiern. Es macht keinen Unterschied, ob sie Hausfrau oder Schauspielerin sind. Die Gesetze gelten für alle“, klagt ein anonymer User Motamed-Aria an.

Diese sei eine „große Künstlerin“, lobt Musa die Schauspielerin, um sie dann jedoch zu kritisieren: „So verhält sich aber keine Muslima. Mit ihrer unislamischen Verschleierung hat sie das Herz des Revolutionsführers gebrochen.“ Wer sich derart mangelhaft verschleiere und sich nicht einmal dafür schäme, sei weder Muslima noch irgendein Kulturgut für den Iran, so ein anonymer Besucher der Webseite Aparat. „Frau Motamed-Aria muss begreifen, dass sie mit den religiösen Gefühlen der IranerInnen spielt“, schreibt wiederum Ali auf Khabar Online, erntet damit jedoch Widerspruch: „Ihre religiösen Gefühle in allen Ehren, aber es ist falsch, den Glauben mit Gewalt gegen eine Frau verteidigen zu wollen“, entgegnet ihm Ahmad.

„Im Iran herrscht leider Gesetzlosigkeit“

Manche IranerInnen fragen sich, wie solche Übergriffe überhaupt möglich sein und warum sie nicht verhindert werden konnten: „Wie kann es sein, dass solche Dinge sich in dieser Häufigkeit wiederholen können? Wo ist die Polizei in solchen Situationen?“, echauffiert sich ein anonymer Besucher der Webseite Aftab News. Im Iran herrschten keine Regeln und Gesetze, die für alle gültig seien, klagt Toloo auf Radio Farda. „Oppositionelle werden bei dem kleinsten vermeintlichen Vergehen beobachtet und verhaftet, während die Polizei plötzlich blind und ahnungslos wird, wenn RegimeanhängerInnen sogar öffentlich zu gesetzeswidrigen Aktionen aufrufen“, schreibt die Iranerin weiter. Ähnlich äußert sich Delbar auf Fararu: „In diesem Land herrscht leider Gesetzlosigkeit. Gewalttätige Regimeanhänger stürmen Veranstaltungen von Intellektuellen, KünstlerInnen und Oppositionellen, sogar Botschaften, und trotzdem lässt man sie immer weiter gewähren. Armer Iran“.

Polizeigewalt gegen Hardliner

Die von vielen geforderte Härte der Sicherheitskräfte traf zwar nicht die DemonstrantInnen in Kaschan, dafür aber Dutzende Angehörigen der paramilitärischen Basijis am Samstag vor dem Erdölministerium in Teheran. Sie hatten an einer unangemeldeten Demonstration gegen die Politik der Regierung teilgenommen. Bei den bei Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften seien etwa 38 Protestierende vorübergehend in Gewahrsam genommen worden, berichten iranische Medien.

Nach den Worten des Ölministers Bijan Namdar Zanganeh benötigt der Iran für die Sanierung seiner maroden Ölindustrie etwa 25 Milliarden US-Dollar ausländische Investitionen. Nach der Aufhebung der internationalen Sanktionen deshalb hat die Regierung angekündigt, mit westlichen Staaten neue Öl-Verträge zu schließen. Das stößt bei den Hardlinern auf Kritik. Sie nennen das Vorhaben der Regierung als „Ausverkauf des Landes“.

Viele IranerInnen zeigen sich im Internet erstaunt über das Vorgehen der Polizei am Samstag: „Ich dachte, ich erlebe den Tag nicht mehr, an dem auch mal konservative Regimeanhänger niedergeknüppelt werden,“ schreibt Farzaneh auf der Facebookseite von BBC Farsi.
„Wahrscheinlich hat die Polizei geglaubt, dass die DemonstrantInnen gegen das Regime protestieren wollten. Anders kann ich mir die Gewalt der Sicherheitskräfte nicht erklären“, witzelt ein anderer Besucher auf Facebook. Die Versammlung der StudentInnen sei nicht genehmigt gewesen, schreibt ein anonymer User des Portals Jahan News. „Es war die Pflicht der Polizei, die Demonstration notfalls auch mit Gewalt aufzulösen“, meint der Mann.

Die Demonstration der Hardliner habe nichts mit legitimer Kritik an der Energiepolitik der Regierung zu tun gehabt, glaubt dagegen Elli. Die DemonstrantInnen seien bezahlte Söldner der Revolutionsgarde, die ihre Interessen im Erdölsektor gefährdet sehe, schreibt sie. So sieht das auch Twitter-User Laakposht. „Diejenigen, die am Samstag vor dem Erdölministerium demonstriert haben, hatten ganz gewiss nicht die Interessen der Nation, sondern die der Revolutionsgarde im Sinn“, schreibt er. Auch Bamdad schreibt auf der Facebookpräsenz von DW Farsi: „Ich bin mir sicher, dass die DemonstrantInnen nicht einmal wissen, was die Erdölpolitik der Regierung beinhaltet.“

Sicherheitsbeamte schützen das Gebäude Ölministeriums in Teheran

Sicherheitsbeamte schützen das Gebäude Ölministeriums in Teheran

Der Einsatz der Polizei sei „gut und richtig“ gewesen, findet Miro. „Es kann doch nicht sein, dass ein paar Hardliner dem Volk permanent auf der Nase herumtanzen“, schreibt er auf dem Nachrichtenportal Newsresan. „Ich küsse die Hände der Sicherheitskräfte“, so Nima auf Radio Farda. „Die Hardliner übertreiben es langsam. Alle paar Tage belagern oder stürmen sie irgendein Gebäude“, so der Web-User. Das sieht auch der Twitterer Capline91 so. Er schreibt: „Wahrscheinlich haben sie keine Botschaftsmauern mehr gefunden, über die sie klettern konnten. Da dachten sie, dass sie es ja mal mit einem Ministerium probieren könnten. Hauptsache, sie haben etwas, auf das sie klettern können.“ 2.Khordad fragt auf Newsresan: „Wo waren denn diese um die Zukunft des Iran so besorgten StudentInnen, als ihre ideologischen Brüder unter Ahmadinedschad Tag für Tag die Taschen des Volkes geplündert haben?“

Kritik an Doppelmoral

Doch besonders in konservativen Kreisen wird der Einsatz der Polizei scharf kritisiert. „Um den Iran besorgte StudentInnen“ würden von Sicherheitskräften geschlagen, während man den „Feinden des Iran und des Islam“ den „roten Teppich“ ausrolle, „um sich am Öl des Iran zu bereichern“, so der Grundtenor der Kommentare auf der Webseite Fars News, die den iranischen Hardlinern nahe steht. Kritische Töne wie die Masouds, der den Einsatz der Polizei zwar als „übertrieben“, aber als logische Reaktion auf die aggressiven Protestmethoden konservativer Hardliner ansieht, findet man auf der Nachrichtenplattform kaum.

„Es ist schon bemerkenswert, dass all die IranerInnen, die immer von Meinungsfreiheit reden, plötzlich ein Demonstrationsverbot und Polizeigewalt begrüßen, wenn es gegen konservative Kritiker der Regierung geht“, empört sich Ali Akbar auf Jahan News. User Mazandarani antwortet ihm: „Ich bin eigentlich dagegen, dass DemonstrantInnen verprügelt und verhaftet werden. Jeder soll das Recht haben, seine Meinung frei zu äußern. Aber offen gestanden: Die Genugtuung ist gerade zu groß.“

JASHAR ERFANIAN